Elternarbeit und Medieneinsatz "Gesunde Ernährung"
Referent: Antonio DiazFachtag Elternbriefe
"Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?"Elternarbeit und Medieneinsatz zu Kitathemen
Referent: Iman El-HusseinElternarbeit und Medieneinsatz "Bildungschancen"
Referent: Antonio DiazTag der offenen Tür im ANE
Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" am Freitag, dem 8. Juni 2012 von 14:00 Uhr bis 20:00 Uhr - Informationen und Gespräche für Eltern und ein buntes Kinderprogramm."Generationsübergreifende Folgen nach Krieg, Flucht, Vertreibung und Emigration"
Vortrag von Anita KnapekBerlin, 08.06.2012, 09:00 - 14:00 "Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?" Programm und Anmeldung
Berlin, 08.06.2012, 14:00 - 20:00 Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" Anmeldung
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Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen
"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.

Nie lernt der Mensch schneller als vor der Schulzeit. In diesem Lebensabschnitt ist Wissen ein körperliches Bedürfnis, so wie Essen und Trinken
Aus der Zeitschrift "Wissen" (Ausgabe 02/2005) der Süddeutschen Zeitung GmbH
Im Alter von sieben Monaten und acht Tagen hat Paula ihre Bestimmung gefunden. Sie wird Forscherin. In einem Labor. Dabei ist sie Forscherin eigentlich schon seit ihrer Geburt. Sie analysiert ihre Umwelt, bildet Hypothesen und überprüft sie mit Experimenten. Hier aber, im Babylabor des Münchner Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften, hat Paula ihre bislang interessantesten Forschungsobjekte gefunden: Dieser schwarze Kasten mit den farbigen Tasten zum Beispiel, den ihr die fremde Frau gerade hinschiebt - unwiderstehlich. Irgendwie hatte die Erwachsene es doch geschafft, die blaue Taste aufleuchten und den Kasten dabei brummen zu lassen.
Paulas erste Hypothese ist, dass man auf das blaue Ding drücken muss. Also betatscht sie die Kunststoff-Kuppel mit der rechten Hand. Nichts passiert. Dann verirrt sich die Linke auf die rote Taste, und plötzlich leuchtet das blaue Licht. Stolz schaut Paula die Frau an - und beginnt dann, systematisch zu experimentieren: Sie bewegt ihre Hände vor und zurück, berührt die Tasten mal abwechselnd, mal gleichzeitig. Als sie verstanden hat, dass ihre linke Hand auf der roten Taste das blaue Licht einschaltet, kommt der letzte Kontrollversuch: Linke Hand auf blau - wieder nichts. An der Hand liegt es also nicht, es muss die rote Taste sein. Paula strahlt. Und Petra Hauf auch: „Die können das", sagt die Psychologin, die an Säuglingen erforscht, wann sie das Ziel einer Handlung begreifen und diese nachahmen.
„Die können das" - die drei Worte könnten als Motto für die gesamte Kindheit stehen, besonders für die Jahre vor der Einschulung, in denen die Gesellschaft Kindern nicht allzu viel zutraut. Der „Ernst des Lebens" beginnt schließlich erst mit sechs, wenn der Nachwuchs mit Schultüte und Ranzen zur Einschulung antritt. Viele Belege für die erstaunlichen Geistesleistungen von Babys haben Forscher wie Petra Hauf mittlerweile gesammelt. Und Neurowissenschaftler wie Manfred Spitzer von der Universität Ulm bestätigen: „Das Gehirn tut nichts lieber, als zu lernen. Das zeigen schon Säuglinge.“ Bitter fügt er hinzu: „Wir hatten ja noch keine Chance, es ihnen abzugewöhnen."
In diesen Worten schwingt Frustration über ein Bildungswesen mit, das die Jahre vor der Schule fast völlig ausblendet. Zwar haben auch Kindergärten längst eine gesetzliche Bildungs-Aufgabe. Die Mehrzahl der Eltern und der Politiker aber verlangt für die Kleinsten lediglich Betreuung. „Wir haben Kinder systematisch unterschätzt und unterfordert", klagt Wassilios Fthenakis, Direktor des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik. Gerd Schäfer, Professor an der Universität Köln, ergänzt: „Die Einsicht, dass Kinder von Anfang an hervorragende Lerner sind, wird pädagogisch kaum urngesetzt." Bis zu einem Jahr sprachlicher Entwicklung kosten schlechte Kindergärten die wissbegierigen Kleinen; noch am Ende der zweiten Klasse seien Mängel bei betroffenen Jungen und Mädchen nachzuweisen, berichtet der Berliner Pädagogik-Professor Wolfgang Tietze. Auf seine Daten gestützt, kam die jüngste OECD-Studie zur deutschen Vorschulerziehung zum Ergebnis: Nur ein Drittel der Kindergärten erfüllt seine Aufgabe gut, ein Drittel aber auch schlecht.
