HomeThemenKolumneKinder mit besonderen BedürfnissenAD(H)STipps für einen guten SchulstartMobbing in der SchuleElternarbeit am mittleren AmazonasArabische RevolutionBildungschancen sind Lebenschancen- Ostern 2011Erdbeben in JapanWenn der Schulbesuch Bauchschmerzen verursacht:50 Jahre Elternbriefe – ein RückblickMeM y ANEInterkulturelle Familienberatung50 Jahre ElternbriefeSchulstrukturreform in BerlinKinderaugenkrebsArabische Eltern im GesprächEltern gründen eine SchuleSchulkinder und SexualitätHäusliche Gewalt: Elternbrief im AudioformatWillkommen in der Steinzeit?Arabische Eltern beim Integrationsbeauftragten BerlinSexueller Missbrauch aus Sicht einer Lehrerin50 Millionen Elternbriefe in NRWa4k wird mehrsprachigErziehungsvereinbarungenInterview mit C. El OuardiMehrsprachige KitasSommerfest der Otto-Wels GrundschuleFastenbrechen 2009ElternbriefeArabische Medien ProjekteLesesaalElternlotsenNetzwerkÜber unsVeranstaltungenDownloadsPresse

Veranstaltungen

Dortmund, 02.06., 10 - 13 Uhr

Elternarbeit und Medieneinsatz "Gesunde Ernährung"

Referent: Antonio Diaz
Ort: Biff e.V., Wittenstr. 46, 44149 Dortmund
Teilnehmer: max 15 Personen

Berlin, 08.06., 09:00 Uhr

Fachtag Elternbriefe

"Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?"

Berlin, 08.06., 10:00 Uhr

Elternarbeit und Medieneinsatz zu Kitathemen

Referent: Iman El-Hussein
Ort: ANE - Geschäftstelle
Teilnehmer: max 15 Personen

Berlin, 08.06., 10:00 Uhr

Elternarbeit und Medieneinsatz "Bildungschancen"

Referent: Antonio Diaz
Ort: ANE - Geschäftsstelle
Teilnehmer: max 15 Personen

Berlin, 08.06., 14:00 Uhr

Tag der offenen Tür im ANE

Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" am Freitag, dem 8. Juni 2012 von 14:00 Uhr bis 20:00 Uhr - Informationen und Gespräche für Eltern und ein buntes Kinderprogramm.

Berlin, 15.06., 20:00 Uhr

"Generationsübergreifende Folgen nach Krieg, Flucht, Vertreibung und Emigration"

Vortrag von Anita Knapek 

Fachtag Elternbriefe

Berlin, 08.06.2012, 09:00 - 14:00 "Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?" Programm und Anmeldung

Tag der offenen Tür

Berlin, 08.06.2012, 14:00 - 20:00 Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" Anmeldung

Elterntipps Arabisch/Deutsch

Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.

Elternbriefe Schule Berlin

Elternbriefe Sprache

Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen

Download.
Bestellen.

Filme für Eltern

"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.

Arabisches Medienprojekt "mit Eltern - für Eltern"

Wie spreche ich mit meinem Kind über Pubertät und Sexualität?

ÄGGF-Ärztinnen (von links nach rechts):     Fr. Fernandes, Fr. Dr. Klapp, Fr. Eversheim. Foto: ANE e.V.
ÄGGF-Ärztinnen (von links nach rechts): Fr. Fernandes, Fr. Dr. Klapp, Fr. Eversheim. Foto: ANE e.V.

Interview mit Ärztinnen der ÄGGF - Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau e.V.

Ärztinnen: Fr. Dr. Klapp, Fr. Eversheim, Fr. Fernandes

Interview durchgeführt von H. Buhlmann und M. Protsenko, ANE e.V.

