Elternarbeit und Medieneinsatz "Gesunde Ernährung"
Referent: Antonio DiazFachtag Elternbriefe
"Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?"Elternarbeit und Medieneinsatz zu Kitathemen
Referent: Iman El-HusseinElternarbeit und Medieneinsatz "Bildungschancen"
Referent: Antonio DiazTag der offenen Tür im ANE
Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" am Freitag, dem 8. Juni 2012 von 14:00 Uhr bis 20:00 Uhr - Informationen und Gespräche für Eltern und ein buntes Kinderprogramm."Generationsübergreifende Folgen nach Krieg, Flucht, Vertreibung und Emigration"
Vortrag von Anita KnapekBerlin, 08.06.2012, 09:00 - 14:00 "Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?" Programm und Anmeldung
Berlin, 08.06.2012, 14:00 - 20:00 Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" Anmeldung
Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.
Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen
"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.


Autorin: Dr. Renate Schüssler
Schon ein Gang über die Strasse zeigt uns: Adipositas (d.h. starkes Übergewicht) hat bei den Kindern beunruhigend zugenommen. Ursache dafür sind die Lebens- und Umweltbedingungen, die sich für die Kinder in den letzten Jahrzehnten sehr verändert haben.
Aktuell sind 15 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von zwei bis siebzehn Jahren übergewichtig. Das sind etwa 1,9 Millionen übergewichtige und adipöse Kinder in Deutschland. Im Vergleich mit dem Jahr 1985 hat sich diese Zahl verdoppelt. Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen und aus Familien mit Migrationsgeschichte sind stärker als andere betroffen. Beunruhigend sind diese Zahlen deshalb, weil Adipositas die körperliche und psychosoziale Gesundheit der Kinder beeinträchtigt und ein hohes Risiko für schwere Erkrankungen in der Zukunft ist.
Wie entsteht Adipositas?
Übergewicht entsteht, wenn über einen längeren Zeitraum die Energieaufnahme durch die Nahrung den Energieverbrauch durch Bewegung und einen aktiven Lebensstil übersteigt. Schon täglich eine Scheibe Knäckebrot mehr, schlägt sich über Monate als Fettpolster nieder.
Die Risikofaktoren, eine Adipositas zu entwickeln sind vielfältig. Es kommen meist mehrere Faktoren zusammen, wenn Menschen zu dick werden.
Manche dieser Faktoren sind nicht oder nur sehr schwer zu verändern. Vieles liegt aber auch in den Möglichkeiten und der Verantwortung der Eltern. Wir wissen, dass ein Kind dicker Eltern ein sehr hohes Risiko hat, auch dick zu werden. Hier sind die Eltern als Vorbilder gefragt.
Wir wissen auch, dass eine frühe Entwicklung zur Adipositas sehr ungünstig für ihren späteren Verlauf ist. Daher ist es wichtig, sich frühzeitig mit einem gesunden Lebensstil zu beschäftigen, d.h. schon dem Kleinkind eine gesunde Mischkost anzubieten, es nicht zum Essen zu zwingen, sondern es selbst
bestimmen zu lassen, wie viel es essen will, aber auch für ein vielfältiges Nahrungsangebot zu sorgen, damit das Kind nicht nur auf die Geschmacksrichtung süß geprägt wird. Und, was ganz wichtig ist, ihm genug Möglichkeiten zu Spiel, Sport und Bewegung zu schaffen.
Die Erfahrung zeigt, dass viele Eltern das Übergewicht ihres Kindes erst erkennen, wenn schädliches Ess- und Bewegungsverhalten sich schon verfestigt hat und nur schwer zu ändern ist. Deshalb ist es wichtig, dass sie die Vorsorgeuntersuchungen bei ihrem Kinderarzt, bei denen die Körpermaße ja erhoben und dokumentiert werden, wahrnehmen und sich früh Rat zu holen, wenn sich eine gefährliche Entwicklung anbahnt.
