Elternarbeit und Medieneinsatz "Gesunde Ernährung"
Referent: Antonio DiazFachtag Elternbriefe
"Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?"Elternarbeit und Medieneinsatz zu Kitathemen
Referent: Iman El-HusseinElternarbeit und Medieneinsatz "Bildungschancen"
Referent: Antonio DiazTag der offenen Tür im ANE
Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" am Freitag, dem 8. Juni 2012 von 14:00 Uhr bis 20:00 Uhr - Informationen und Gespräche für Eltern und ein buntes Kinderprogramm."Generationsübergreifende Folgen nach Krieg, Flucht, Vertreibung und Emigration"
Vortrag von Anita KnapekBerlin, 08.06.2012, 09:00 - 14:00 "Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?" Programm und Anmeldung
Berlin, 08.06.2012, 14:00 - 20:00 Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" Anmeldung
Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.
Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen
"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.

Einen Moment später sah ich, woher die Stimme kam: Es war eine alte Frau. Mit Arm- und Handbewegungen versuchte sie aufgeregt mir vom gegenüberliegenden Bürgersteig aus etwas zu erklären. Erst als sie unter meinem Fenster stand und heraufrief: "Mein Fräulein, Sie werden noch hinausfallen, seien Sie vorsichtig!", verstand ich, was sie meinte. Voller Sorge um Canan hatte ich mich weit aus dem Fenster gelehnt. Nervös lächelte ich ihr zu, bedankte mich und zog mich ein wenig zurück. Es freute mich aber auch, dass sie in mir eine junge Frau gesehen und mich Fräulein genannt hatte.
Canan hatte mich schon seit langem bedrängt: "Mama, ich gehe nach der Schule sowieso alleine zum Hort. Ich kann doch vom Hort auch alleine nach Hause kommen." Ich redete einige Male mit meinem Mann Oktay darüber. Er überließ mir die Entscheidung: "Du kannst das besser beurteilen, schließlich begleitest du sie ja seit sechs Monaten auf dem Schulweg." Auch mit Monika, der Erzieherin im Hort hatte ich gesprochen. "Aber warum denn nicht, die meisten Kinder, die in der Nähe wohnen, gehen alleine nach Hause", meinte sie. Am Ende stimmte ich zu. Ich ging mit Canan noch einmal sämtliche Straßen und Kreuzungen durch. Monika war auch informiert.
Nun halte ich es kaum aus. Die Augen auf die Straßenecke geheftet, warte ich auf Canan. Sollte ich sie nicht doch besser abholen? Ich könnte es gerade noch schaffen. Es sind noch zehn Minuten, bis sie losgeht . Aber wäre Canan dann nicht enttäuscht? Auf jeden Fall ist es gut, dass ich Derya schon nach Dienstschluss abgeholt habe. Jetzt schläft er in seinem Zimmer.
Ich laufe unschlüssig von einem Zimmer ins andere. Als ich in die Küche komme, sehe ich auf dem Tisch die Kassette von Oktays Mutter wieder. Vielleicht ist es das Beste, das Band jetzt abzuhören:
Es beginnt mit Grüßen an Oktay und mich, ist aber in der Hauptsache an Canan und Derya gerichtet. Meine Schwiegermutter scheint darüber entzückt zu sein, dass Canan jetzt in die Schule geht und Derya, "schon ein großer Junge" geworden ist. Sie fragt Canan: "Hast du schon Lesen und Schreiben gelernt? Kannst du schon rechnen?"
Alle wollen das Gleiche wissen! Als würde ich mir nicht schon genug Sorgen machen!
Ich hole tief Luft, um mich wieder zu beruhigen. Und ehe ich mich versehe, muss ich an Oktay denken.
Was ist nur mit Oktay los?
Schon lange vor der Einschulung hatte Oktay begonnen sich zu verändern.
Er war damals entschieden gegen die Schule in unserem Einzugsgebiet gewesen, auf die Canan jetzt geht. Ich hatte mich gegen ihn durchgesetzt. Ich fand wichtig, dass die Schule in unserem Viertel nah ist und dass einige Kinder aus Canans Kindergartengruppe auch dorthin gehen.
