Elternarbeit und Medieneinsatz "Gesunde Ernährung"
Referent: Antonio DiazFachtag Elternbriefe
"Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?"Elternarbeit und Medieneinsatz zu Kitathemen
Referent: Iman El-HusseinElternarbeit und Medieneinsatz "Bildungschancen"
Referent: Antonio DiazTag der offenen Tür im ANE
Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" am Freitag, dem 8. Juni 2012 von 14:00 Uhr bis 20:00 Uhr - Informationen und Gespräche für Eltern und ein buntes Kinderprogramm."Generationsübergreifende Folgen nach Krieg, Flucht, Vertreibung und Emigration"
Vortrag von Anita KnapekBerlin, 08.06.2012, 09:00 - 14:00 "Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?" Programm und Anmeldung
Berlin, 08.06.2012, 14:00 - 20:00 Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" Anmeldung
Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.
Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen
"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.


Aktiv für Kinder: Das Zuwanderungsgesetz wäre in dieser Form vor 10 oder 15 Jahren nicht möglich gewesen. Der Gesetzentwurf ist erst aufgrund einer Wandlung der deutschen Gesellschaft möglich geworden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Demirkan: Ich begrüße das neue politische Gesicht der Republik und dessen politische Ziele. Die Sozialdemokraten und die GRÜNEN waren immer migrantenfreundlich, das drückt sich auch in dem Gesetzentwurf aus. Vor 10 Jahren hat doch noch Kohl regiert, wäre ein solches Gesetz gar nicht möglich gewesen. Eine Begrenzung der Zuwanderung, wie sie der jetzige Gesetzentwurf vorsieht, halte ich für legitim. Wichtig ist, dass es nun klare Aussagen dazu gibt – zuvor gab es diese ja nicht.
Aktiv für Kinder: Der Debatte um das Zuwanderungsgesetz liegen im groben zwei Tendenzen in der deutschen Gesellschaft zu Grunde: der Tendenz, das, was de facto schon der Fall ist, Deutschland ist ein Einwanderungsland, nun auch gesetzlich zu verankern. Andererseits gibt es viele Ängste, die sich dann etwa in Vorschlägen, man möge doch Kinder nur bis zum Alter von 10 oder 12 Jahren nachziehen lassen, ausdrücken. Was halten Sie von der Debatte um das Zuwanderungsgesetz mitsamt den untergründigen Ängsten?
Demirkan: Ängste sind auch legitim. Was ich nicht kenne, macht mir zunächst immer Angst. So entsteht dann ein Nebel der Furcht. Es ist ein leichtes, diesen Nebel der Furcht zu klären. Je mehr über den Ursprung der Migration gesprochen wird, desto mehr lichtet sich der Nebel. Das ist alles eine Frage des offenen Umgangs. Nur darf die Art und Weise, wie über Migranten gesprochen wird, nicht tendenziös sein. Eine solche tendenziöse Behandlung des Themas betreibt ja dieser Roland Koch in Hessen. Koch jongliert mit den Vorurteilen und addiert alle schon vorhandenen Vorurteile gegen Migranten. In dieser Addition schafft er neue Aspekte der Fremdenfeindlichkeit, die es bisher noch nicht gab. Dieses Schüren der Ängste verfährt nach einem bestimmten Muster: Die Migranten werden als amorphe Masse noch zu bestimmender Identitäten dargestellt. Sie sind wie ein Grießbrei – kennen Sie das Märchen mit dem überkochenden Brei?
Aktiv für Kinder: Ja, in dem Märchen kocht der Topf soviel Brei, dass danach die ganze Umgebung mit dem Brei bedeckt ist.
Demirkan: Das ist überhaupt die Weise, wie die Union die Migranten darstellt: als amorphe Masse. Dabei wäre es wichtig, offen und klar mit den Identitäten der Migranten umzugehen. Es kommt darauf an, ihre jeweiligen Beweggründe für die Migration darzustellen. Meist sind es doch bestimmte politische und wirtschaftliche Gründe, die ein menschenwürdiges Leben in ihrem Heimatland unmöglich machen. Da muss man sehr differenziert mit den einzelnen Migranten umgehen, ihre Motive erklären und sie nicht als Teil einer unbestimmbaren Masse dämonisieren.
Aktiv für Kinder: Kinder sind von dem Gesetzentwurf bei der Frage des Nachzugsalters ganz direkt betroffen – abgesehen davon, dass dieses Gesetz die zukünftige Gesellschaft, in der sie leben und arbeiten werden, mitgestaltet. Was halten Sie von der Debatte um das Nachzugsalter?
