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Unsere Webseitenredaktion hat Post bekommen! Und zwar aus Polen und auch aus Eberswalde bei Berlin. Denn vor gar nicht langer Zeit kam es zu einer deutsch-polnischen Begegnung der ganz besonderen Art. Es trafen sich nämlich drei Kitaprojekte aus zwei Ländern auf einem Workshop. Plötzlich wurde Europa sichtbar – hier, auf der Ebene der ganz alltäglichen Arbeit mit Kindern.
Noch bis vor kurzem ahnten die Mitarbeiterinnen des Kinderprojektes "Demokratie – Leben" in Eberswalde gar nicht, welche spannenden Ideen ihre Kolleginnen auf der anderen Seite der Oder in der Kinderarbeit umsetzten. Sie kannten die Mitarbeiterinnen von dem "Kinderfreundlichen Kindergarten" in Posen noch nicht, und sie wussten auch noch gar nichts von den Aktivitäten von "Szansa" (Chancen), einem Warschauer Projekt für Kinder und Eltern, die besondere Unterstützung brauchen.
Vor einigen Wochen haben sich diese Projekte nun gegenseitig entdeckt. Auf Anregung der Bernard van Leer Stiftung tauschten sie sich ein Wochenende lang über die Arbeit mit Kindern in Polen und Deutschland aus. Eigentlich hatten die ProjektmitarbeiterInnen und ErzieherInnen davor noch gar kein besonderes Interesse an den KollegInnen im Nachbarland. Polen? Na ja, zu DDR-Zeiten fuhren die Eberswalder ErzieherInnen vielleicht mal nach Polen in den Urlaub – ein Urlaubsziel der zweiten Wahl, der goldene Westen war ja schließlich abgeriegelt. Die PolInnen kannten Deutschland auch schon von dem ein oder anderen Aufenthalt.
Aus dem unbekannten nebeneinanderher Existieren entstand eine Annäherung. Vorsichtig tasteten sich die KinderexpertInnen beider Länder vor, um schließlich mit einiger Überraschung festzustellen, dass sie in den KollegInnen von nebenan äußerst spannende Partner für die Weiterentwicklung der eigenen pädagogischen Arbeit finden konnten. Die deutschen KinderaktivistInnen konnten entdecken, dass Kitas und Kinderprojekte in Polen vor ganz ähnlichen Fragen und Problemen stehen wie sie selbst – und umgekehrt. Alle Beteiligten haben erfahren, wie fruchtbar es sein kann, über den Zaun zu schauen und zu gucken, welche Lösungen denn die anderen gefunden haben.
Alle drei Projekte haben der Aktiv-für-Kinder-Redaktion geschrieben. Die offene Form dieser an die anderen Projekte gerichteten Briefe dokumentiert auch für uns Leserinnen und Leser der Webseite, wie spannend es ist, dieses "ferne" Osteuropa kennen zu lernen. Die Briefe zeigen uns, wie aus den bunten Flecken, die sich im Schulatlas auf der rechten Seite um Deutschland herumranken, Orte werden können, mit denen man Menschen verbindet – Menschen, die zu Arbeitspartnern werden und zu persönlichen Freunden.
Brief aus Posen – vom "Kinderfreundlichen Kindergarten"
Posen, Mai 2004
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
warme Grüße aus Posen – wo es heute außergewöhnlich stark regnet. Wir hoffen, dass es Euch gut geht und sind gespannt, wie sich Eure Projekte weiterentwickeln. Wir danken Euch noch einmal für die gemeinsame Zeit – diese Begegnung mit Euch war für uns zutiefst inspirierend und erhellend, und zwar in beruflicher wie auch in privater Hinsicht.
Wir fanden uns bei diesem Treffen polnischer und deutscher Projekte in einer Gruppe von Menschen wieder, die ein ganz ähnliches Verständnis davon haben, was kleine Kinder in der Gesellschaft wirklich brauchen, und die sich so konsequent und ehrlich darauf konzentrieren, die Umgebung (Familie und Kindergarten), in der Kinder aufwachsen und die Welt entdecken, zu unterstützen. Diese Erfahrung war uns besonders wichtig.
