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Vorhang auf für Osteuropa!

Neuland entdecken

Über Kinder, Eltern und Projekte  - was es bei den neuen EU-Mitgliedern zu entdecken gibt

Der 1. Mai ist gut überstanden. Die Politiker haben feierlich auf die dritte EU-Erweiterungsrunde mit Champagner angestoßen, während sich unsereins lieber bemühte, dem Erweiterungsrummel zu entgehen, um mit den Kindern oder mal familienfrei ein schönes Maienwochenende zu verleben. Schließlich waren die Umstände schon widrig genug – angesichts der mittelprächtigen Wetterlage und des Feiertags, der ungünstig auf einen Samstag fiel.

So einfach kommen wir aber nicht davon. Als ob man noch einen weiteren Anlass für die EU-Propaganda gebraucht hätte, wurde plötzlich auch noch ein Europatag erfunden, von dem so getan wird, als sei er ebenso selbstverständlich wie das Neujahrsfest. Nun gut, aber auch der diesjährige 9. Mai gehört nun der Geschichte an, die Kinder haben die Flaggen der neuen Beitrittskandidaten gemalt und wir haben an Essenständen zyprischen Tsatsiki oder böhmische Brezeln gekostet. Können wir nun wohl wieder zur Tagesordnung übergehen?

Das können wir. Es wäre bloß furchtbar langweilig. Wir würden uns etwas vorenthalten, guckten wir nur auf unseren eigenen Teller. Vielmehr haben wir Grund gespannt zu schauen, wer denn nun alles neu zu unserem Bunde dazu gehört – es gibt Neuland zu entdecken. Wir sind gefragt, Europa mitzugestalten! Und das beginnt beim Kennenlernen. Kennen Sie schon die Kinder, die Spielplätze, die Freuden, Sorgen und Gedanken der Leute in den neuen EU-Beitrittsländern? Eigentlich ist es ganz leicht, sich selbst ein Bild davon zu machen, einfach mal selbst nach Polen, Tschechien, Slowenien... und in die anderen 7 neuen EU-Länder zu reisen. Bevor es aber soweit ist, dass Sie sich selbst zum ersten Mal, oder noch einmal wieder, auf den Weg gen Osten machen, haben Sie die Möglichkeit auf dieser Webseite einige Eindrücke der östlichen Beitrittsländer aus Kinder- und Elternperspektive zu sammeln.

Der Zufall hat es so ergeben, dass sich die Beiträge auf dieser Webseite zum größeren Teil mit Kinderbelangen, Elternfragen und Elternengagement in Polen beschäftigen. Bei aller Vielfältigkeit der neuen EU-Mitglieder haben die Länder Mittelost- und Südosteuropas aber viele wesentliche Gemeinsamkeiten, so dass die Beiträge zum Teil auch stellvertretend für die anderen östlichen Beitrittsländer stehen können. So sagte ein serbischer Maler - nachdem er die von polnischen Kindern produzierten Fotos ihres Lebensumfeldes in einem kleinen Dorf in Polen betrachtet hatte - er sehe in diesen Bildern seine Kindheit, er sehe sein Dorf in der serbischen Provinz.

Aber was haben die Länder Mittel- und Südosteuropas denn gemeinsam und was bedeutet es, als Kind in einem Land des ehemaligen "Ostblocks" aufzuwachsen?

Gemeinsam ist den östlichen EU-Beitrittsländern, dass sie über 40 Jahre lang von einem politischen System regiert wurden, das gegen den Willen und Widerstand der Gesellschaft eingesetzt und aufrecht erhalten wurde. Seit Jahrzehnten waren es die Menschen in den Ländern des realen Sozialismus gewohnt, dass der Staat und die Partei sämtliche politisch und gesellschaftlich wichtigen Entscheidungen treffen. Die vorhandenen demokratischen Einrichtungen hatten sich schon recht bald sinnentleert, nachdem die entsprechenden Gremien der Basisdemokratie durch parteitreue Leute besetzt wurden. Nicht zuletzt die Repressalien machten schnell deutlich, dass es nicht erwünscht war, eigene Interessen zu entwickeln oder selbst politisch aktiv zu werden. Vom demokratischen Zentralismus blieb also nur der Zentralismus übrig.

Das sozialistische System konnte zwar die Staatsgeschäfte lenken, den Wunsch nach Selbstbestimmung in der Bevölkerung hat es aber noch lange nicht einwickeln können. So entstand eine Spaltung der Gesellschaften, die für alle Mittel- und Südosteuropäischen Länder charakteristisch war: auf der einen Seite stand die Bevölkerung mit ihrem Wunsch nach Selbstverwirklichung und auf der anderen Seite standen Regierung und Partei, in der einige Mitglieder – leider wohl die große Mehrheit - ihren persönlichen Vorteil suchten, in der aber auch bis zum Schluss einige mit guten Absichten versuchten, die Gesellschaft von innen, aus dem System heraus positiv zu gestalten.