 

TEIL I: Sexualaufklärung an Schulen

TEIL II: Mütterkurse hier

 

Buhlmann: Der Arbeitskreis Neue Erziehung veröffentlichte einen Elternbrief in arabischer Sprache zum Thema „Kinder stark machen – sexuellem Missbrauch vorbeugen“. Aufgrund der Aktualität des Themas wird sichtbar, wie wichtig eine altersgerechte und kultursensible Sexualaufklärung ist.

Ich freue mich Ärztinnen der ÄGGF begrüßen zu können: Frau Dr. Klapp, Frau Eversheim und Frau Fernandes, die an Berliner Schulen Mütterkurse durchführen zum Thema „Mein Kind wird erwachsen – wie spreche ich mit meinem Kind über Pubertät und Sexualität?“ Dies ist eine Ergänzung zu der seit vielen Jahren stattfindenden „Arztstunde“ für Schülerinnen.

Frau Dr. Klapp, ich möchte Sie bitten, das Anliegen der ÄGGF vorzustellen und zu erläutern, wie die Schulen bei Interesse von Ihren Angeboten Gebrauch machen können.

Klapp: Die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau gibt es seit mehr als 50 Jahren. Der Verein wurde von sechs Ärztinnen gegründet. Sie sahen die Notwendigkeit, Mädchen und Frauen in die Lage zu versetzen ihren Körper kennen- und schätzen zu lernen sowie Schutz einzufordern.

Derzeit sind ca. 85 Ärztinnen bundesweit im Einsatz. In Berlin sind sieben Ärztinnen in den Schulen tätig. Das Prinzip ist immer noch das gleiche - wir stellen der schulischen Sexualerziehung die ärztliche Kompetenz an die Seite. Es geht nicht darum, dass wir die bessere Sexualerziehung machen. Als Ärztinnen sind wir im praktischen Bereich erfahren und können sagen, welche körperlichen Veränderungen in der Pubertät auftreten, welche Krankheiten und  Möglichkeiten der Vorsorge es gibt. Wir gehen in die Schulen, damit die jungen Mädchen mit dem Gefühl über ihren Körper Bescheid zu wissen heranwachsen.

Natürlich sind in erster Linie die Eltern verantwortlich für Sexualerziehung. Wenn die Mädchen zu Hause über das sprechen, was sie in der Schule erfahren haben - dann ist es auch wichtig Eltern in die Lage zu versetzen, es zu verstehen und nicht von den Kindern aufgeklärt zu werden.  Durch die Strukturen in den Großstädten haben wir sehr viele Kinder mit Migrationshintergrund, die zum Teil andere, speziellere Bedürfnisse haben, auf die wir besonders eingehen. Aus der schulischen Aufklärung ergab sich die Arbeit mit den Müttern.

 

Buhlmann: Über Sexualität und Aufklärung in der Öffentlichkeit zu sprechen, ist in vielen Communities ein Tabu. In der Elternarbeit zeigt sich, dass arabische Frauen jedoch mehr Informationen zur Thematik Aufklärung und Gesundheit wünschen. Welche Rolle spielen kulturelle und religiös tradierte Einstellungen in der Aufklärungsarbeit?

Fernandes: Kulturell und religiös tradierte Einstellungen spielen natürlich eine Rolle in der Aufklärungsarbeit. Verschiedene Kulturen und Religionen haben unterschiedliche Wertvorstellungen und Traditionen. Diese beeinflussen den Umgang mit dem eigenen Körper bzw. die Wahrnehmung und Interpretation von Veränderungen, die Mädchen oder Jungen beispielsweise in der Pubertät an sich bemerken. Wenn wir mit Schüler/innen und Müttern sprechen, tun wir das immer mit viel Respekt auch vor anderen Kulturkreisen und vor allem kulturell und religiös unabhängig. Unser Anliegen ist es, aus ärztlicher Sicht mit Mädchen so zu sprechen, dass Vorgänge und Veränderungen in ihrem Körper für sie verstehbar, erklärbar und vorhersehbar werden. Das nimmt viele Ängste und Unsicherheiten und schafft im Gegenzug Selbstakzeptanz und Selbstvertrauen.