Wir sind außerordentlich froh, dass wir die Möglichkeit hatten, unsere Ideen, Erfahrungen und Strategien über die Verbesserung der Qualität und Effektivität unserer Kinderprojekte auszutauschen. Wir haben entdeckt, dass wir gemeinsame Erfahrungen teilen, zum Beispiel, haben für uns alle die Kinderperspektive und das Wohl des Kindes oberste Priorität. Wir alle unterstützen die unmittelbare, natürliche Umwelt jedes Kindes, nämlich die Familien und den Kindergarten. Wir sind alle begierig darauf, immer wieder Neues hinzuzulernen.
Gleichzeitig gibt es ganz offensichtliche Unterschiede zwischen uns. Wir sprechen unterschiedliche Sprachen, wir arbeiten in anderen kulturellen, sozialen und ökonomischen Kontexten. Ist das ein Problem? Ein Hindernis?
Im Gegenteil. Wir glauben, dass dies genau das ist, was unseren Gesprächen die besondere Kraft verleiht: wir verstehen und unterstützen uns gegenseitig, weil wir so viel gemeinsam haben, und weil gleichzeitig die bestehenden Unterschiede unser Wachstum befördern. So öffnen wir uns gegenüber Erfahrungen und Lösungen, denen wir vorher noch nicht begegnet sind.
Wir hoffen, dass unsere Treffen in gewissem Sinne auch einen Ort für den Dialog unserer Länder darstellen. Wir haben die Möglichkeit für ein Europa zu arbeiten, das zu uns allen gehört und das in der Lage ist, Kompromisse einzugehen und zusammenzuarbeiten. Ein Europa, das die Bedürfnisse junger Kinder anerkennt, deren Rechte respektiert und deren Entwicklungs- und Bildungswachstum fördert. Wir verstehen alle, wie wichtig das ist, schließlich "ist es das Kinderzimmer, wo sich das Schicksal dieser Welt entscheidet".
Warme Grüße,
Euer Team des "Freundlichen Kindergartens" in Posen
Brief aus Eberswalde – von "Demokratie leben"
Eberswalde, Mai 2004
Liebe Frauen,
immer wieder kommen wir auf unsere Gespräche mit Euch zurück. Der gemeinsame Workshop war eine sehr wichtige Erfahrung für unser Team von dem Projekt "Demokratie leben in Kindergarten und Schule". Zuerst einmal war es sein sehr angenehmes Arbeiten mit Euch. Eure offene, zugewandte Haltung hat uns sehr gut getan. Wir spürten bei euch dieselbe Neugier auf uns, die wir für euch empfanden. Zu der konstruktiven Stimmung hat auch beigetragen, dass wir immer wieder Anlässe fanden, miteinander zu lachen.
Beim Austausch unserer Projekte stellten wir alle nicht ohne Erstaunen fest, dass wir ganz ähnliche Erfahrungen in der Arbeit mit den Erzieherinnen machen, und dass dies auch zu ganz ähnlichen Konsequenzen in der Vorgehensweise und den Strategien in der Projektarbeit geführt hat. Eine Gemeinsamkeit ist zum Beispiel, dass wir Projektfrauen eine positive Haltung zu Veränderungsprozessen haben, wir aber bei den Erzieherinnen auf Menschen stoßen, die sich gegen Veränderungen wehren.
Bei uns in Deutschland sehen wir den Grund in den Wendeerfahrungen. Die Erzieherinnen haben bereits mehrere Wellen von neuen Konzepten aus dem Westen über sich ergehen lassen müssen, die gleichzeitig mit einer Entwertung dessen, was sie bisher gemacht haben, einherging. Diese Kränkungen sitzen noch immer so tief, dass sie ein generelles Abwehrverhalten zur Folge haben. Welche Gründe bei Euch für die Angst vor Veränderungen eine Rolle spielen, das wissen wir eigentlich noch gar nicht. Was wir auf jeden Fall erkannt haben, ist die gemeinsame Erfahrung der Erzieherinnen in Polen und Ostdeutschland, an gesellschaftlicher Anerkennung ihrer beruflichen Rolle eingebüßt zu haben.
Wir haben auch festgestellt, dass bei Euch wie bei uns die Erzieherinnen nach sozialer Erwünschtheit handeln und nicht von sich aus das Recht einfordern, wirklich selbst zu entscheiden. Dies führt bei uns wie bei Euch zu Verunsicherungen, ob die Erzieherinnen wirklich bereit sind, sich am Projekt zu beteiligen.
