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Wie spreche ich mit meinem Kind über Pubertät und Sexualität?

ÄGGF-Ärztinnen (von links nach rechts): Fr. Fernandes, Fr. Dr. Klapp, Fr. Eversheim. Foto: ANE e.V.
ÄGGF-Ärztinnen (von links nach rechts): Fr. Fernandes, Fr. Dr. Klapp, Fr. Eversheim. Foto: ANE e.V.

Interview mit Ärztinnen der ÄGGF - Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau e.V.

Ärztinnen: Fr. Dr. Klapp, Fr. Eversheim, Fr. Fernandes

Interview durchgeführt von H. Buhlmann und M. Protsenko, ANE e.V.

 

TEIL II: Mütterkurse

TEIL I: Sexualaufklärung an Schulen hier

 

Buhlmann: Bundesweit werden seit 2009 Mütterkurse für Frauen nicht-deutscher Herkunft angeboten, um sie bei einer kindgerechten Aufklärung zu unterstützen. Haben die Mütter Ängste, dass ihre Kinder zu früh an das Thema herangeführt werden?

Eversheim: Viele Mütter haben Angst, dass ihre Kinder zu früh mit diesen Themen konfrontiert werden. In den Veranstaltungen kann man gut erklären warum wir meinen, dass man Aufklärung von Anfang an begleitend machen sollte. Mit dem Beantworten ihrer Fragen kann man das Vertrauen der Kinder gewinnen und man wird wieder gefragt werden. Außerdem weiß ich, wenn ich die Antworten selber gebe, was rüber kommt. Wenn ich diese Themen als Tabu betrachte und nicht darüber spreche, werden  die Kinder  den Freund fragen oder im Internet nachsehen. Was sie da erfahren, weiß ich nicht. Das verstehen die Mütter. Wir geben ihnen auch Tipps, wie sie mit ihren Kindern über Sexualität sprechen können. Wir haben selber Kinder und kennen die Situation. Manchmal erzähle ich persönliche Erlebnisse aus unserem Familienalltag. Das gibt dann immer einen Lacher im Kreis. Das Wissen, dass es uns auch nicht anders geht, ist ganz wichtig für sie.

Häufig fragen mich  Mütter, wie sie mit ihrem Sohn sprechen sollen: „Mein Mann tut es nicht, den werde ich auch nicht bewegen können. Es gibt niemanden und ich möchte es schon tun“. Dann gebe ich z.B. folgenden Tipp: „Im Islam müssen die Jungen ab dem  ersten Samenerguss auch rituelle Waschungen vornehmen. Darüber musst du mit deinem Kind sowieso reden und kannst die Gelegenheit nutzen, andere Themen anzusprechen“. Wenn man ein Thema auf diese Art  öffnet, gehen die Gespräche zwischen den Frauen hin und her. Man muss gar nicht mehr viel dazu sagen, weil Erfahrungen untereinander weitergegeben werden. 
Seitens der Eltern besteht die Angst, dass Kinder im Sexualkundeunterricht zu früh mit dem Thema Sex konfrontiert werden. Es ist wichtig zu vermitteln, dass einem Viertklässler nicht erklärt wird wie Sex geht, sondern dass er altersgerecht erfährt, warum sich sein Körper verändert und wie er die neu erworbenen Fähigkeiten schätzen und schützen kann.

In den Mütterkursen kommt es zu sehr offenen Gesprächen. Manchmal werden vorher Fragen gesammelt, weil die Frauen Angst vor Peinlichkeiten haben. Aber wenn man die erste Frage erläutert, geht das Gespräch schon los. Und ich frage mich, ob bei deutschen Frauen so offene Gespräche möglich wären.

Fernandes: Hinter der Angst einer zu frühen kindlichen Sexualaufklärung steht oft der elterliche Wunsch, die Kinder vor zu frühzeitigen Erfahrungen schützen zu wollen.
Daraus resultiert manchmal ein Verhalten, die Kinder abzuschirmen und sie nicht oder nur mit wenigen Informationen zu versorgen. Nach unseren Erfahrungen ist aber eher das Gegenteil der Fall. Wenn Kinder wenige oder keine Informationen bekommen, geraten sie möglicherweise leichter in Situationen, die sie nicht überblicken und beherrschen können. Sie geraten vielleicht in etwas hinein, wo sie es nicht schaffen, „Nein“ zu sagen. Das kann schneller passieren, wenn keine guten Informationen vorhanden sind.                   

Klapp: Wenn Kinder das Thema Missbrauch - was da passiert oder was man ihnen antut - nicht benennen können, dann wird es schwer es mitzuteilen.  Damit bleibt es bei den Kindern verborgen. Bei uns erfahren sie, dass Ihnen Schutz zusteht und sie ihn einfordern können. Und sie erfahren, dass das, was ein anderer womöglich tut oder verlangt, falsch ist.
Ich spreche das Thema Missbrauch nicht direkt an. Die Frage, ab wann es normal ist, Sex zu haben, eignet sich bei älteren Schülern als guter Einstieg. Wenn Fragen kommen, inwieweit Sexualität unter 14 Jahren strafbar ist, kann man auch sagen, was „selbstbestimmte Sexualität“ bedeutet. „Wie kann ich das, was ich nicht möchte beeinflussen und von mir fernhalten“ - klingt besser als Missbrauch. Der Begriff „Missbrauch“ ist furchtbar, als ob es auch einen „guten Gebrauch“ von Kindern gäbe.