Dieser Ansatz lässt sich sehr gut verdeutlichen am Beispiel der ersten Menstruation: Wenn wir mit Mädchen einer sechsten Klasse über ihre erste Regelblutung sprechen und erklären, dass sie einen zentralen Wert hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit hat, dass sie die Voraussetzung ist, um einem anderen Menschen irgendwann einmal das Leben schenken zu können, dann ist das eine unschätzbare Fähigkeit, ein Wert, der kulturell und religiös unabhängig ist. Unsere ärztliche Aufklärungsarbeit ist kulturell übergreifend.

 

Buhlmann: Bundesweit sind etwa 85 Ärztinnen an Grund- und Oberschulen im Einsatz. In welchem Alter bzw. in welchen Klassenstufen beginnen Sie mit der Aufklärung? Ist diese geschlechterspezifisch getrennt?

Eversheim: Wir orientieren uns an den Lehrplänen und besuchen die Schulen auf Einladung der Lehrer. In der 4. Klasse bieten wir den Lehrern erstmals unsere Unterstützung an, wenn es um das Thema Schwangerschaft geht. Das Thema Schwangerschaft stößt in den Klassen 4 und 5 auf großes Interesse und eignet sich deshalb gut erstes Wissen zu vermitteln.
Die Kinder erfahren von uns dann auch etwas über Pubertät mit ihren körperlichen Veränderungen. Es gibt Mädchen, die mit neun Jahren ihre erste Regelblutung bekommen. Deswegen ist es wichtig dieses Thema in dem Alter schon einzuführen. Der Sexualkundeunterricht  findet oft erst Ende der sechsten Klasse statt und so kommt für einige Mädchen die Regel völlig überraschend.

Klapp: Es geht dann alters- und entwicklungsentsprechend weiter. In den Klassen 5 und 6 geht es primär um Pubertätsentwicklung. Da kommt für die Mädchen und Jungen Fruchtbarkeit und Zeugungsfähigkeit ins Spiel. Sie müssen lernen, dass es eine neue Fähigkeit in ihrem Körper gibt, die es zu schützen gilt. Es ist wichtig, dass sie das verstehen und möglichst viel darüber wissen sowie Fragen stellen können. Eine der Hauptfragen ist: „Ist es normal, dass ich ….. "?  Und dann kommt irgendeine Frage. Für uns Erwachsene ist es völlig klar, dass das normal ist, aber für diese Jugendlichen eben nicht. In der 8. und 9. Klasse kommen weitere Themen, wie Verhütung - was auch schon in Klasse 7 ein Thema sein kann- sowie sexuell übertragbare Krankheiten hinzu.

Der Unterricht in der Zeit der Pubertät ist geschlechtergetrennt, weil sich Jungen und Mädchen unterschiedlich entwickeln. Im getrennten Unterricht sind sie offener, so dass man Fragen besser besprechen kann. Über Schwangerschaft kann man noch gemeinschaftlich sprechen, da die Kinder in der 4. Klasse im Allgemeinen noch nicht sexualisiert sind. Gemeinsam kann man auch in der 9. Klasse über sexuell übertragbare Krankheiten sprechen. Die Hauptarbeitsphasen bestehen in den Klassen sechs und sieben und sind geschlechtergetrennt.

 

Buhlmann: Über welche Themen sprechen Sie mit den Schülern? Wie nehmen die Kinder und Jugendlichen die Informationen auf?

Klapp: Es ist altersentsprechend sehr unterschiedlich. Die jüngeren Schüler haben Fragen zur Entwicklung. Wie bereits erwähnt, wollen sie wissen „Was ist normal?“. Es sollte alles in Ordnung sein, man möchte vergleichbar sein mit den Anderen in der Gruppe. Wenn es Entwicklungsverzögerungen gibt, ist es gut und beruhigend zu wissen, dass die Spannbreite des „Normalen“ groß ist.

