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Slowakisches Mütterzentrum erreicht neuen Guinness- Buch- Rekord
Die Europäische Zusammenarbeit bringt nicht nur neue EU-Mitgliedschaften, sondern auch neue Rekorde für das Guinness- Buch hervor. Am 8. Mai hat die Vereinigung der slowakischen Mütterzentren in einer spektakulären Aktion eine neue Meisterleistung für die Sammlung der Weltrekorde erzielt: 108 Familien sind mit ihren Kinderwagen drei Runden ums Fußballstadion in Bratislawa gelaufen. Der strömende Regen ließ den Lauf die eine Meile besonders bunt erscheinen – mit Regenschirmen in allen Farben liefen die Mütter und Väter nicht nur für den Eintrag ins Guinessbuch, sondern auch für die bessere Stellung von Familien in der Gesellschaft.
Sie wollen gesehen werden und auf die Hindernisse hinweisen, denen Familien mit kleinen Kindern auch in der Slowakei immer wieder begegnen. Die Mutterschutzregelungen sind problematisch, Frauen haben es schwer, nach der Elternzeit wieder ins Berufsleben einzusteigen und im öffentlichen Leben wird Familien mit Kindern, insbesondere mit Kinderwagen, häufig der Zugang verwehrt. Selbst in gewöhnliche Geschäfte, Restaurants oder in Busse und Bahnen des öffentlichen Nahverkehrs werden Eltern mit Kindern und Kinderwagen nicht hereingelassen. Diese Zustände werden aber nicht mehr kommentarlos hingenommen. Inzwischen hat sich ein hoch aktives, kreatives Netzwerk der Mütterzentren gebildet.
Die Mütterzentren sind in der Slowakei für die Eltern von kleinen Kindern zentrale Treffpunkte und Aktionsorte. Die Mütterzentren bieten nach dem Prinzip der Selbsthilfe Lösungen für die Kinderbetreuung und auch für die vielen Fragen und Sorgen, die beim Zusammenleben mit Kindern und bei ihrer Erziehung so auftauchen.
Und was hat das mit Europa zu tun? Die Mütterzentren sind ein wunderbares Beispiel dafür, was ein zusammenwachsendes Europa bedeuten kann und wie wir die zuweilen etwas abstrakt anmutende Rhetorik Europas mit Leben füllen können. Die Idee der Mütterzentren kennt keine Grenzen, sie hat sich über sämtliche Länder- und Wirtschaftsgrenzen hinweg wie ein Lauffeuer verbreitet. Das Konzept dieser Selbsthilfezentren von und für junge Eltern wurde einst im Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München geboren. Als dann die Pragerin Rut Kolinska auf einer Deutschlandreise diese Form der einfach gestrickten und hervorragend funktionierenden Mütter-Selbsthilfe kennen lernte, war sie davon so begeistert, dass sie das erste Mütterzentrum in Tschechien gründete. Inzwischen gibt es von der Ukraine bis Kanada Hunderte dieser von einzelnen Müttern und Vätern selbst getragenen Elterninitiativen.
Das Angebot der Mütterzentren ist vielfältig, es reicht von Babymassagen, über Sozialberatung bis hin zu gemeinsamen politischen Aktivitäten. Kennen Sie schon das nächste Mütterzentrum in Ihrer Nähe? Die Cafés der Zentren bieten eine Möglichkeit zur unkomplizierten Kontaktaufnahme. Natürlich sind in den Mütterzentren auch die Väter gern gesehen, ebenso wie Tanten, Großeltern und andere Interessierte. Informationen, Anschriften und Kontaktstellen finden Sie beim Bundesverband der Mütterzentren unter http://www.muetterzentren-bv.de
Und wenn Sie schon in einem Mütterzentrum aktiv sind, ließe sich ja vielleicht auch mal ein Kontakt zu einem Mütterzentrum in den neuen EU-Beitrittsländern herstellen und sogar ein gegenseitiger Besuch organisieren. Spannend wäre es bestimmt, von den Ideen und den Aktivitäten der anderen zu erfahren.