Warum ist Adipositas ein Risiko für die Gesundheit?
Die Adipositas ist eines der größten Gesundheitsprobleme der westlichen Industrienationen, da sie eine ganze Kaskade von Folgeerkrankungen auslösen kann. Adipöse Kinder fühlen sich nicht nur in allen Lebensbereichen in ihrer Lebensqualität gemindert, sie sind auch erheblich von Krankheit bedroht.
Manche dieser Krankheiten können bereits bei Kindern auftreten, andere erst im Erwachsenenalter. Wegen der Gefährlichkeit und Häufigkeit der Risiken ist es deshalb nötig, dass Kinder mit Adipositas je nach Schwere mindestens einmal im Jahr ärztlich kontrolliert werden, vor allem, weil die meisten Krankheiten, wie z.B. Diabetes mellitus Typ II, Bluthochdruck oder Fettleber, sich erst bemerkbar machen, wenn sie bereits nicht wieder gut zu machende körperliche Schäden verursacht haben.
Aber nicht nur der Körper, auch die Seele leidet. Wir alle wissen, dass adipöse Menschen einen schweren Stand in unserer Gesellschaft haben. Das gilt in gleichem Maße für die Kinder, die in der Schule und auf dem Spielplatz gehänselt werden. Da sie körperlich weniger leistungsfähig sind, werden sie von anderen Kindern von Spiel und Sport ausgeschlossen. Das bleibt nicht ohne Folgen für ihr Selbstwertgefühl und ihre Lebensfreude, diese Kinder werden häufig depressiv, ziehen sich zurück, bleiben allein und unglücklich. Ein Teufelskreis kommt in Gang, der schon bei Kindern bis zu Selbstmordgedanken führen kann.
Für mich war es in meiner Praxiszeit erschreckend zu erleben, dass Eltern zwar wegen jeder harmlosen Erkältung ihr Kind in der Arztpraxis vorstellen, angesichts dieser großen Risiken für die Zukunft ihrer Kinder aber unbeeindruckt bleiben, die Gefahr nicht wahrnehmen wollen und daher auch kaum zu motivieren waren, aktiv zu werden und z.B. den familiären Lebensstil zu verändern, um Gesundheit, Lebensqualität und die Lebenschancen ihrer Kinder zu erhalten.
Aktiv werden müssen und können wir aber, um zukünftigem Leiden vorzubeugen.

Fragen, die sich Eltern zu Ernährung und Essverhalten stellen sollen.
Wir werden dick, wenn wir mit dem Essen mehr Energie (Kalorien) aufnehmen als wir durch Aktivität verbrauchen. Dem Übergewicht vorbeugen können wir also entweder, indem wir den Kaloriengehalt unseres Essens reduzieren oder den Energieverbrauch durch Bewegung erhöhen.
Wenn uns mit unserer Ernährung beschäftigen, müssen wir uns vor allem drei Fragen stellen:
was essen wir in welchen Mengen? wie essen wir? warum essen wir?
Die Empfehlung für eine gesunde Ernährung, die für alle Kinder gleich gilt, wurde bereits vorgestellt (www.a4k.de/arabische-medien/ernaehrung-und-bewegung). Dass wir weniger Fett und Zucker essen sollten, weiß inzwischen jedes Schulkind, auch dass Fastfood nicht gesund ist und wir insgesamt oft zuviel Nahrung zu uns nehmen.
Bei den Portionsgrößen gibt es dann schon Unsicherheiten. Dabei haben wir das ideale Messgerät immer bei uns: unsere Hand. Fünf Portionen Gemüse oder Obst, die wir täglich essen sollten, sind also fünf Hände voll und zwar Hände dessen, für den das Nahrungsmittel bestimmt ist. Eine Portion gekochte Nudeln oder Reis entspricht zwei Fäustchen. Mehr als auf die Handfläche des Kindes geht, sollte es am Tag nicht an Süßigkeiten oder Chips essen – so einfach ist das! Viele Eltern werden aber überrascht sein, wie wenig das ist im Vergleich zu dem, was ihre Kinder täglich zu sich nehmen.