Später kommen Fragen zum Umgang mit der Regel und Schmerzen, wie man sich während der Regel hygienisch schützen kann, was es für Anwendungstipps und eventuelle Einschränkungen gibt. Oft gibt es Vorstellungen, dass man vieles nicht machen darf. Dann sind die Mädchen überrascht, dass es fast gar keine Einschränkungen gibt.

Irgendwann kommt die Frage - erste Liebe - was ist normal. Immer wieder stellt man uns die Frage, ab wann man Sex haben sollte - als wenn das etwas ist, was demnächst sein muss und man eigentlich unsicher ist. Wir sagen, dass man sich damit Zeit lassen kann: „Das wirst Du dann irgendwann selber spüren, wenn es der Richtige ist.“ Mädchen aus bestimmten Kulturen sagen: „Wir müssen bis zur Hochzeit warten.“ Daraus ergeben sich interessante Gespräche.

Eversheim: Bei Mädchen türkischer oder arabischer Herkunft ist Fruchtbarkeit ein zentrales Thema. Wenn die Regelblutung unregelmäßig ist, wird das sofort interpretiert: „Unter Umständen kann ich keine Kinder bekommen“. Deswegen ist es gut, ihnen zu sagen: „Bei dir ist alles in Ordnung. Es ist völlig normal in der Pubertät, dass die Regelblutung auch mal unregelmäßig ist.“ - dann müssen sie sich keine Sorgen machen. Wir möchten den Mädchen auch den Zugang zum Frauenarzt erleichtern, damit sie sich dort  Rat holen können.

Klapp: Ein wichtiges Thema, das immer wieder angesprochen wird: „Wann muss ich zum Frauenarzt?“. Dann sagen wir meistens: „Erst mal gar nicht.“ Das ist die beruhigende Botschaft. Umgekehrt können wir diesen Weg ebnen und erklären, was beim Frauenarzt passiert, wann und bei welchen Zeichen man gehen sollte. Damit Mädchen nicht über viele Jahre unter Regelschmerzen leiden müssen und womöglich eine schwere Erkrankung dahinter steckt. Viele denken, dass beim Frauenarzt sofort vaginal untersucht wird. Da können wir die Mädchen ermutigen, eine Mädchensprechstunde einzufordern, wo ihnen erst einmal etwas erklärt wird und die Untersuchung - wenn überhaupt - erst an letzter Stelle steht. Wenn es um Verhütung geht, können Sie sich dort auch trauen zu fragen.
Wir haben Zugang zu den Frauenärztinnen/ Frauenärzten, die diese Mädchensprechstunde anbieten. Sie sind darauf spezialisiert, dass Mädchen einfach andere Fragen und Bedürfnisse haben.
 
Eversheim: Die Adressen der Ärztinnen/ Ärzte sind durch Eingabe der Postleitzahl auf folgender Webseite erfahrbar. www.mädchensprechstunde.de/gyn/de_DE/html/ms_de_intro.html.

Klapp: Bei Mädchen mit Migrationshintergrund ist das Thema Jungfernhäutchen sehr aktuell. Wir erklären, wo es liegt, was es für eine Funktion hat, wie es aussieht, wie es sich in der Pubertät verändert, ob es bluten kann oder nicht. Das ist aus meiner Erfahrung ein sehr wichtiges Thema, das immer wieder aufkommt.
Interessant ist, dass nicht nur Mädchen mit Migrationshintergrund darüber nicht Bescheid wissen, sondern auch viele Mädchen, die hier aufgewachsen sind und Sexualaufklärung in der Schule hatten. Auch viele Lehrerinnen und Frauen aus allen Kulturkreisen sind bei dieser Thematik unsicher.

 

Arabisches Medienprojekt "mit Eltern - für Eltern" ist ein Projekt vom Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.