Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.
Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen
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Sie haben hier in der Gegend ein soziales Projekt gegründet. Wie heißt es und was war der Anlass, dieses Projekt zu gründen?
Monika: Wir haben eine Stiftung gegründet, die "Stiftung zur Förderung der Kinder von Krzywa und Jasionka". Die Idee wurde im Jahr 2001 in einem Supermarkt geboren. Ich stand an der Kasse mit einem Wagen, der vollgeladen war mit Leckereien. Plötzlich stellte ich fest, dass irgend etwas nicht in Ordnung ist.
Was war nicht in Ordnung?
Monika: Es war kurz vor Weihnachten und es waren ganz normale Einkäufe für drei, vier Tage. Aber was wir da im Wagen hatten, dass war der Wert eines monatlichen Sozialhilfesatzes. Und in dem Supermarkt war plötzlich eine leichte Hysterie, weil wir soviel eingekauft hatten, Dinge, die man für das tägliche Leben überhaupt nicht benötigt.
Andrzej: ....viele Menschen sind hier arbeitslos, es herrscht eine unbeschreibliche Armut und es gibt nicht wenige Menschen, die unterernährt sind.
Wie ist es zu dieser Armut gekommen?
Monika: Alle Kinder, die hier zur Schule gehen, haben Eltern, die früher in der LPG gearbeitet haben. Nach der Wende in Polen sind alle diese LPGn zusammen gebrochen. Früher wurden hier Pferde und Schafe gezüchtet. Die Menschen hatten ein gesichertes Leben, sie mussten über nichts nachdenken. Sie hatten genug zu essen und immer eine Gesundheitsversorgung. Es gab immer jemanden, der sich um diese Menschen gekümmert hat, der den Arzt her brachte, der dafür sorgte, dass immer genug zu essen da war, der ihnen den Lohn auszahlte. Nie mussten sich diese Menschen wirklich um etwas selbst kümmern.
Von Pferden und anderen Tiere ist heute weit und breit nichts zu sehen. Was passierte hier nach dem Zusammenbruch des Sozialismus?
Monika: Nichts passierte, gar nichts. Alles ist verschwunden. Jede Familie bekam ein kleines Stück Land zugeteilt, gerade einmal Platz genug, etwas Gemüse anzubauen. Die meisten Menschen hier haben keine Ausbildung, keinen Beruf. Niemand braucht sie und sie fühlen sich völlig überflüssig. Andrzej: Der frühere Direktor der LPG, ein alter Kommunist, hat alle Gebäude der früheren LPG aufgekauft seinen eigenen kleinen Betrieb aufgemacht, in dem er drei bis vier Leute für einen Hungerlohn beschäftigt. Er spielt halt Kapitalist.
Welche Folgen hatte diese Entwicklung für die Kinder?
Monika: Die Eltern der Kinder gehören zu dem, was man die unterste Schicht einer Gesellschaft nennt. Die Kinder bekommen das mit und entwickeln starke Minderwertigkeitsgefühle. Hinzu kommt dann noch, dass viele der kleinen Landschulen geschlossen wurden, auch hier in Krzywa wurde ein Teil der Schule dicht gemacht. Die Älteren müssen heute 18 Kilometer in sogenannte Sammelschule fahren. Wenn sie am Nachmittag in ihre Dörfer zurückkommen, wartet auf diese Jugendlichen das Nichts, ein schwarzes Loch. Es gibt kein einziges Freizeitangebot und die Eltern haben keinerlei Kontakt zu der Schule, in die ihre Kinder gehen.
Und wie sieht der Kontakt der Eltern zu ihren Kindern aus?
Monika: Hier in Krzywa gibt es eine kleine Gruppe von Eltern, die interessiert sind und die zu allen Veranstaltungen kommen, die unsere Stiftung anbietet. Aber 80 Prozent der Eltern interessieren sich für gar nichts. Selbst, als wir einige Ärzte und Spezialisten in den Ort holten, haben sie ihre Vier- und Fünfjährigen allein zu den Ärzten geschickt und sind selbst nicht mitgegangen.
Wie kann so etwas passieren?
Monika: Über Jahrzehnte hat man die Menschen hier glauben lassen, der Staat sei für alles verantwortlich. Auch dafür, die Kinder zu erziehen. Das glauben die Menschen hier auch heute noch. Früher kümmerte sich das Ortsamt um alles und mit Auftauchen unserer Stiftung glauben sie nun, dass wir es sind, die ihre Kinder erziehen. Und je mehr wir den Kindern geben, desto höher werden auch die Erwartungen...