Demirkan: Also, was das Nachzugsalter angeht - Kinder gehören zu den Eltern, vom ersten Tag an bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie beschließen, sich abzunabeln. Von diesem Standpunkt aus erübrigt sich eigentlich eine Diskussion um das Nachzugsalter. Allerdings hat sich in den letzten Jahren die Kriminalität von Ausländerkindern erhöht. Früher waren die Kinder und Jugendlichen durch die tradierten Sozialgebilde geschützt, das ist heute anscheinend nicht mehr so. Vor diesem Hintergrund verstehe ich die Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen und sie deswegen zu Verwandten in die Türkei schicken. Das ist möglich, weil orientalische Familien nicht nur aus den in Deutschland üblichen Kleinfamilien bestehen, sondern auch Großeltern, Tanten und Onkel und andere umfassen. Kinder leiden daher unter der Trennung von den Eltern nicht so. Daher ist es möglich, dass ein Kind mit 15 oder 16 Jahren nachreisen kann, ohne dies als kompletten Bruch zu erleben. Also, obwohl ich der Meinung bin, dass Kinder zu ihren Eltern gehören, muss man sich immer den familiären Hintergrund anschauen. Wie es beispielsweise für portugiesische oder chinesische Kinder aussieht, kann ich nicht sagen.
Aktiv für Kinder: Ihre Position hat eine gewisse Ähnlichkeit zur Position der Konservativen, allerdings ist ihre Begründung eine gänzlich andere. Während die Union für ein möglichst niedriges Nachzugsalter ist, weil sie meint, dass die Kinder sonst nicht in die bundesdeutsche Gesellschaft integrierbar sind, sind sie auch nicht unbedingt eine Befürworterin von offenen Nachzugsregelungen – aus Sorge um die Kinder.
Demirkan: Die Linie der Union ist ja: Die Migranten sind eine amorphe, bedrohliche Masse, deswegen müssen sie dressiert werden. Der Blick der Union ist vom Gedanken der Dressur geprägt, meiner dagegen von Respekt für die Menschen. Ich weiss nicht, wie ich etwa einer indischen Familie begegnen kann – deswegen muss ich sie mir erst einmal genau anschauen.
Aktiv für Kinder: Wie schätzen Sie das Integrationspotenzial in Deutschland ein – Integration verstanden als Bildung eines neuen Ganzen aus Mehrheitsgesellschaft und Zugewanderten, als Prozess, der alle Mitglieder der Gesellschaft umfasst?
Demirkan: Mein Leben hier besteht nur aus der Bekanntschaft mit Menschen, die offen sind. Mir fällt es schwer, zu glauben, dass es diese anderen Menschen mit der ablehnenden Haltung gibt. Ich habe Schwierigkeiten mit der Ausdrucksweise – wenn man von Integrationspotenzial oder Integrationsfähigkeit spricht, schafft man gleich den Eindruck, als ob Integration ein begrenztes Gut ist. Die Frage ist doch: Wie weit kann eine Gesellschaft aufklärerisch sein. Und da gibt es meines Erachtens keine Grenzen. Gesellschaften können nur überleben, wenn sie ständig Neues zulassen. Eine Gesellschaft ist aber nur so lange aufnahmefähig, wie sie mit der Aufklärung nachkommt - und daran hapert es momentan noch.
Aktiv für Kinder: Der bisherige Gesetzgebungsprozess hatte mitunter theatralische Züge. Würden Sie in der Inszenierung "Gesetzentwurf" gerne eine Rolle übernehmen?
Demirkan: Das war bisher wirklich ein Theater – schlechtes Theater. So miese Stücke inszeniert kein Schauspielhaus. Ich würde keine Rolle darin übernehmen, denn ich spiele nicht in schlechten Stücken.
Frau Renan Demirkan, geboren 1955 in Ankara, lebt seit dem 7. Lebensjahr in Deutschland. Studium für Musik und Theater in Hannover mit Abschluss Diplom für Schauspiel und Regie. Seit 1980 arbeitet sie als Schauspielerin für Theater, Film und Fernsehen und hat bisher zahlreiche Bücher veröffentlicht. In ihrer künstlerischen Arbeit hat Sie sich immer wieder mit dem Thema Migration beschäftigt, z.B. in dem Roman "Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker", der in fünf Sprachen übersetzt wurde. Renan Demirkan erhielt u.a. den Förderpreis NRW, die Goldene Kamera, den Adolf-Grimme-Preis und den hessischen Darstellerpreis.
Weitere Informationen zu ihren Arbeiten unter: www.renan-demirkan.de.
Das Interview führte Frau Dr. Marlies Michaelis, Redaktionsassistentin der "aktiv-für-kinder" - Website