Die Mütterzentren in Bratislava haben sich bereits in der Welt umgesehen. In einem Artikel auf ihrer Webseite beschreiben sie, welche wunderbaren Ideen in den Mütterzentren anderer Länder - von der Türkei bis Indien – entstanden sind und wie die Mütterzentren voneinander lernen können. Mit dem nachfolgenden Text in deutscher Übersetzung können Sie sich einen Eindruck davon machen, welch weitreichendes Veränderungspotential in den lokalen und globalen Selbsthilfenetzwerken der Mütterzentren steckt. Wir bedanken uns ganz besonders bei Elena Baksova, Eva Pavlikova und Kvasnicová Miloslava für den Text, die Hintergrundinformationen und die Übersetzung. Links: www.materskecentra.sk (auf Slowakisch)
Mütterzentren – eine internationale Bewegung sprengt Grenzen (Artikel des Dachverbandes der slowakischen Mütterzentren)
Von Eva Pavlikova
Das Wort ,,Mütterzentrum" ist mittlerweile in der Slowakei zu einem stehenden Begriff geworden – dagegen war es vor einigen Jahren noch gänzlich unbekannt. Doch Dank der Kampagne "Darf ich eintreten mit meinem Kind?" hat sich nicht nur die Kampagne sondern auch die Idee der Mütterzentren schnell verbreitet. Aus zwei Mütterzentren sind in dieser Zeit bereits 40 Mütterzentren entstanden. Und diese Zahl wächst mit jedem Monat.
Was sind Mütterzentren?
Die Idee der Mütterzentren stammt aus Deutschland. Eine Gruppe vonSoziologinnen eines anerkannten Forschungsinstituts arbeitete an einem Projekt, das darauf abzielte, die Bedürfnisse von Frauen und Müttern in der modernen Gesellschaft zu erforschen. Als Nebenprodukt dieser wunderbaren soziologischen Studie entstand das Modell der Mütterzentren. Das Familienministerium der deutschen Bundesregierung finanzierte dann die Gründung und Ausstattung der ersten zwei Mütterzentren. Das Prinzip der Selbsthilfe von und für Mütter weitete sich aus und in kürzester Zeit entstanden immer neue und neue eigenständige Mütterzentren in ganz Deutschland, in Europa und auf anderen Kontinenten. In unserem Nachbarland Tschechien gibt es schon ungefähr 120 solcher Einrichtungen.
Mütterzentren sind als Selbsthilfegruppen von und für Mütter geschaffen, die ihre soziale Isolierung während des Erziehungsurlaubes aufbrechen wollen. Mütterzentren sind Orte, wo Frauen sich gegenseitig helfen und zusammenarbeiten können, wo sie Neues dazu lernen und eigene Projekte entwickeln können, oder wo sie einfach fröhlich ihre Zeit in der Gesellschaft anderer verbringen können. Sie haben die Gelegenheit, ihre Probleme mit Gleichgesinnten zu beraten und sie haben die Möglichkeit bei Bedarf, die Kinderbetreuung in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig bieten die Mütterzentren den Kindern eine schöne und sichere Umgebung, in der die Kinder ihre Zeit mit Gleichaltrigen verbringen können und auch durch organisierte Programmangebote Unterstützung in ihrer Entwicklung erfahren.
Wie zeigen sich die heutigen Realitäten in der Slowakei?
Die größten Probleme haben die Gründerinnen der neuen Mütterzentren in der Regel bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten. In vielen Fällen hilft die Kirche, dann sind die Mütterzentren im Umfeld einer Kirche oder im Gemeindehaus untergebracht. Nur sehr selten kann man einem zugeneigten Bürgermeister begegnen, der das Anliegen versteht und es finanziell unterstützt oder Räume zur Verfügung stellt. Die bisherigen Reaktionen waren eher ernüchternd - so wie der Vertreter eines Bezirksamtes in Bratislava auf unsere Anfrage antwortete: ,,Wir werden hier doch keine Unternehmen von irgendwelchen Müttern mit ihren Kindern unterstützen!" So stehen die Mütter häufig in der Rolle der Bittenden, die die Hände vor der Stadt- oder Landesverwaltung aufhalten muss. Wesentlich erfolgreicher ist die Suche nach Unterstützung bei ausländischen Geldgebern.