Oktay hingegen befürchtete, dass sich der hohe "Ausländeranteil" an der Schule unseres Viertels ungünstig auf Canans Entwicklung auswirken könnte. Die von ihm bevorzugte Schule habe zudem die besseren Lehrer. Oktays Einstellung setzte mir schon zu. Ich konnte ihn verstehen und auch wieder nicht. Wir sind doch selber türkischstämmig! Ich finde, dass es ein Gewinn ist, wenn Kinder aus verschiedenen Ländern zusammen lernen. Jedenfalls sagte Oktay am Ende: " Dann soll sie eben hier zu Schule gehen... " Von diesem Zeitpunkt an jedoch erschien er mir in sich gekehrt und wortkarg. Und manchmal frage ich mich: Sollte er doch Recht gehabt haben?
Oktay war nicht einmal zur Anmeldung mitgekommen. Er habe nicht frei bekommen, sagte er.
Auch am ersten Schultag verhielt er sich merkwürdig.
Diesen Tag werde ich nie vergessen. Wir alle versammelten uns in der Turnhalle: Väter, Mütter, die Lehrer und die aufgeregten Kinder. Ich sehe sie noch vor mir: die bunt gekleideten Kinder, voller Stolz und Neugier, ihre Schultüten im Arm... Wie waren wir doch stolz auf unsere Kinder! Und wahrscheinlich noch aufgeregter als sie, aber auch ein bisschen besorgt. Insbesondere Oktay!
Der Schuldirektor hob in seiner Ansprache hervor, was für ein großer Tag dieser Tag für die Kinder und ihre Eltern sei und ging auch auf die Hoffnungen und Zweifel von uns Eltern ein. Er sprach uns allen wohl aus der Seele...
Canan hatte Glück: In ihrer Klasse waren sechs Kinder, die sie schon aus dem Kindergarten kannte. Unter ihnen auch Ullas Sohn Peter. Schon bei der Anmeldung hatten wir darum gebeten.
Canans Lehrerin war mir auf Anhieb sympathisch. Sie ist eine erfahrene und liebenswürdige Frau. Sie heißt Sigrun Katzmann.
Als es für die Kinder Zeit war, in ihre Klassenzimmer zu gehen, sagte sie, dass die Eltern am ersten Tag auch mit hineinkommen dürfen.
In diesem Augenblick schien mir Oktay noch nervöser. Er sagte, dass er nur für zwei Stunden frei bekommen habe und nun wieder zur Arbeit gehen müsse. Auch wenn ich es vor Canan zu verbergen suchte, war ich schon enttäuscht.
Unser Schulalltag
Canans Einschulung brachte einige Veränderungen in unser Leben. Am Anfang geriet unser Alltag ganz schön durcheinander, aber mit der Zeit haben wir gelernt, dass sie den Überblick noch nicht haben kann und klare Absprachen und Vorgaben braucht: Zum Beispiel geht Canan jetzt regelmäßig früher schlafen, und morgens stehen wir früher auf, damit wir in Ruhe frühstücken können. Damit Canan nichts vergisst, haben wir mit ihr ein Plakat mit den Dingen gemalt, die sie für die Schule benötigt, und es in ihrem Zimmer aufgehängt. Anhand dieses Bildes packen wir jetzt abends gemeinsam Canans Schultasche.
Auch ihre Kleidung für den nächsten Morgen legen wir zurecht.
Natürlich gibt es manchmal noch Quengeleien, wenn Canan dann doch etwas anderes anziehen will. Aber das passiert uns Erwachsenen doch auch.
Noch bin ich mit dabei, wenn sie zum Beispiel ihren Schreibtisch aufräumt und die Schultasche packt. Ich halte mich aber immer mehr zurück. Denn es ist ihre Aufgabe, und sie erledigt diese Dinge zunehmend selbständiger. Das macht sich auch im Haushalt bemerkbar. Vor kurzem hat sie ganz alleine einen Salat zum Abendessen gemacht. Oktay half beim Dressing.
Die erste Elternversammlung
Für den ersten Elternabend baten wir meine Mutter, auf die Kinder aufzupassen. Den Kindern erzählten wir noch, wo wir hingehen wollten und machten uns dann auf den Weg. Auch wenn Derya noch nicht alles begreift, so beziehen wir ihn immer mit ein.