Die Quittung dafür, unter dem Stichwort Pisa, hat Deutschland erschüttert. Viele Experten führen das schlechte Abschneiden der 15-Jährigen im internationalen Schulvergleich auf Mängel der Kindergärten zurück. Und so arbeiten fast alle Bundesländer an Curricula für die ersten Jahre. Etliche wurden bereits verabschiedet. In Bayern soll der „Bildungsplan" ab Juni 2005 sogar gesetzliche Autorität erhalten. Wird der Kindergarten eilig zur Schule umdeklariert?
Auf diese Vorstellung reagieren Fachleute entsetzt. Sie haben Zweifel am Entwurf des bayerischen Gesetzes, das das zuständige Ministerium ermächtigen will, „verbindliche Bildungs- und Erziehungsziele vorzugeben".
Noten für deutsche Kindergärten: |
Denn trotz aller Differenzen über die beste Förder-Methode für Kinder - in einer Hinsicht sind sich Pädagogen, Psychologen und Hirnforscher einig: Der Weg, Kindern die Welt des Wissens zu öffnen, hat nichts mit Pauken und Lehren zu tun, sondern nur mit Spielen.
Paula etwa, die sieben Monate alte Nachwuchsforscherin, quiekt vor Vergnügen. Die blaue Lampe leuchtet, der Kasten brummt: So sieht sie aus, die erste spielerische Lust auf Technik. Andere, neun Monate alte Kinder hatten in dem Institut, in dem die Psychologin Petra Häuf arbeitet, vor kurzem auch grundlegende physikalische Erkenntnisse gewonnen: beim Spielen mit zwei äußerlich gleichen Holzwürfeln. Einer davon war zwei Kilogramm schwer, die Kinder konnten ihn kaum bewegen und zogen das 300 Gramm leichte Modell vor. Die Forscher ließen die Kinder dann eine dicke Schicht Watte betatschen und deren nachgiebige Natur erkunden. Schließlich präsentierten sie ihnen die Würfel erneut - gebettet auf die Watte. Nach welchem würden die Babys greifen? Die jungen Talente entschieden sich systematisch für den leichten. Sie erkannten ihn daran, dass er die Watte kaum zusammendrückte, während der schwere tief eingesunken war.
Kinder von einem halben Jahr bewiesen im Labor von Elisabeth Spelke an der Harvard University unlängst sogar, dass Säuglinge eine Beziehung zu Zahlen haben. Die Psychologen ließen eine Puppe immer wieder viermal in die Höhe hüpfen. Als die Kinder sich zu langweilen begannen, sprang das Spielzeug plötzlich achtmal - sofort merkten die angehenden Mathematiker auf.
In einem weiteren Experiment versuchten sich sieben Monate alte Babys als Biologen: Die Harvard-Forscher zeigten den Kindern zwei rosafarbene Tiere, ein Nilpferd, das sich bewegte, und eine regungslose Schlange. Später bekamen die Kinder die gleichen Tiere in grün zu sehen - und beobachteten mit besonderer Aufmerksamkeit das grüne Hippo: Offenbar erwarteten sie, es werde sich bewegen wie der rosafarbene Artgenosse.
Lernen bedeutet für Kinder: Kompliziertes im |
Dass Babys zu all diesen Schlussfolgerungen in der Lage sind, verrät viel über ihre Fähigkeit, sehr früh mit Wissen umzugehen. „Kinder sind gut im Lernen, weil sie .mit einem extrem unfertigen Gehirn geboren werden, das sie ständig umbauen", sagt Hirnforscher Manfred Spitzer. Ist bei der Geburt jede Hirnzelle durch etwa 2500 so genannte Synapsen mit anderen Hirnzellen verbunden, versechsfacht sich diese Zahl zunächst bis zum dritten Lebensjahr. Danach sinkt sie bis zum Ende der Pubertät auf den Erwachsenenwert von 5000 bis 10 000 Synapsen. Dabei verbraucht ein kindliches Gehirn zwischen dem Alter von drei bis etwa acht Jahren so viel Energie wie die Nervenzentralen beider Eltern zusammen.