Wie sieht es in der Welt aus?
In der Türkei entstanden die ersten Mütterzentren vor einigen Jahren mit der Unterstützung der Regierung und mit Hilfe ausländischer Fonds. Heute gibt es bereits sich selbst tragende Mütterzentren, die sich durch ihre eigenen Aktivitäten finanzieren können. Es sind viele Kleinprojekte entstanden, die begannen, Dienstleistungen im Sozialbereich anzubieten. Welche Firma hat schon heutzutage ein Interesse daran, eine Mutter mit einem Kleinkind anzustellen? Dies ist ein Problem, das es nicht nur in der Türkei und in der Slowakei gibt. Deshalb sind Mütterzentren nicht nur für das Schaffen neuer Arbeitsplätze wichtig, sondern auch für Selbstbeschäftigung der Frauen.
Und was machen die Frauen? Sie stellen beispielsweise Kunstgegenstände her, selbstgemachte Puppen und weitere Hand-Made Produkte, die typisch für ihre Kultur sind. In der Türkei hat das Ministerium für Tourismus mit den Mütterzentren Kaufverträge für diese Produkte geschlossen. Auf einem internationalen Workshop der Frauenorganisationen präsentierte ein türkisches Mütterzentrum in Sofia (September 2002) seine Dienstleistungen, die es gegenüber staatlichen Stellen anbietet und mit ihnen entsprechende Verträge eingegangen ist – womit sie eine sinnvolle Form der staatlichen Unterstützung erhalten!
Die türkische Regierung und die Kommunen haben verstanden, worin die Vorteile dieser Idee liegen. Sie lindert und löst soziale Probleme und stärkt letztendlich die Selbstständigkeit.
Vielleicht möchte man meinen, dass wir "in unserer zivilisierten Welt" nichts von einem Land wie Indien lernen könnten. Aber das ist weit gefehlt. In Indien gibt es schon seit 10 Jahren Mütterzentren. Sie bilden eine Basis für Frauen, die meist weder eine hohe gesellschaftliche Position noch eine Ausbildung haben. In den Gemeinschaften der Mütterzentren sind sie "Jemand" und widmen sich unterschiedlichen Arbeiten, mit denen sie auch Geld verdienen. Wichtig ist aber nicht nur das Geld, vielmehr geht es auch darum, dass die Frau in einem anderen Bereich als der Küche tätig ist, und dass sie sich ausbilden kann - z.B. in der Buchhaltung, Haushaltsführung oder der Kindererziehung.
Aus Indien kommt auch die Idee der "Safe & Credit Groups". In der Regel können Frauen in Indien nicht zur Bank gehen und einen Kredit aufnehmen. Sie verfügen meist weder über Geld noch über Eigentum. Dort aber, wo in den Mütterzentren ein großes gegenseitiges Vertrauen entstanden ist, gibt es die Möglichkeit regelmäßig in ein Mütterzentren-Sparkonto einzuzahlen. Keiner hätte wohl je geglaubt, dass eine ärmliche Frau etwas sparen kann und es handelt sich selbstverständlich um kleine Beträge. Aber aus der Gemeinschaft der Mütterzentren hat sich schrittweise eine "Bank" entwickelt, aus der Mitglieder Kredite bekommen können.
Und die Vorteile? Von den Zinsen profitiert die ganze Gruppe und die Frau hat eine Möglichkeit, eine Anleihe zu machen z.B. für den Einkauf von Materialien, wenn sie ein kleines Unternehmen gründen will. Sie kann dann Textilien einkaufen oder Teppiche weben, um diese dann zu verkaufen. Andere Frauen haben eigene Lebensmittelgeschäfte eröffnet. Heute gibt es in Indien ca. 1500 "Save & Credit Groups".
Diese Idee haben auch die Mütterzentren in der Türkei übernommen. Als dann ein schreckliches Erdbeben die Wohnungen und den Broterwerb vieler Frauen vernichtete, bildeten die Mütterzentren die Kontaktstellen, über die die Projekte zum Wiederaufbau der Gemeinden organisiert wurden. Auch dieses ist ein Gesicht der Mütterzentren.
