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Sexueller Missbrauch aus Sicht einer Lehrerin

Das Original wurde übernommen von einer Verfasserin, die der Redaktion des ANE e.V. bekannt ist und anonym bleiben möchte.

Endlich wird nun dieses Thema auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Es bleibt zu hoffen, dass es noch lange Zeit wahrgenommen und auch entsprechend in unserer Gesellschaft bearbeitet wird. Denn „sexuellen Missbrauch" hat es sicher zu allen Zeiten gegeben, auch wenn die Definition variiert und die Frage, wann der Missbrauch beginnt, nicht immer ganz einfach zu beurteilen ist. Es hängt von der Situation des/der Missbrauchten ab.

Seit über 30 Jahren war ich als Lehrerin tätig und habe über 20 Jahre Projekte zu diesem Thema mit Schülern und Schülerinnen gemacht. In diesem Rahmen wurde immer auch die Frage behandelt, wann der sexuelle Missbrauch beginnt und wo die Missbrauchten Hilfe bekommen können. Wir besuchten Organisationen wie „Wildwasser", die speziell mit weiblichen Missbrauchsopfern arbeiten, sowie „KIZ, Kind im Zentrum", die für Jungen und Mädchen Hilfe anbieten. Nie hat sich ein Schüler oder eine Schülerin in all den Jahren direkt an mich gewandt. Immer wurde von Freundinnen oder Freunden gesprochen, die Missbrauchssituationen privat erlebten. Dies zeigt wie stark dieses Thema tabuisiert, wie angst- und schambesetzt es ist. Allerdings schilderten mir dann doch einige Schülerinnen Situationen aus dem schulischen Bereich, die sie als unangenehm empfunden hatten. Oft war ihnen nicht klar, dass es sich schon um Anfänge des sexuellen Missbrauchs handelte. Die Anfänge und Übergänge sind auch sehr fließend. Wichtig ist, dass „der Täter seine Macht- und Autoritätsposition ausnutzt, um seine eigenen (sexuellen, d.Verf.) Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen".1 „Sexueller Missbrauch ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann".2 So „verirrt" sich der Sportlehrer jahrelang immer wieder mal kurz nach dem Sportunterricht in die Mädchenumkleidekabine. Dies wurde auch von unseren Töchtern geschildert, die an drei verschiedenen Gymnasien Berlins waren. Auch gab es Kollegen, die gern mal einen ausgiebigen Blick in ein „frauliches" Dekolleté von Schülerinnen geworfen und die entsprechenden Schülerinnen dann auch bevorzugt behandelt haben. Die betreffenden Kollegen haben diese Dinge aber entweder bestritten oder verharmlost, wenn ich sie darauf angesprochen habe!

Wo fängt sexueller Missbrauch an, ist die vielgestellte Frage. Die oben geschilderten Vorkommnisse wurden natürlich von den Kollegen niemals zu diesem Thema gehörig befunden. Wohl aber von Vätern und anderen männlichen Vertretern. Auch ein vom Lehrer freundschaftlich um die Schultern einer Schülerin - gelegter Arm beim Erklären eines Sachverhalts - überschreitet schon die einzuhaltende Distanz zwischen Autoritätsperson und Schülerin. Selbst wenn die Schülerin für ihren Lehrer schwärmen sollte, was ja auch heute noch trotz des hohen Altersdurchschnitts der Berliner Lehrerschaft gelegentlich vorkommen soll, ist die nötige Distanz unbedingt erforderlich!

Leider habe ich aber auch noch ein weit eindeutigeres Beispiel erlebt. Auf der Klassenfahrt ließ sich der begleitende Sportlehrer von etwa 15-jährigen Schülerinnen, die ihn anhimmelten, die Schultern und den Rücken massieren und kuschelte sich mehrfach im Reisebus an eine von ihm ganz besonders begeisterte Schülerin an. Später „half" er einigen Schülerinnen aus dem Bus, in dem er ihnen zwischen die Beine griff, was ich selbst auch beobachtet habe. Einige Schülerinnen beschwerten sich empört bei mir und es kam zum Gespräch. Diese Vorfälle wurden der Schulleitung und Schulaufsicht gemeldet, der Kollege wurde an eine Schule für Erwachsene versetzt. Nach ein paar Jahren unterrichtete er wieder in der Sekundarstufe, nämlich an einer Realschule. Ob der Kollege eine Therapie gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Hier ist zwar gehandelt worden, aber nicht effektiv und erst nachdem jahrelang weggeschaut wurde. Es gab nämlich ein entsprechendes Gerücht über diesen Kollegen an unserer Schule, aber niemand wusste Genaueres. Also glaubte ich es zunächst nicht. Später erfuhr ich noch, dass er auf einer Klassenfahrt im Jahr davor sich auch in unangemessener Weise Schülerinnen genähert haben soll. Das Gespräch mit der damaligen Kollegin hatte offensichtlich keine Auswirkung.

Leider ist dies ein typisches Beispiel für unsere Gesellschaft. Niemand traut sich oder traute sich sofort einzuschreiten, alle tuscheln, aber handeln nicht. Es ist der bequeme Weg, der nicht viel Ärger und Arbeit macht. Die Angst, der Ruf der Schule könnte leiden und die Anmeldezahlen könnten zurückgehen, ist oft stärker als der Wille zur Aufklärung und Hilfe für die Opfer!

Mögen in Zukunft die Pädagogen und –innen nicht die Augen verschließen und Mut zur Tat, zum Gespräch oder zu weiteren effektiven Maßnahmen haben - im Interesse unserer Heranwachsenden!

 

Zitat: 1 Bange/Deegener: Sexueller Missbrauch an Kindern. Beltz 1996, S.105
Zitat: 2 Bange/Deegener: Sexueller Missbrauch an Kindern. Beltz 1996, S.105