Schwieriger ist es Essverhalten und Familiengewohnheiten zu verändern.
Wie wird in der Familie gegessen? In Ruhe mit Genuss konzentriert auf die gemeinsame Mahlzeit? Oder schlingt jeder sein Essen allein und vielleicht sogar vor dem Fernseher schnell herunter, ohne wirklich zu merken, was und wie viel er isst? Wird gut gekaut? Wird nur zu den Mahlzeiten gegessen oder den ganzen Tag über, ohne jemals wirklich hungrig zu sein?
Hunger zu stillen, sollte der Grund zu essen sein. Isst aber ein Kind nicht oft auch aus Langeweile, Kummer, Stress oder Frust? Haben sich Eltern daran gewöhnt, Lob und Liebe in Süßigkeiten auszudrücken und machen sich keine Gedanken mehr darüber, ob sie ihm nicht mit einem kleinen Geschicklichkeitsspiel, einem Springseil, oder auch einfach Zeit für gemeinsames Spielen eine viel größere Freude machen?
Das sind Fragen, die sich Eltern bei der gesunden Ernährung ihres Kindes stellen sollten.
Einerseits werden in vielen Familien Regeln, Rituale wie gemeinsame feste Mahlzeiten häufig nicht mehr eingehalten und die Fähigkeit, selber zu kochen, geht verloren. Andererseits scheuen sich Eltern zunehmend, Konflikte mit ihren Kindern auszutragen und geben ihnen in jedem Alter was immer sie wollen. So werden Kinder mit Knabbereien vor dem Fernseher ruhig gestellt. Beides, die Knabbereien und die Bewegungsarmut, schaden der kindlichen Entwicklung. Deshalb ist hier die Verantwortung der Eltern für die Erziehung gefordert und zwar vom ersten Lebenstag an.
Eltern machen hier oft folgenreiche Fehler, wenn sie den Auseinandersetzungen mit ihren Kindern aus dem Wege gehen.
So ist der Geschmack vor allem anerzogen und nicht angeboren. Sicher bevorzugen Säuglinge und Kleinkinder zunächst die Geschmacksrichtung ‚süß’, passen sich aber in den ersten Jahren rasch den familiären Essgewohnheiten an. Daher verlangt ein Kind, das von Beginn seines Lebens an Wasser gewohnt ist, später keine gesüßten Getränke und isst sein Gemüse, wenn ihm als Säugling bereits vielfältige Geschmacksrichtungen angeboten wurden.
Ein Fehler ist auch, Zwang und Druck beim Essen auszuüben – Essen soll Freude und Genuss sein. Es ist zu respektieren, wenn Kinder einmal nicht soviel essen wollen. Der Appetit ist nicht jeden Tag gleich. Da kein gesundes Kind freiwillig hungert, sollten Eltern gelassen bleiben, solange das Kind munter ist, sich gut entwickelt und nicht abnimmt.
Essen kann zur Sucht werden, deshalb dürfen Kinder nicht unnötig in Versuchung geführt werden durch Naschereien, die offen auf den Tisch stehen, denen auch Erwachsene nicht widerstehen können, die damit ihren Kindern ein schlechtes Vorbild geben.
Die Krankheitsfolgen falscher Ernährung zeigen sich nicht sofort, daher ist man sich oft nicht bewusst, dass man seinem Kind bereits im Kleinkindalter die Grundlagen für spätere leidvolle chronische Krankheiten anfüttern kann.
Vor allem sollten Eltern sich nicht von Nachbarn, Tanten und Großeltern verunsichern lassen, auch wenn die das in der Regel nicht besser wissen und es sicher gut meinen:
Das gesunde, aktive Kleinkind ist von Natur aus dünn!