Oktay war wieder sehr verspannt und mir schien, als ginge er nur widerwillig mit. Ich verstand ihn nicht, zog es aber vor, zu schweigen.
Frau Katzmann erklärte uns ausführlich und für alle verständlich, welche Unterrichtsmethoden sie anwendet. Sie bot uns auch an, sie nach vorheriger Vereinbarung aufzusuchen und alles zu fragen, was die Kinder betrifft. Sie sei aber auch an unserer Meinung interessiert. Außerdem erklärte sie uns, wie wir Eltern unsere Kinder zu Hause unterstützen können. Ich freute mich sehr, dass unsere Haltung zu Hause Canan gegenüber mit dem übereinstimmte, was Frau Katzmann empfahl. Wir hatten für Canan auch einen Schreibtisch gekauft und sorgten dafür, dass sie eine ruhige und helle Arbeitsumgebung hat.
Für die Wahl des Elternvertreters legten wir Kandidaten fest. Beim nächsten Elternabend sollte dann gewählt werden. Ich schlug Ulla vor, die schon Elternsprecherin im Kindergarten war. Typisch Ulla: Sie ließ gleich alle Namen und Adressen aufschreiben Und versprach, die Liste zu vervielfältigen und jeder Familie ein Exemplar zuzusenden. So würden wir zumindest die Möglichkeit haben, Kontakt miteinander aufzunehmen. Wir waren alle sehr zufrieden mit der Versammlung. Selbst Oktay meinte, dass es wichtig sei, zu den Elternabenden zu gehen.
Was hast du, Mama?
Es klingelt!!! Ich haste zur Tür. Canan kommt fröhlich und stolz die Treppe herauf. Ich kann es nicht abwarten, stürze ihr entgegen und umarme sie. Canan schaut mich überrascht an und fragt: "Mama, was hast du denn?". "Nichts, ich freue mich nur. Du bist schon ein großes Mädchen geworden."
Durch unseren Lärm geweckt, gesellt sich auch Derya zu uns. Seinen Teddybären im Arm, schaut er uns mit schlaftrunkenen Augen an.
Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen, mich mit Canan zu unterhalten, sobald sie von der Schule nach Hause kommt. Dabei habe ich anfangs den Fehler gemacht, Canan regelrecht auszufragen. Als Canans Antworten immer mürrischer und einsilbiger wurden, zog ich meine Freundin Nalan zu Rate. Nalan lachte, sie kannte das schon: "Stell Dir vor, du kommst müde und abgespannt nach Hause und wirst mit Fragen überfallen. Reagierst du dann nicht auch abweisend? So ist es auch mit Canan. Gib ihr Zeit, erst einmal anzukommen und sich zu entspannen. Wenn Du dann später mit ihr über den Tag redest, wirst Du sehen: Sie wird viel zu erzählen haben. Und du selbst kannst dann auch geduldiger sein und besser zuhören. Kinder spüren sofort, ob man bei der Sache ist oder nicht!" Ja, Nalan hatte Recht. Man muss ihnen mit beiden Ohren und ganzem Herzen zuhören!
Heute aber entdeckt Canan sofort die Kassette auf dem Küchentisch. Als ich ihr erzähle, dass es ein gesprochener Brief von ihrer Oma aus der Türkei ist, hört sie sich das Band gemeinsam mit Derya gleich an. "Ich möchte der Oma auch eine Kassette schicken", sagt sie anschließend. "Das ist eine gute Idee", erwidere ich und stecke eine leere Kassette in den Recorder. "Also los, dann fang mal an." Aber Canan will allein sein, wenn sie das Band bespricht und geht mit dem Gerät unter dem Arm in ihr Zimmer. Also erkläre ich ihr die Bedienung des Kassettenrecorders. Als sie meint: "Derya kann ruhig mitkommen, er soll der Oma auch etwas sagen", bin ich gleichermaßen überrascht wie erfreut.
Die Sache mit dem Lesen und Schreiben
Was Oktays Mutter wohl denkt, wenn Canan nicht schreibt, sondern ihr eine Kassette schickt?