Deutschland ist ein Land, wo die Sozialdienste sehr fortgeschritten sind und die Mütterzentren finden darin ihren klaren Platz. In der Slowakei nutzen und besuchen vor allem die Mütter die Zentren, die gerade ihren Erziehungsurlaub nehmen. In Deutschland kommen darüber hinaus auch Flüchtlinge, Frauen ohne Arbeit oder alleinerziehende Mütter oder auch Frauen, die schon erwachsene Kinder haben und sich einsam fühlen.
Ein typisches Beispiel ist Stuttgart. Im Sommer 2002 wurde hier ein "Alten- und Kinderhaus" eröffnet. Ein großes vierstöckiges Haus enthält ein Altenwohnheim, einen Kindergarten und ein Mütterzentrum. Die Aktivistinnen vom Mütterzentrum organisieren und unterhalten hier ein Café, ein Restaurant und einen Schönheitssalon und sie bieten verschiedene Kurse und Dienste für Kinder und Frauen an z.B. Kurse im Schneidern, Kunstwerken, in Homöopathie, Yoga, Bauchtanzen... Die Frauen können auf dem Gelände, das sie von der Stadt erhalten haben, arbeiten und ihre kleinen Unternehmen führen. Gleichzeitig bieten sie für andere Besucher gezahlte Dienste an, womit sie eigenen Profit erwirtschaften können. Der Bürgermeister hat den Bau des Alten- und Kinderhauses mit ca. 20 Mill. EUR unterstützt. Seine Vorgabe war nur, dass hier die Angebote für alte Menschen und das Mütterzentrum in einem Gebäude unter einem Dach vereint sein sollen.
In Bosnien ist das erste und wahrscheinlich bislang auch noch einzige Mütterzentrum vor zwei Jahren (2002) erstanden. Nachdem Senada Dzankie nach neun Jahren ihren Aufenthaltsstatus als Flüchtling in Deutschland verloren hatte, musste sie nach Bosnien zurückkehren. Aus Deutschland konnte sie aber nicht nur ihre zwei Kinder mitbringen, sondern auch eine Idee: "Wir organisieren bei uns in Zavidovic ein Mutterschaftszentrum". Sie und einige andere Frauen bekamen vom Gemeindeamt ein Raum. Finanziell werden sie von dem freundlichen Mütterzentrum in Stuttgart unterstützt, das ihnen monatlich 400 EUR schickt. In dem Mütterzentrum in Bosnien entstehen nun Kunstgegenstände, Kerzen und Geschenkartikel...
Bulgarien – das Mütterzentrum in Sofia ist zunächst speziell zur Vorbeugung und zur Lösung sozialer Probleme von allein erziehenden oder einsamen Müttern entstanden. Immer wieder besuchten es aber auch die Mütter, die keine solche Probleme hatten und inzwischen läuft mit der Unterstützung eines EU-Fonds das Projekt "Viktoria 21", das auf die Herstellung gefahrloser Kindermöbel abzielt.
Die Mütterzentren in Tschechien funktionieren sehr ähnlich wie in der Slowakei. Sie haben aber mehr Erfahrung und stehen in einer besseren Verbindung mit den lokalen Geldgebern, mit Sponsoren und Firmen und sie sind besser in der Lage, finanzielle Unterstützung für ihre Aktivitäten zu finden. Weder in Tschechien noch in der Slowakei verbinden wir mit den Mütterzentren groß angelegte, wirtschaftliche Unternehmen oder bieten Arbeitsmöglichkeiten für die Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub. Eine solche Zukunftsvision erscheint uns aber bereits ganz real.
Es ist schon möglich, dass die Frauen, die ein Mütterzentrum gründen möchten, auf solche Einstellungen treffen werden, wie: "Ich werde hier doch keine Unternehmen von Müttern mit Kindern unterstützen!" Aber dagegen lässt sich die Tatsache halten, dass anstelle kleiner Investitionen in die Raumvergabe von Mütterzentren viel größere Kosten durch die Arbeitslosengelder für Mütter mit Kindern entstehen. Es lohnt sich also, Mütterzentren zu unterstützen.
Übersetzung Miloslava Kvasnicová und Uta Pioch