Kinder, die in einem der östlichen EU-Beitrittsländer aufwachsen, bekommen bis heute die Vorstellung vieler Erwachsener zu spüren, dass für die Versorgung der Kinder der Staat zuständig sei. Zwar war die Gesellschaft größtenteils gegen die Regierung und die Partei eingestellt, man hatte sich aber auch an die Einrichtungen des Staatssozialismus gewöhnt, von der Kinderversorgung bis zum garantierten Arbeitsplatz. Diese Einstellung macht die Lebenssituation für Kinder, die heute in Mittelost- und Südosteuropa aufwachsen, besonders schwer. Die alten Versorgungsleistungen sind weggebrochen und neue noch nicht an ihre Stelle getreten. Es mangelt – ganz besonders in Polen - massiv an Kindergartenplätzen, viele Dorfschulen wurden geschlossen und die Wege zur nächst größeren Dörfergemeinschaftsschule sind so weit, dass die Eltern sich teilweise das Fahrgeld nicht leisten können.

Dennoch trügt das Bild einer unter dem Staatssozialismus komplett gelähmten Gesellschaft. Die Spaltung der Gesellschaft in "die da oben" und "wir" hat auch für besonderen Ideenreichtum an der gesellschaftlichen Basis gesorgt. So hat das Familienleben, der Freundeskreis und das gesellschaftlich kulturelle Leben einen ganz besonderen Stellenwert erhalten. Man versteht es in den neuen Beitrittsländern einfach, sich das Leben schön zu machen, sei es mit der Datscha auf dem Lande, dem gut gepflegten Gemüsegarten, den fröhlichen Festen mit gutem Essen oder sei es durch den kreativen Ausdruck in der Musik und in der Kunst. So bringt die ausgeprägte Singkultur der baltischen Länder heute eben auch einschlägige Favoriten des Eurovision Song Festivals hervor.

Auch politisch war die Gesellschaft nicht gelähmt, in allen sozialistischen Staaten gab es durchgehend immer wieder auch Aufstände und Widerstandsbewegungen, denen allerdings mit massiver Gewalt geantwortet wurde. Aber trotz der warnenden Beispiele wie dem Aufstand in Ungarn 1956 und dem Prager Frühling 1968, die gewaltsam niedergeschlagen wurden, haben es die Gesellschaften Mittelost- und Südosteuropas geschafft, dieses scheinbar unzerstörbare, immerwährende Regime von unten her aufzuweichen und sein Ende herbeizuführen. Allein dafür zollt all den Menschen, die diese gesellschaftliche Entwicklung unterstützt haben, höchster Respekt.

Und wie ergeht es den Kindern der Revolutionäre? Sie leben in einer Zeit, in der sich das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft erst neu entwickeln muss. Sowohl Regierende als auch Regierte müssen ihre Rollen und Aufgaben erst finden, neu mit Leben füllen und gleichzeitig eine völlig neue Form der Arbeit und des Wirtschaftens umsetzen. Eine wackelige Zeit. Für viele bedeutet sie Arbeitslosigkeit und Armut, auch für die Kinder. Die Anzahl der Straßenkinder wächst ebenso wie der Alkoholismus und die Drogensucht bei Kindern. Bislang stehen die Regierenden diesen Begleiterscheinungen meist ratlos gegenüber.

Aber die Bevölkerung in Osteuropa hat es gelernt, an der Basis selbst aktiv zu werden. So gibt es in den östlichen EU-Beitrittsländern massive Probleme. Aber es gibt auch diejenigen, die sich mit beeindruckendem Engagement für die Verbesserung der Situation einsetzen. Trotz der ökonomisch, sozial und politisch unglaublich schwierigen Rahmenbedingungen, arbeiten sie vehement daran, die gesellschaftliche Entwicklung in eine positive Richtung zu lenken. Von ihrer Tatkraft, ihrem Mut und ihrer Fantasie können wir hier im Westen viel lernen. Gerade in Zeiten, in denen es auch bei uns schwieriger wird, in denen auch unsere Regierungen nicht mehr den Wohlstand garantieren können, den wir in den letzten Dekaden haben genießen können, können wir uns bei unseren östlichen Nachbarn einiges abgucken.

Drum lohnt es sich, sie kennenzulernen. Reisen ist eine Möglichkeit, Zugang zu den neuen Eu-Mitgliedern zu bekommen. Eine andere ist die Zusammenarbeit. Viele Kommunen haben osteuropäische Partnerstädte, worüber sich leicht Kontakte herstellen lassen. Warum also nicht mal Kindergärtnerinnen aus Vilnius einladen und sich über pädagogische Ansätze im Umgang mit Kindern austauschen? Und ist PEKIP – das Prager Eltern Kind Programm – in Prag eigentlich auch so verbreitet? Besuchen Sie doch mal mit einer Müttergruppe das Mütterzentrum in Prag und finden es heraus. Die meisten Organisationen haben dort übrigens einen hervorragenden Internetauftritt mit deutschen oder englischen Übersetzungen und freuen sich, Kontakte zu knüpfen.

Ob es die spannenden Projekte sind, die Leute oder einfach die wunderschöne Natur – blicken wir gen Osten, gibt es vieles Tolles kennen zu lernen! Machen Sie Ihre eigenen Entdeckungen – wir wünschen Ihnen viel Spaß!

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