Ich denke viel über das Lesen und Schreiben nach. Ich frage mich öfter besorgt, ob Canan wohl gut mitkommt. Ob ihr Deutsch wohl gut genug ist? Ihre Lehrerin sagt immer das Gleiche: "Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin zufrieden mit Canan. Sie hat einen großen Wortschatz, ist sprachlich wendig und kann sehr schön erzählen. Ich merke, dass Sie sich kümmern, sich viel mit ihr unterhalten und ihr vorlesen. Einen guten Kontakt zu ihren Mitschülern hat sie auch. Was wollen Sie mehr?"
Beim letzten Mal gab sie mir einen Umschlag mit winzigen Marienkäfern darauf. Als ich den Brief öffnete, wurde ich mit Wörtern konfrontiert, deren Sinn ich nicht verstand: Non scolae, sed vitae discimus. "Aber das ist kein Deutsch!", sagte ich. Lachend erwiderte sie: "Das herauszufinden ist jetzt Ihre Hausaufgabe!" Dieses Spiel gefiel mir. Dass es sich um Latein handelte, hatte ich sofort erkannt. Ich könnte meinen Chef, Herrn Dr. Kraus, danach fragen. Als Arzt muss er doch gut Latein können.
Ulla achtet ebenfalls sehr auf gutes Lesen und Schreiben. Aber sie findet auch, dass die Schule nicht nur ein Ort ist, wo ausschließlich Lesen, Schreiben und Rechnen gelehrt wird: "Schule ist auch ein Ort, wo Kinder Freundschaften schließen und Spaß miteinander haben!"
"Wir wurden beide hinausgewofen"
Wenn Oktay von der Arbeit kommt, geht er immer schnurstracks in Canans Zimmer. Als ich heute zu ihnen hineinschaue, streiten sie sich, aber nur zum Schein. Etwas später kommt Oktay mit Derya im Arm in die Küche und sagt lachend: "Beide wurden wir hinausgeworfen." Er freut sich, als ich ihm vom gesprochenen Brief seiner Mutter erzähle. "Die Antwort der Kinder können wir uns dann ja nach dem Essen anhören", sagt er. "Aber nur, wenn Canan es erlaubt", antworte ich lachend.
Das Essen, Huhn mit Gemüse, ist jetzt fertig, auch der Reis braucht nicht mehr lange. Dazu gibt es Hühnersuppe mit Reisnudeln; wir können uns also zu Tisch setzen.
Das Essen verläuft vergnüglich. Derya spricht am meisten, Oktay ist wortkarg, er muss wohl müde sein. Canan erzählt von Ibrahim, er hatte zur Pause seine Jacke nicht angezogen. Als der Aufsichtslehrer ihm sagte, er solle sie anziehen, zog er auch noch sein Hemd aus und spielte im Unterhemd. Alle Kinder fingen an zu lachen, auch Ivona. Daraufhin schlug Ibrahim Ivona und sie weinte.
Oktay schaut mich an, als wolle er sagen: "Siehst du, was hatte ich dir gesagt! Von dieser Schule kann man nichts anderes erwarten..."
Ibrahim ist Canans Klassenkamerad. Er war mir gleich an den ersten Tagen aufgefallen, als ich Canan von der Schule abholte. Er sah älter aus, als er wirklich ist. Es schien, als wolle er sich durch seine Kleidung und sein Verhalten von den anderen Kindern abheben. Canans Erzählungen zufolge war er ziemlich wild und zügellos. Von Zeit zu Zeit kam es in der Klasse und auf dem Schulhof zu unerfreulichen Szenen seinetwegen. Seine Eltern hatten an keiner der Elternversammlungen teilgenommen. Ulla hatte, nachdem sie zur Elternsprecherin gewählt worden war, einige Male versucht, Ibrahims Mutter telefonisch zu erreichen. Leider ging jedes Mal seine große Schwester ans Telefon. Später erfuhren wir, dass Ibrahims Mutter vor Jahren bei einem Verkehrsunfall gestorben war. Sein Vater hat einen Lebensmittelladen und muss wohl viel arbeiten. Ulla und ich beschlossen, ihm in den nächsten Tagen einen Besuch abzustatten.
Für die Kinder ist es Zeit, zu Bett zu gehen. "Heute übernehme ich Canan", sagt Oktay. "Und ich Derya", erwidere ich. Wir wechseln uns immer ab, wenn wir den Kindern abends eine Geschichte vorlesen. Canan liest jetzt immer mit. Deshalb will sie auch öfter, dass wir aus deutschsprachigen Büchern vorlesen.