Da wir trotz ähnlicher Situationen auch unterschiedliche Strategien entwickelt haben, konnten wir uns gegenseitig bereichern. An ganz vielen Punkten haben wir zum Teil durch Euren Erfahrungsvorsprung und zum Teil durch Eure Fragen viel von Euch gelernt.
Insgesamt haben wir den Eindruck, dass es bezüglich der Kitas, der Erzieherinnen und der Erziehungsvorstellungen mehr Gemeinsamkeiten zwischen den neuen Bundesländern und Polen gibt als zwischen den neuen und alten Bundesländern. Diese Gemeinsamkeiten haben gewiss etwas mit der sozialistischen Vergangenheit zu tun. Gleichwohl gehen wir davon aus, dass Polen eine ganz besondere, eigene Geschichte und gesellschaftliche Realität hat, die kennenzulernen uns sehr neugierig gemacht hat. Wir glauben, dass durch den distanzierten Blick aus einem anderen Land und die Fragen, die daraus gestellt werden, wir viel mehr über uns selbst erfahren können, weil wir uns dadurch selbst auf ungewohnte Weise in Frage stellen.
Wir sind nicht nur an einem weiteren Austausch interessiert, sondern auch an einer intensiveren Zusammenarbeit. Denn wir haben den Eindruck, dass unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich für beide Seiten als sehr bereichernd erwiesen haben.
Herzliche Grüße von "Demokratie Leben"
Brief aus Warschau – von "Szansa - Chancen"
Warschau im Mai 2004
Die Begegnung mit anderen deutschen und polnischen Organisationen hat unser Projekt und uns alle einen großen Schritt weitergebracht. Noch bis in das Jahr 2003 war der Ansatz unserer Organisation "Szansa" davon geprägt, Kindern und Familien mit verschiedenen Problemen durch Bildungs-, Therapie- und Fördermaßnahmen zu helfen. Dabei hatten wir noch die Vorstellung, dass die Kinder lauter Defizite haben, an deren Korrektur wir arbeiten wollten. Die Jahre 2003/ 2004 waren für uns dann ein Wendepunkt in unserem Denken über die Kinder. Der Defizitblick wandelte sich in die Orientierung an den Stärken des jeweiligen Kindes und seiner Individualität.
In Eberswalde konnte das gesamte Team zum ersten Mal andere Projekte kennenlernen, die ebenfalls die Kinderperspektive und den Fokus auf die Stärken der Kinder für die allerwichtigsten Elemente ihrer Arbeit halten.
Wir haben in unserer Projektgruppe darüber gesprochen, wie das deutsch-polnische Treffen unser bisheriges Denken verändert und weitergebracht hat. Unsere Teammitglieder haben sich so geäußert:
Durch den Austausch mit den anderen Kinderprojekten haben wir wirklich viel gelernt, so zum Beispiel:
Der Besuch in Deutschland hat uns die Möglichkeit gegeben, deutsche Kindergärten und die dort arbeitenden ErzieherInnen kennenzulernen. Wir haben gesehen, mit welcher Erfüllung und mit welcher Überzeugung sie ihre Projekte umsetzen. Letztendlich erfahren deutsche ErzieherInnen ähnliche Probleme wie die polnischen: sie haben einen ähnlich niedrigen sozialen Status und werden wenig für ihre Arbeit geschätzt.
Anders als in Polen spielen in deutschen Kindergärten Konflikte mit einem rassischen oder sozialen Hintergrund eine große Rolle. In Polen dagegen sind Kindergärten "übermäßig gebildet" – es wird mit Nachdruck Unterricht verfolgt und es wird wenig Wert auf die Unterstützung der sozial-emotionalen Entwicklung des Kindes gelegt.
Die Idee eines Austausches zwischen den Organisationen unterschiedlicher Länder halten wir für außerordentlich wichtig. Solche Workshops erweitern den eigenen Horizont, bringen Gedanken und Ideen zusammen, sie lehren, bringen uns weiter und geben Energie zum weiteren Handeln.
Wir hoffen, dass die Öffnung der Grenzen der Europäischen Union den weiteren Austausch und die weitere Zusammenarbeit fördern wird. Nach dem deutsch-polnischen Treffen in Eberswalde können wir uns unsere Arbeit ohne Kontakte mit anderen Partnerprojekten nicht mehr vorstellen.
Euer "Szansa"-Team
Links zu Kinderprojekten in Deutschland und Osteuropa