Was ist denn aus den Ortsbehörden geworden?
Monika: Die Ortsbehörden haben keinerlei Macht und werden von Warschau nicht mit den finanziellen Mitteln ausgestattet, ihren Aufgaben für diese entlegenen Winkel nachzukommen. So wurde der Schulleiter hier zur wichtigsten Persönlichkeit. Im Grunde genommen ist er derjenige, der die Kinder erzieht. Er lehrt sie nicht nur den Unterrichtsstoff. Er ist auch derjenige, der darauf achtet, dass die Kinder gegessen haben, dass sie ordentlich angezogen sind. Er ist mit Sicherheit wichtiger als der Priester und das will in Polen schon etwas heißen.
Er achtet darauf, dass die Kinder gegessen haben...?
Monika: Einmal bat der Direktor die Kinder im Kunstunterricht, eine Kartoffel zum Basteln mitzubringen. Am nächsten Tag kamen die Kinder in die Schule und sagten ihm, die Mütter hätten ihnen keine Kartoffel mitgeben können, weil sie keine Kartoffel für solchen Zweck übrig hätten. So ist die Situation hier...
Mit welchem Ziel haben sie dann diese Stiftung gegründet?
Monika: Es gibt viele Ziele, weil es viele Nöte gibt. Weil sich viele Eltern hier nicht einmal den Schulbus leisten können, übernehmen wir z.B. die Kosten für die Tickets, damit die Kinder überhaupt zur Sammelschule fahren können. Unsere Hauptaufgabe aber sehen wir darin, diesen Kindern Zukunftsperspektiven zu eröffnen, in dem wir sie intellektuell fördern. Aber wir bemühen uns auch um vernünftige Freizeit- und Bildungsangebote vor Ort, organisieren Workshops und Ferienlager. Wir versuchen, in den umliegenden Städten junge Menschen zu finden, die bereit sind, wirklich aktiv an der Schaffung einer Zivilgesellschaft mitzuarbeiten; die bereit sind, in diese vergessene Gegend zu kommen und mit den Kindern zu arbeiten. Im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen wir so Voraussetzungen zu schaffen, dass diese Kinder sich normal entwickeln können. Im Grunde geht es uns um Chancengleichheit. Die Kinder hier sollen die gleichen Chancen haben wie ihre Altersgefährten in Warschau, Wroclaw oder Poznan.
Was tut die Regierung?
Monika: Im Grunde ist die Regierung unfähig, die Probleme der Peripherie zu lösen. Wer in Warschau regiert, dessen Augen reicht nicht bis hierher, manchmal reicht er gerade bis zu eigenen Hosentasche... Diese Demokratie hinkt und wir sehen bisher niemanden, der die Werte, die die EU verkörpert, hier an ihrer neuen Außengrenze durchsetzen kann.
Eines ihrer ersten Angebote an die Kinder war die Durchführung eines Foto-Projektes. Was war das Resultat?
Monika: Vor allen Dingen hat es den Kindern eine Menge Spaß bereitet. Das später sogar eine Ausstellung daraus wurde, die inzwischen in ganz Europa gezeigt wird, hat uns alle überrascht. Die eigenen Fotos führten die Kinder hinaus aus diesem Tal. Sie ermöglichten ihnen Reisen, von denen sie früher nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Nach Gorlice, der nächstgelegenen Stadt, nach Krakow und Warschau. Mit jeder Ausstellung wurden nicht nur die Reisen länger, sondern auch ihr Selbstvertrauen und ihr Mut größer. Inzwischen wurden die Bilder auch in Wien und Göteborg gezeigt. Dass sie jetzt in Berlin zu sehen sind und die Kinder dorthin gar eingeladen sind, ist für die Kinder eine unglaubliche Wertschätzung. Für sie und für uns ist es genau dies - erlebbares Europa. Und das bedeutet mehr für die Zukunft dieser Kinder, als wir im Moment absehen können.
Welche Hilfe braucht ihre Stiftung am Nötigsten, was brauchen die Kinder vor allem?
Monika: Die Kinder brauchen im Prinzip alles. Sie brauchen medizinische Versorgung, sie brauchen psychologische und kulturelle Hilfe. Natürlich auch materielle Unterstützung. Was wir als Stiftung brauchen sind Geld, Ideen und Menschen, die bereit sind mit den Kindern gemeinsam Projekte zu realisieren. Ideen haben wir genug, vor allem brauchen wir Menschen, die uns helfen und diesen Kindern etwas Zeit schenken.