Denn Lernen bedeutet für das Hirn vor allem: unnütze Verbindungen zu kappen und oft gebrauchte zu verstärken. Das Grundprinzip dabei ist die Reduktion von Komplexität: Das Kind wählt aus der chaotischen Welt aus, was es dringend braucht und in sein bestehendes Wissen integrieren kann.
Die Freiheit bei dieser Auswahl, die eigene Initiative des Kindes, ist das zweite Grundprinzip, das Neuroforscher betonen. „Kann 'leine" ist für Zweijährige ein entscheidender Satz. Denn sobald Kinder selbst Zahnpasta auf die Bürste drücken oder Bilder malen, läuft die Lernmaschine unter der Schädeldecke auf Hochtouren. „Nur diese aufmerksame Verarbeitung hinterlässt Spuren im Gehirn", betont Manfred Spitzer.
Erzieher, die schon Drei- bis Sechsjährigen die Naturwissenschaften nahebringen, setzen daher vor allem auf Spaß. So wie Lioba und Sina ihn an einem klaren Wintermorgen im Kindergarten „Bienenkorb" in Oberhaching bei München haben: Die Erzieherin Vera Desun sitzt mit den Sechsjährigen an einem Tisch und stellt komische Aufgaben -Wasser in ein Glas zu füllen, ohne zu gießen, und einen Luftballon aufzublasen, ohne zu pusten. Die erste Aufgabe kennt Lioba schon. Sie setzt ein Teelicht in eine flache Schale mit grün gefärbtem Wasser, entzündet es mit einem Kaminfeuerzeug und will dann ein großes Bierglas darüber stülpen. Mit gespieltem Entsetzen hält die Erzieherin das Mädchen zurück: „So kann man doch kein Wasser in das Glas füllen!" Lioba kichert wissend, entwindet der Erzieherin das Glas und stülpt es über das Teelicht. Bald hat die Kerze den Sauerstoff unter dem Glas verzehrt und erlischt, und in diesem Moment steigt das grüne Wasser im Inneren nach oben.
Während die anderen Kinder den Versuch wiederholen, versucht Vera Desun mit den Kleinen zu besprechen, was da wohl passiert ist. Doch an der Erklärung, die der Bayerische Bildungsplan zu diesem Experiment bereithält - die Kerze verbrauche einen Teil der Luft, und der werde durch das Wasser ersetzt* -, haben die Kinder an diesem Vormittag kein Interesse. Sie möchten wissen, was nun mit dem Luftballon ist: Vera Desun füllt Essig in eine Flasche, schüttet Natron in den Ballon, stülpt diesen über den Flaschenhals und lässt das weiße Pulver in die Flüssigkeit rieseln. Sofort beginnt der Essig zu schäumen, und der Ballon bläht sich auf. Ehrfürchtig befühlen die Kinder die pralle Hülle und wollen den Versuch selbst wiederholen. Dafür hat Vera Desun schwächeres Backpulver vorgesehen, doch als sie für einen Moment den Tisch verlässt, greift Sina zum Natron. Fast schäumt die kleine Flasche über. Die Kinder lehnen sich auf ihren Stühlen weit zurück und betrachten mit einer Mischung aus Entzücken und Ehrfurcht die Kräfte, die sie da entfesselt haben.
* Später in der Schule lautet die wissenschaftlich-korrekte Erklärung: Das Wasser steigt, weil Kohlendioxidgas entsteht, das sich im Wasser löst, und weil die Luft unter dem Glas beim Erlöschen der Kerze plötzlich erkaltet. Durch beide Phänomene sinkt der Druck im Glas.
Der „Bienenkorb" ist einer von etwa hundert Kindergärten, in denen das Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik die Vorgaben des Bildungsplans erprobt hat. Allerdings ist das bei weitem nicht der einzige Versuch, Naturwissenschaften an Kleinkinder heranzutragen. Die Bielefelder Chemie-Didaktikerin Gisela Lück zum Beispiel hat Dutzende Versuche für den Kindergarten zusammengestellt. Darin geraten zum Beispiel Gummibärchen in Schwierigkeiten, weil sie nass geworden sind und abgetrocknet werden sollen. Dann stellt sich die Frage: Warum geht das eigentlich nicht mit Alufolie? Die kleinen Forscher beträufeln das Metall, ein Taschentuch sowie Saugperlen aus einer Windel mit jeweils der gleichen Menge Wasser. „Dann zeigt sich schnell, was wie viel Flüssigkeit aufnimmt. Und wenn man geschickt fragt, kommen die Kinder darauf, dass die Oberfläche der Alufolie zu glatt ist", sagt Gisela Lück. Ein Blick durch eine Lupe bestätigt dann die These.
