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Vorlesen: immer. Selberlesen: ach, nö.

Die Literatur

Manchmal fragen die Leute: "Liest ihr Kind eigentlich dieses Zeug, das Sie so schreiben?" Dann antwortet man: "Ja, natürlich, immer, jeden Satz diskutieren wir eifrig beim Abendessen" und so weiter. Aber das ist gelogen. Das Kind liest nicht. Es ist dem Kind völlig egal, was in Zeitschriften, Büchern oder Zeitungen steht. Muss man sich Sorgen machen?

Die pädagogischen Berater erklären: Jungen lesen später als Mädchen. Das ist mit dem Lesen ähnlich wie mit der Pubertät, also dem Rumknutschen. Jungen fangen einfach mit fast allem später an. Sie holen dann aber auf. Wenn erst mal die Motivation da ist, sagen die Berater. Motivation! Mit Motivation geht alles im Leben wie nix.

Wie aber bekomme ich Motivation in das Kind hinein? Vielleicht lässt sich die Motivation tröpfchenweise durch das Ohr in das Kind einfüllen. Also wird vorgelesen. Das Kind hört gerne zu. Es mag Literatur. Es bevorzugt die Klassiker, sein Geschmack: tadellos. Es schätzt Mark Twain und findet Kästner amüsant. Es verehrt Saint-Exupéry über alles, respektiert Herman Melville, vergöttert Robert Louis Stevenson und findet Alexandre Dumas, na ja, so weit ganz okay. Harry Potter? Sowieso. Ich habe dem Kind drei Bände Harry Potter vorgelesen, das sind genau 1135 Seiten. Danach habe ich gesagt: So. Du magst also Harry Potter. Du findest das spannend. Du kennst dich mit Harry Potter aus. Hier ist Band vier. Lies!

Damit war im Leben des Kindes das Kapitel Harry Potter beendet.

Das Einzige an der Weltliteratur, was es nicht mag, ist nun einmal der physische Vorgang des Lesens. Manchmal lässt es sich nach langem Bitten dazu herab, zwei oder drei Sätze oder sogar einen kleinen Absatz zu entziffern. Danach verzieht es das Gesichtchen, ruft: "Schluss jetzt! Nein, nein! Lies vor!" und lässt sich erschöpft zu Boden fallen.

Ich mag nicht mehr vorlesen. Nun kaufen wir Hörbücher. Der Kulturmensch alten Schlages mag Hörbücher nicht, denn das Hörbuch erspart dem Leser die Anstrengung des Lesens. Ein Hörbuch, sagt der Kulturmensch, ist so stillos wie Essen aus der Dose. Der Grund, aus dem der Kulturmensch alten Schlages das Hörbuch verachtet, ist aber genau der gleiche Grund, aus welchem das Kind Hörbücher schätzt. Zum Lesen zwingen? Dann kriegt das Kind womöglich ein Lese-Trauma. Nachts wälzt es sich dann stöhnend im Bettchen, gepeinigt von Lesezwingdämonen. Soll das Kind ohne Literatur aufwachsen oder mit Literatur, die auf eine unkorrekte Weise in das Köpfchen hineingelangt? Na also. Auch die Buchhändler behandeln den Hörbuch-Käufer mit deutlich reduziertem Respekt. Nach dem Käufer von Pornographie und dem Käufer von rechtsradikalem Schriftgut ist der Hörbuch-Käufer in den Augen der Buchhändler die drittniedrigste Kategorie menschlicher Existenz. Wer in einer Buchhandlung ein Hörbuch kauft, wird behandelt wie jemand, der an der Theke einer Pilsbar nach einem Glas Erdbeermilch verlangt. Gibt es eigentlich pornographische und gleichzeitig rechtsradikale Hörbücher, in denen Dosensuppen verherrlicht werden? Darüber, wie man so etwas kauft, ließe sich gewiss eine spannende Sozialreportage schreiben.

Wir sind jetzt auf den Versandhandel umgestiegen. Wir lassen uns die Hörbücher in neutralen Päckchen diskret in die Wohnung schicken. Und das Kind hört und hört. Die pädagogischen Berater sagen: So wird das nie was! Das Hörbuch erspart dem Kind die Anstrengung des Lesens! Aber was soll ich tun? Soll der kleine Geist auf ewig in den Verliesen der Unwissenheit gefangen bleiben? Oder soll er fliegen lernen, empor zu Mark Twain und Antoine de Saint-Exupéry? Nein, lieber schleiche ich mich morgen in der hereinbrechenden Dämmerung wieder zum Briefkasten und hole ein neues Päckchen ab.

Aus: Harald Martenstein: Wachsen Ananas auf Bäumen? Wie ich meinem Kind die Welt erkläre. Hoffmann und Campe Verlag, 2001.

Harald Martenstein schreibt regelmäßig für den Berliner "Tagesspiegel" und "Die Zeit".

Wir bedanken uns für die freundliche Abdruckgenehmigung.