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Fakten rund ums Lesen

Wie gut und wie gerne lesen Kinder laut PISA?

Die international vergleichenden Schülertests PISA haben gezeigt, dass Schüler in unserem Land wenig lesen und dass sie schlecht lesen:

Ein Fünftel der bei PISA getesteten Schüler verstand einfachste Texte nicht. Deutschland rangierte damit im Bereich der Lesekompetenz auf den hinteren Plätzen (21. Platz). Abgesehen von Liechtenstein und Luxemburg wies kein Industrieland ein schlechteres Ergebnis auf.

Die Schüler, die auch einfache Texte nicht verstanden, gelten nach Einschätzung der PISA-Experten im Hinblick auf ihre beruflichen Aussichten als gefährdet. In dieser Gruppe von Schülern war der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund besonders hoch. Die Integration dieser Schüler in die deutsche Sprachgemeinschaft weist also erhebliche Defizite auf.

Im Rahmen der Pisa-Studie gaben 42 Prozent der 15-Jährigen an, nicht "zum Vergnügen" zu lesen. Deutschland ist unübertroffen in der Anzahl derjenigen SchülerInnen, die von sich sagen, dass sie in ihrer Freizeit überhaupt nicht lesen.

Gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?
Ja. Bei PISA, aber auch in anderen Untersuchungen, hat sich gezeigt, dass Mädchen mehr lesen als Jungen. Bei der PISA-Studie waren von den Schülern, die nie freiwillig lesen, 52 Prozent Jungen und 26 Prozent Mädchen.

In einer Studie von 1993 wurde festgestellt, dass Kinder aus Familien mit höherem Bildungsniveau häufiger in ihrer Freizeit lesen als Kinder aus Familien mit niedrigerem Niveau. Allerdings lasen Mädchen auf jedem Bildungsniveau deutlich mehr als Jungen (Untersuchung von Heinz Bonfadelli und Angela Fritz, 1993).

Welche Rolle spielt das Alter der Kinder?
Eine SchülerInnen-Befragung der Bertelsmann-Stiftung von 1995/1996 stellte einen dramatischen "Leseknick" in der Sekundarstufe I fest. Je älter die befragten Schülerinnen und Schüler waren, desto häufiger gaben sie an, "sehr selten" oder "nie" zu lesen. In den Klassenstufen 1 und 2 lagen etwa 80 Prozent der Kinder im Leseindex "hoch" oder "sehr hoch", in der Klassenstufe 3 bis 6 waren es nur noch circa 55 Prozent, in den Stufen 7 bis 10 nur noch 30 Prozent. Ab der 7. Klasse gehört fast jeder fünfte Junge in die Leseindexkategorie "sehr niedrig", im Vergleich zu nur jedem 20. Mädchen.

Welche Rolle spielt der Deutschunterricht bei der Vermittlung von Lesemotivation?
Eine Reihe von Untersuchungen belegen, dass der größte Einfluss aufs Leseverhalten von Kindern vom Elternhaus ausgeübt wird. Der Deutschunterricht in der Schule kommt in vielen Studien nicht besonders gut weg:

Beispielsweise kommt eine Befragung der Universität Erfurt zur Lesemotivation von Grundschülern von 2001 zu der Einschätzung, dass Grundschüler durchaus fürs Lesen zu begeistern sind, nur zumeist nicht durch ihren Deutschunterricht. Das Interesse sinke in den ersten Schuljahren rasant. Eine an der Untersuchung beteiligte Professorin zieht daraus den Schluss, "dass der Deutschunterricht wenig Folgen für den Aufbau einer Lesemotivation hat, weil die Literaturauswahl und die Art der Literaturbehandlung an den Interessen junger Menschen vorbeigeht." (Interview mit Prof. Karin Richter im MDR, siehe www.mdr.de).

Was könnte die Schule anders machen?
Eine - auch von anderen gezogene - Schlussfolgerung ist, dass in Schulen stärker auf das Vergnügen am Lesen gesetzt werden sollte. Viele Schüler verbinden mit dem Deutschunterricht weniger Spaß als vielmehr Arbeit an Texten. Das ist vielleicht noch kein Problem, bei Kindern, die schon mit einem Interesse an Büchern in die Schule kommen. Aber Kinder, die von zuhause aus wenig Zugang zu Büchern haben, werden so eher verprellt. Stattdessen sollten Schulen die Interessen von Kindern ernst nehmen und an bestehenden Medienerfahrungen ansetzen.

So könnten beispielsweise Filme wie "Das Dschungelbuch" oder Zeichentrickserien wie "Heidi" mit ihren literarischen Vorlagen verglichen werden. Und die weiblichen Rollenbilder in TV-Vorabendserien ließen sich auf Unterschiede zu den Frauenbildern in Jugendbüchern hin untersuchen (siehe auch: Horst Heidtmann: Die Schulmediothek als "Vergnügungszentrum". Neue Ansätze der Leseförderung; zu beziehen über www.ifak-kindermedien.de).

Wie üblich ist es, Kindern vorzulesen?
Zwar sind sich Experten einig, dass das elterliche Vorbild, Vorlesen und Anregungen zum Lesen in der Familie die wichtigsten Faktoren sind, um die Freunde von Kindern an Büchern zu befördern. Doch hier bleibt noch viel zu tun: In 25 bis 30 Prozent aller Familien mit Kindern unter zehn Jahren werden gar keine Bücher vorgelesen. Im Rahmen eines Pilotprojekts der Stiftung Lesen in Brennpunktkitas in Frankfurt/Main im Jahr 1994 stellte sich heraus, dass das Vorlesen weder in den Kitas noch bei den Kindern zuhause üblich war (Information der Stiftung Lesen).

Und dennoch!
Bevor Sie jetzt verzweifelt den Kopf schütteln und den Untergang des Buches beklagen, darf Folgendes nicht vergessen werden: Kinder lesen trotz allem immer noch mehr als Erwachsene. Wie bereits erwähnt, lagen nach Erkenntnissen der Bertelsmann-Stiftung immerhin 80 Prozent der Kinder aus den ersten und zweiten Klassen auf einer "hohen" bis "sehr hohen" Stufe des Leseindexes. Im Vergleich dazu: Nur 19 Prozent der befragten Erwachsenen gab an, eine "hohe" bis "sehr hohe" Leselust zu haben. (Bertelsmann-Untersuchung von 1999).

Und auch der Erfolg der Harry-Potter-Bücher bei Kindern auf der ganzen Welt hat Lesepessimisten völlig überrascht. Die deutsche Ausgabe des fünften Harry Potter-Bandes startete immerhin mit einer Rekordauflage von 2 Millionen Exemplaren.

Vielleicht kommt es eben doch darauf an, was für Bücher man Kindern anbietet. In der genannten Untersuchung der Universität Erfurt antworten über die Hälfte der befragen Grundschüler auf die Frage "Welche Bücher/ Geschichten liest Du gerne?" mit Titeln aus dem Genre der Abenteuerliteratur. Auf Platz zwei folgten Sachgeschichten (Interview mit Prof. Karin Richter im MDR, siehe www.mdr.de).