Kinder seien ganz begierig auf solche Experimente, berichtet Gisela Lück. Tests in Kindergärten in Kiel, Köln und Frankfurt hätten ergeben: Auch wenn draußen die Sonne scheint und im Garten zum ersten Mal ein Planschbecken steht, entscheiden sich sieben von zehn Kindern für Chemieversuche, sofern sie einmal erfahren haben, wie viel Spaß die machen. Und noch nach einem halben Jahr erinnert sich die Hälfte der Kinder an Details der Experimente.
Bei einer Abstimmung mit den Füßen gewinnt der |
Auch für abstrakte Disziplinen wie Mathematik lassen sich kindliche Gehirne begeistern. Der Lehrer Gerhard Friedrich aus Lahr im Schwarzwald etwa hat in zwei Kindergärten seines Heimatortes sein „Zahlenland"-Konzept erprobt: Die Kleinen spielen mit Zahlenpuppen in Zahlenhäusern und hören Zahlengeschichten wie die von der armen Zwei, die sich darüber ärgert, dass Leute behaupten, sie stottere. Dabei „reden reden alle alle Zweien Zweien so so wie wie sie sie". Vier Jahre alte Kinder, die zuvor bei einem Schuleingangstest im Durchschnitt knapp zwölf von 31 möglichen Punkten erreicht hatten, seien nach ein paar spielerischen Lernwochen auf gut 22 Punkte gekommen, schreibt Friedrich im Online-Handbuch zur Kindergartenpädagogik. Dagegen habe sich in zwei Vergleichskindergärten ohne Zahlenspiele keine Verbesserung gezeigt.
Der Kölner Frühpädagoge Gerd Schäfer wiederum schwärmt von verblüffenden Leistungen, die Kinder in der italienischen Stadt Reggio Emilia zeigen; das Konzept der dortigen Kindergärten gilt vielen als Vorbild. Die Kinder können in Ateliers und Werkstätten spielen, die zu Fragen anregen, während die Erzieherinnen nur leichte Hilfestellung geben. „Einmal wollten die Kinder wissen, wie die Farben in den Regenbogen kommen. Die Erzieherinnen haben ihnen einen Gartenschlauch in die Hand gedrückt, und bald hatten die Kleinen ihre Theorie im Garten mit einem Regenbogen in einem Sprühnebel bestätigt. Der gedankliche Sprung, dass das was mit der Größe der Wassertropfen zu tun hat, war nicht mehr groß."
Wer lernt, kann nicht nur etwas, sondern |
Der entscheidende Unterschied zwischen dem Reggio-Ansatz und anderen Experimenten im Kindergarten liegt im neurologisch wichtigen Grundprinzip der Initiative: Von wem geht die Beschäftigung mit Wissen aus? Von Kindern oder von Erwachsenen? „Tun es die Kinder selbst, entspricht das dem Lernen, das sie von Geburt an kennen", erklärt Schäfer. „Sie reduzieren die Komplexität einer Situation und richten ihre eigene Aufmerksamkeit, wie mit Scheinwerfern, auf Probleme, die sie selbst lösen wollen." Die Erwachsenen ließen sie gewähren: „Man traut ihnen zu, was sie ständig machen: Sie wenden ihr bereits vorhandenes Wissen und Können an, um das zu begreifen, was um sie herum passiert."
Dieses Idealbild muss Schäfer gegen einflussreiche Kontrahenten verteidigen. Gegen Wassilios Fthenakis etwa, der verantwortlich ist für den bayerischen Bildungsplan. Das Curriculum sieht genau die von Schäfer bemängelte Art von Versuchen vor. Fthenakis wiederum kritisiert an Schäfers Pädagogik: Sie degradiere Erzieher wie Eltern zu Architekten einer Spielwelt, in der Erwachsene keine Rolle einnehmen. Die fruchtbare soziale Beziehung bleibe ausgeblendet.