Bewegung ist wichtig
Der Körper benötigt Energie um alle lebensnotwendigen Funktionen wie Atmung, Kreislauf etc. zu erhalten, bei Kindern zusätzlich zum Wachstum. Dieser Grundumsatz ist für den einzelnen Menschen genetisch festgelegt und praktisch nicht zu beeinflussen. Worauf wir aber Einfluss nehmen können, ist der Energieverbrauch durch unsere Aktivität, vor allem durch Bewegung.
Aber nicht nur zur Vorbeugung von Übergewicht ist Bewegung wichtig.
Bewegung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gesunde körperliche, geistige, emotionale und soziale Entwicklung!
Bei Bewegung denken wir meist als erstes an Sport. Aber mit einer Stunde Sport in der Woche ist es nicht getan. Wichtiger ist die regelmäßige tägliche Freizeitbewegung beim Spiel und vor allem die Alltagsbewegungen wie Schulwege, Einkaufen, Treppensteigen, Hausarbeiten usw.
Für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung sind etwa drei Stunden Bewegung täglich optimal.
Wie bei der Ernährung geht es auch bei der Alltags- und Freizeitbewegung darum, dem Kleinkind von Anfang an, einen bewegungsaktiven Alltag zu bieten, es z.B. nicht noch als Vierjähriges im Buggy zur Kita zu fahren, sondern zu laufen, auch wenn das länger dauert. Dafür gibt es auf dem Weg für das Kind viel zu entdecken und zu lernen. Kleine Kinder sind von Natur aus sehr bewegungsaktiv, meist sind es die Erwachsenen, die bremsen und so aus Unwissen, Ungeduld oder Bequemlichkeit ein falsches Verhalten einüben.
Waren es noch vor rund 25 Jahren bewegungsaktive Spiele im Freien, mit denen sich die Kinder gemeinsam beschäftigt haben, sind es heute Computerspiele oder Fernsehen, meist einsam im Sitzen oder Liegen zu Hause und oft mit Süßigkeiten und Chips in Reichweite.
Die Häuser haben zunehmend Aufzüge, es wird sehr viel mehr mit dem Auto gefahren. Der dichte Verkehr macht es für die Kinder zu gefährlich draußen zu spielen, sich mit Freunden zu treffen, die Welt zu entdecken und manche Spielplätze zeigen noch immer ein langweiliges Einheitsbild – das alles sind Gründe für den Bewegungsmangel vieler Kinder.
Was können Eltern tun?
Umso wichtiger ist für Eltern, für ein ausreichendes Bewegungsangebot für ihre Kinder zu sorgen. Sie müssen sich Gedanken machen, wie im Alltag Bequemlichkeit durch Aktivität ersetzt werden kann, auch wenn das den träge gewordenen Kindern zunächst nicht gefällt.
Auch muss Liebe und Lob nicht immer mit Süßigkeiten ausgedrückt werden, ein Springseil, ein Geschicklichkeitsspiel kann mehr Freude machen.
An vielen Orten wie z.B. in Familienzentren werden für Kinder auch kostenlos Bewegungsangebote gemacht, die oft kaum genutzt werden. Es gibt Parkanlagen, Kinderbauernhöfe und mehr, sicher auch in Ihrer Nachbarschaft – informieren Sie sich!
Kinder lernen durch Nachahmung, deshalb ist das gute Vorbild der Eltern so enorm wichtig. Auch wenn es ihnen schwer fällt, die eigene gewohnte Trägheit zu überwinden, sollten Eltern daran denken, dass sie ihren Kindern die größte Freude machen, wenn sie mit ihnen etwas unternehmen, ihnen Zeit für gemeinsames Spiel schenken und damit die ganze Familie glücklich machen.
Dr. Renate Schüssler
E- Mail: babeluga@gmx.de
Internet: www.babeluga-berlin.de
Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Thema Übergewicht bei Kindern finden Sie unter: www.bzga-kinderuebergewicht.de/adipo_allg/