Fernandes: Ich versuche Mütter zu ermutigen, mit ihren Kindern zu sprechen, damit sie eigene Wertvorstellungen einfließen lassen können. Die Schule hat eine heterogene Schülerschaft und große Klassenstärken, so dass sie dies oft nicht leisten kann.
Manchmal empfinden Eltern, wenn sie mit ihren Kindern über Körper und Sexualität sprechen, Schamgefühle. Das ist völlig normal. Oft liegt es daran, dass Eltern in ihrer eigenen Kindheit selbst nicht die Erfahrung gemacht haben, dass mit ihnen über solche Themen gesprochen wurde. Die meisten Frauen möchten gerne mit ihren Kindern sprechen, wissen aber manchmal nicht wie. Sie haben Sorge, die Kinder könnten immer weitere Fragen stellen, so dass sie an ihre Grenzen kommen.  Hilfreich kann es sein, diese Gefühle dem Kind gegenüber offen anzusprechen, wie z.B.: „Darüber zu sprechen, fällt mir ein bisschen schwer, aber ich versuche mein Bestes.“ oder „Das weiß ich jetzt auch nicht so genau. Vielleicht können wir jemanden fragen, der sich da auskennt.“ Diese Form von mutiger Ehrlichkeit schätzen Kinder nach meinen Erfahrungen.

 

Buhlmann: In welchem Alter sollten Eltern mit einer altersgerechten Aufklärung beginnen?

Klapp: Das fängt auf dem Wickeltisch an, indem man die Körperteile benennt und Bezeichnungen nicht ausspart.  Wenn Körperteile einen Namen erhalten, ist das indirekt schon Sexualerziehung.

Fernandes: Bevor ein Kind in die Schule kommt, sollte es wissen, wie es entstanden ist. In der ersten Klasse hat das Kind Mitschüler, die möglicherweise bereits einen anderen Zugang zum Thema haben (Internet u.ä.). Wenn die ersten Informationen dieser Art sind, können sie für ein Kind verunsichernd und schwer zu überblicken sein. Ein Kind, das bereits zu Hause verlässliche Informationen von seinen Eltern bekommen hat, hat dem gegenüber eine gute Basis. Wenn Fragen kommen, sollten sie altersentsprechend beantwortet werden. Fragen lassen sich nicht aufschieben.
 
Klapp: Das Thema Genitalhygiene eignet sich zum Einstieg in Sexualerziehung. Zu vermitteln, dass dieser Körperbereich genauso wichtig ist, wie die Pflege des Gesichts. Damit kann man Kindern auch Wertschätzung geben, die zu mehr Selbstbewusstsein führt. Sie werden in die Lage versetzt, sich zur Wehr zu setzen oder zu entscheiden, was richtig oder falsch ist, wenn jemand versucht diesen Körperbereich zu berühren.

Eversheim: Es gibt immer wieder Gelegenheiten in die Themen einzusteigen. Wenn ich mit meinem Kind Fotos ansehe, kann ich darüber reden, wie es war als es geboren wurde. Viele Kinder in den vierten Klassen sagen, ich bin durch Kaiserschnitt geboren, weil die Mutter nicht den Mut hat den Kindern die natürliche Geburt zu erklären. Ich spreche das in den Kursen an und die Frauen sagen: „Ja, ich habe das meinem Kind auch nur so erzählt.“

Klapp: Viele Kinder haben die Vorstellungen, dass die Babys aus dem Nabel kommen. Mein eigenes Kind sagte: „Mama als Du mich damals verschluckt hattest ….“ Da wusste ich, jetzt wird es Zeit, dass du ein bisschen weiter erzählen musst.  Ich glaube, dass man das den Kindern gut mitteilen kann. Das interessante ist, dass viele Mütter sagen: „Das muss ich meiner Tochter/ meinem Sohn zu Hause erzählen.“

 

Buhlmann: Die Mütterkurse an der Otto-Wels Grundschule in Berlin wurden von Dolmetscherinnen begleitet, damit auch die Frauen Informationen erhalten, welche die deutsche Sprache nicht beherrschen. Über welche Themen informieren Sie die Mütter? Können Sie die Mütter bei auftretenden Problemen an andere Institutionen weitervermitteln?

Fernandes: Es geht oft um Themen, die die eigenen Kinder betreffen, wie z.B.: körperliche und seelische Entwicklung in der Pubertät, Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Auch da ist die häufigste Frage, was ist normal?
Daneben Themen wie Anatomie und Physiologie der Beckenorgane, die erste Menstruation, der Umgang mit Menstruationsbeschwerden und Unregelmäßigkeiten, altersentsprechende Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und vieles mehr.