Nachdem wir die Kinder ins Bett gebracht haben, fällt mir der Kassettenrecorder wieder ein und ich frage Oktay, ob wir uns nicht anhören wollen, was die Kinder ihrer Oma erzählt haben. "Ach ja, das habe ich ganz vergessen", erwidert er und geht auch auf meinen Vorschlag ein, erst einmal einen Tee zu trinken. Den Tee bereiten wir gemeinsam zu. Dann setzen wir uns und schalten den Kassettenrecorder ein.
Wenn du Ibrahims Mutter triffst…
Zuerst spricht Derya. Er ist schlecht zu verstehen. Canan macht ihn öfter darauf aufmerksam, dass er das Mikrofon weiter vom Mund weg halten soll.
Und was er nicht alles erzählt: Dass er gewachsen und jetzt ein großer Junge ist und in den Kindergarten geht. Dass er seiner Oma ein Bild gemalt hat und es ihr schicken will und was alles auf dem Bild ist.
Nach einem langen Rauschen hören wir Canans Stimme:
"Liebe Oma, ich vermisse dich und den Opa sehr. Auch die Märchen, die du mir in der Türkei erzählt hast. Erzählst du mir wieder welche, wenn wir kommen?
Ich gehe jetzt schon lange in die Schule. Die Schule macht mir Spaß. Aber ich will von vorne anfangen. Zum Anmelden bin ich mit Mama gegangen. Ulla und Peter waren auch dabei. Da waren ganz viele Kinder mit ihren Eltern. Papa ist nicht mitgekommen. Er muss viel arbeiten. Mama arbeitet auch, aber Papa arbeitet wohl mehr als sie."
Wieder ein längeres Rauschen, sie überlegt wohl, was sie als Nächstes sagen soll. Oktay erhebt sich, um den Tee einzugießen. Ich kann ihn nicht anschauen. Canan fährt fort:
"Oma, weißt du, heute bin ich das erste Mal vom Hort aus alleine nach Hause gekommen! Wenn die Schule aus ist, gehe ich in den Hort, esse dort, mache meine Hausaufgaben und spiele mit meinen Freunden. Derya spielt eine Etage tiefer im Kindergarten. Später kommt dann Mama und holt uns ab. Aber jetzt kann ich auch alleine nach Hause kommen. Ich bin den Weg ganz oft mit Mama gegangen und habe ihn gut gelernt. Es gibt da eine Stelle ohne Ampel, aber ein Stück weiter steht eine. Ich gehe immer an der Ampel über die Straße.
Am ersten Schultag hatte ich ein bisschen Angst. Die Schule kam mir so groß vor. Auch Papa war dabei, aber nicht die ganze Zeit, er musste wieder zur Arbeit. Mama ist bis zum Ende geblieben. Später ist Mama dann auch aus der Klasse gegangen und hat draußen gewartet. Unsere Lehrerin hat die ganze Zeit gelacht. Da war auch ein Junge mit Brille, der Matthias heißt. Der hat geweint. Ich habe nicht geweint, aber Matthias hat später auch aufgehört und wieder gelacht. Unsere Lehrerin ist sehr klug und weiß ganz viel. Wir aber auch, nicht so viel wie sie, aber einiges wissen wir auch. Es gibt auch Dinge, die unsere Lehrerin nicht weiß. Deine Märchen kennt sie nicht. Ich habe in der Klasse eins erzählt. Alle haben zugehört, sogar Ibrahim. Ibrahim ist nicht immer brav. Er haut die anderen Kinder. Mich hat er noch nicht verhauen. Ibrahim ist ein böses Kind. Nein, nicht böse, er ist ein bisschen anders. Einmal hat er mir gesagt: "Deine Mutter ist sehr schön! Sie kommt dich auch abholen!" Ich habe ihn gefragt, ob seine Mutter nicht schön ist. "Doch sie ist sehr schön!", hat er gesagt. Als ich ihn gefragt habe, ob sie ihn nicht abholt, hat er mich angespuckt und ist weggerannt. Da war ich ganz wütend, und wenn ich ihn gekriegt hätte, hätte er etwas erleben können. Aber später kam er wieder und hat gesagt, dass seine Mutter in der Türkei ist. Wenn du sie triffst, dann sag ihr, dass sie nach Deutschland kommen soll. Ich glaube, sie heißt Zeynep."