Zwar uneins über die Methode, haben die pädagogischen Streiter jedoch ein klares, gemeinsames Ziel: Die Kinder sollen lernen, wie man Probleme löst und lernt. „Meta-kognitive Fähigkeiten" und „lernmethodische Kompetenz" heißt das im Jargon des bayerischen Bildungsplans, und sie werden nur erworben, wenn Erwachsene mit den Kindern über deren neu erworbenes Wissen sprechen. Wie nötig das ist, zeigt die Forschung der Stockholmer Pädagogin Ingrid Pramling. Sie hatte Kinder bei Projekten beobachtet, in denen diese zum Beispiel verschiedene Zeiteinheiten kennen lernten, dazu passende Lieder sangen, malten und schließlich eine Uhr bastelten. Danach gefragt, was sie gelernt hätten, antworteten die Kinder: „Eine Uhr zu basteln". „Sie dachten, lernen habe nur etwas mit ,tun' zu tun, nicht mit ,wissen'", erklärt Pramling.
Als Pramling die Erzieherinnen anhielt, mit den Kindern den Prozess des Lernens zu besprechen, änderte sich diese Einstellung rasch. Statt zehn glaubten nun 55 Prozent der Kinder, lernen bedeute, Wissen zu erwerben - deutlich mehr als in einer Kontrollgruppe. In der Grundschule zeigten Kinder, die in Pramlings Versuch das Lernen gelernt hatten, bessere kommunikative Fähigkeiten und forderten mehr von ihren Lehrern, was die Pädagogin als Erfolg wertet. Sogar als Bildungsziel ins geplante bayerische Gesetz hat es der Begriff „lernmethodische Kompetenz" geschafft. „Das Ideal von Bildung hat sich gewandelt", sagt Fthenakis, „von einem Wissens-Vorrats- zu einem Wissens-Erneuerungs-Modell." Kein Mensch weiß schließlich, welches Wissen heutiger Nachwuchs braucht, wenn er sich 2050 auf dem Arbeitsmarkt behaupten soll.
Der Weg allerdings ist umstritten. Zwar betont Fthenakis, der Bildungsplan bedeute keine Verschulung. Aber dann gibt es noch die Warnungen der Hirnforscher: Mangels genauer Kenntnis, wann das Gehirn welche Informationen braucht, „ist wohl die beste Strategie, sorgfältig zu beobachten, wonach die Kinder fragen", schreibt Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung. Und Manfred Spitzer sagt: „Bayern übertreibt. Man darf nicht das Soziale über all der Naturwissenschaft vergessen."
Über eines jedoch herrscht Einigkeit: Der Kindergarten muss sich verändern. „Das bringt der Gesellschaft mittel- und langfristig riesige Vorteile", sagt Fthenakis. Wie groß die sein können, -zeigt das amerikanische Perry Preschool Project: 58 schwarze Kinder aus armen Familien hatten 1962 in der Stadt Ypsilanti in Michigan eine aufwändige Kindergarten-Betreuung bekommen. Über die folgenden vier Jahrzehnte entwickelten sich diese Kinder besser als Altersgenossen ohne spezielle Förderung: Sie hatten bessere Noten, qualifiziertere Jobs, höhere Einkommen.
Eine Rendite, die auch deutsche Forscher mit Blick auf Kinder wie die sieben Monate alte Paula avisieren. Bessere Noten, bessere Jobs - und das alles, weil heute die blaue Lampe so spannend ist und in ein paar Jahren der Natron-Ballon im Kindergarten? „Ja, denn die Gehirne sind unsere wichtigste Ressource", sagt Manfred Spitzer. „Wir können es uns nicht leisten, damit umzugehen, als wüssten wir nicht, wie sie funktionieren."
Literatur und Quellen:
Wassilios Fthenakis: Elementarpädagogik nach Pisa, Herder, 2003, 19,90Euro;
Gerd Schäfer, Bildung beginnt mit der Geburt, Beltz, 2004, 19,90Euro;
Gisela Lück: Leichte Experimente für Eltern und Kinder, Herder, 2000, 8,90 Euro;
Alison Gopnik, Patricia Kühl, Andrew Meltzoff: Forschergeist in Windeln, Piper, 2003, 8,90 Euro;
Manfred Spitzer: Lernen, Spektrum Akademischer Verlag, 2002, 31 Euro;
www.kindergartenpaedagogik.de