Darüber hinaus kommen natürlich auch Fragen der Frauen zur eigenen gynäkologischen und sexuellen Gesundheit zur Sprache. Im Vordergrund stehen oft Fruchtbarkeit und Kinderwunsch. Auch Verhütung ist ein Thema, da viele Frauen schon mehrere Kinder haben und an einer langfristigen Verhütung interessiert sind. Es gibt auch viele, manchmal erstaunlich offene Fragen bezüglich Sexualität, Entzündungen, Gebärmutter/Blasen-Senkung, Inkontinenz, Krebserkrankungen und Jungfernhäutchen. Die Frauen finden diese und andere Themen hochspannend und interessant.
 
Bei individuellen Problemen weisen wir die Frauen auf entsprechende Beratungsstellen hin, die möglichst mit Dolmetscherinnen arbeiten. Gefragt sind häufig Adressen von Kinder- und Jugendgynäkologischen oder Urogynäkologischen Sprechstunden und der Kinderwunschberatung.

In den Mütterkursen, die ich mehrmals besuchte, bekam ich diesbezüglich positive Rückmeldungen. Ich erinnere mich mit Freude an den Satz einer Mutter: „Ohne Ihre Beratung hätte ich nie Hilfe in Anspruch genommen.“ 

 

Buhlmann: Erhalten Sie Rückmeldungen, wie die Väter auf die Aufklärungsarbeit reagieren?

Eversheim: Wenn wir mehrmals in die Kurse gehen, erhalten wir ab und zu Rückmeldungen, dass ein Vater auch interessiert war etwas Neues über seine Frau oder über die Kinder zu erfahren. Allgemein ist es eher so, dass die Frauen sagen: „Das erzähle ich meinem Mann“.

Klapp: Frauen als Multiplikatoren.

Eversheim: Was sie dann tun, was da ankommt, wie es aufgenommen wird, das weiß ich nicht immer. In vielen Kursen werden wir aber mehrmals eingeladen. Das spricht dafür, dass Interesse und Akzeptanz groß sind.

 

Buhlmann: An wen können sich interessierte Eltern oder Schulen wenden?

Klapp: Es wäre sinnvoll über die Webseite der ÄGGF http://www.aeggf.de/index.php zu gehen. Da gibt es Kontaktdaten, so dass die Anfrage an Ärztinnen vor Ort weitergeleitet werden kann. Die Eltern können sich auch an die Klassenlehrer oder die Schulleitung wenden, welche die Kontaktdaten der jeweiligen Ansprechpartner haben.

Es gibt eine Webseite des Landesprogramms „Gute gesunde Schule“ der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung   - in Zusammenarbeit mit der Ärztekammer Berlin. Wir sind mit zwei Angeboten vertreten - mit unserem Klassiker in den Schulen/ Schwerpunkt Mädchen und Jungen http://www.gutegesundeschule-berlin.de/pdf/Arztstunde.pdf sowie mit dem Mütterprojekt http://www.gutegesundeschule-berlin.de/pdf/migranten.pdf.

 

Buhlmann: Welchen Rat würden Sie den Eltern geben?

Klapp: Mutig zu sein. Es gibt wunderbare Gespräche zwischen Eltern und Kindern, wenn man sich traut und auch von der eigenen Unsicherheit erzählt, wie es einem als Jugendlicher ergangen ist. Es gibt schöne, intime Familiengeschichten, die man besprechen kann, so dass ein warmes Vertrauen entsteht. Das ist etwas generationenübergreifendes, was neben dem Gesundheitlichen auch ganz viel Nähe fördert.

Fernandes: Wenn Kinder spüren, dass es ihren Eltern schwer fällt, schätzen sie es umso mehr. „Meine Mutter spricht mit mir, obwohl es nicht einfach für sie ist, wie viel muss ich ihr bedeuten, dass sie es trotzdem tut.“

Klapp: Eine frühzeitige Aufklärung ist nachhaltiger. Irgendwann entdecken Jugendliche für sich selbst, dass ihre Sexualität sich langsam entwickelt und sie halten dann ihr Interesse auch von den Eltern fern. Das ist ein normaler Entwicklungsprozess.

Eversheim: Ich möchte den Vätern auch Mut machen, die Chance zu nutzen mit ihren Söhnen zu reden und das nicht nur den Frauen zu überlassen. Väter sind als männliche Gesprächspartner für ihre Söhne sehr wichtig.


 
Buhlmann: Können Sie Materialien empfehlen, die bei der Aufklärung von Kindern behilflich sind?

Klapp: Es gibt gute Materialien für Eltern von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Aus unserer Sicht wird manches jedoch für ein zu frühes Alter angeboten. Die Broschüren können auf der Internetseite www.bzga.de  bestellt werden.

Buhlmann: Ich bedanke mich für das interessante Gespräch bei Frau Dr. Klapp und den Ärztinnen  Frau Eversheim und Frau Fernandes.

 

 

Arabisches Medienprojekt "mit Eltern - für Eltern" ist ein Projekt vom Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.