Wieder macht Canan eine Pause und das Band rauscht. Ich kann nur schwer meine Tränen zurückhalten. Wie schnell verurteilen wir jemanden, weil er anders ist und sich merkwürdig verhält. Viel schwieriger ist es aber, nach den Gründen zu suchen und ihm zu helfen. Canan hat das bei Ibrahim getan. Und wie gehe ich mit Oktay um?
Da ist wieder Canans Stimme:
"Ach Oma, in der Nacht, bevor ich das erste Mal in die Schule ging, konnte ich gar nicht richtig einschlafen. Und Papa hat so feste geschnarcht. Ich habe Mama und Papa sehr lieb. Aber Mama lacht nicht so viel wie meine Lehrerin. Papa lacht auch wenig. Aber wenn sie lachen, dann habe ich immer ein ganz warmes Gefühl im Bauch.
Liebe Oma, ich habe jetzt Lesen und Schreiben gelernt. Aber nur auf Deutsch. Manchmal machen wir auch Fehler. Aber wenn ich von der Tafel abschreibe, mache ich keine Fehler. Manchmal sagt uns die Lehrerin auch Wörter, die wir schreiben sollen. Wenn wir da etwas falsch schreiben, dann ist sie aber nicht böse. Sie zeigt uns dann, wie es richtig geschrieben wird.
Es ist schon lange her, da bin ich mal mit Mama, Papa und Derya spazieren gegangen. Als wir an einem riesigen Garten vorbeigekommen sind, stand da ein ganz großes Schild. Die Mama hat mich gefragt, ob ich lesen kann, was auf dem Schild steht. Das war kinderleicht. Sogar Matthias hätte es lesen können. Da war ich sauer und habe nicht vorgelesen. Ich habe nur für mich gelesen, da stand riesengroß ‚BAUMSCHULE KONRAD’.
Oma, ich gehe gern in die Schule. Ich habe meine Schulfreunde und meine Lehrerin gerne. Aber Papa hat meine Lehrerin wohl nicht so gerne wie ich. Wenn er selber in die Schule ginge, wäre das anders."
Nach einer kurzen Pause beendet Canan den Brief mit den Worten: "Liebe Oma und lieber Opa, ich küsse euch ganz fest."
Oktay und ich bleiben einige Zeit regungslos sitzen. Nach einer Weile schauen wir einander in die Augen. Oktay braucht einige Anläufe und sagt schließlich: "Hülya, ich möchte dir etwas sagen..." Seine Stimme zittert. "Weißt du, ich habe immer noch Angst vor der Schule. In einer Schule bekomme ich Herzklopfen. Deshalb konnte ich am ersten Tag nicht mit in der Schule bleiben, geschweige denn ins Klassenzimmer gehen..."
Dann erzählt er von seiner eigenen Schulzeit... Der arme Oktay! Ich konnte ihn verstehen. Wir umarmen uns.
Als ich sage: "Es gibt keinen anderen Ausweg, du musst wohl gemeinsam mit Canan in die Schule gehen!", fängt er an zu lachen und erwidert: "Das wäre wahrscheinlich die beste Methode. Aber ich verspreche, ich werde mich zukünftig mehr mit Canans Schule beschäftigen."
Wir schenken uns noch einen Tee ein.
Als wir schlafen gehen wollen, fragt Oktay: "Hülya, was meinst du, sollten wir nicht einmal zu Ibrahims Vater gehen und mit ihm reden?"
Seneca
Ein weiterer Arbeitstag liegt hinter mir. Als ich mich von den Kollegen, die im Pausenraum noch beim Mittagessen sitzen, verabschiede, kommt mein Chef, Dr. Kraus, gerade zum Essen. Mir fällt der Zettel von Frau Katzmann wieder ein. "Herr Kraus", spreche ich ihn an, "ich würde Sie gerne etwas fragen." Ich hole das Blatt Papier aus meiner Tasche und reiche es ihm. Kaum hat er den Satz gelesen, ruft er erfreut: "Seneca!" und fügt dann hinzu: "Das ist der wahrste und schönste Satz über Bildung. Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben!"
© Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.