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Extrabrief Häusliche Gewalt: Erster arabischer ANE-Brief im Audioformat

Autorinnen: Heike Buhlmann und Birgit Storr, ANE e.V.

 

Am 08. Juni 2010 trafen sich Birgit Storr und Heike Buhlmann vom ANE e.V. mit 25 arabischen Müttern im Mehrgenerationenhaus Wassertor in Berlin-Kreuzberg. Den Müttern wurde der Elternbrief „Kinder leiden mit – Rat und Hilfe bei häuslicher Gewalt“ im Print- und Audioformat in Arabisch vorgestellt und gemeinsam über das Thema diskutiert.

 

Die in Schriftform vorliegenden Elternbriefe wurden in arabischer und deutscher Sprache  verteilt. Um auch die Eltern zu erreichen, die nicht in ihrer Herkunftssprache lesen können,  wurde erstmals eine arabische Audioversion vorgestellt. Diese wurde von dem bekannten Rundfunksprecher, Haroun Sweis, in Hocharabisch verlesen.  Bei der Auswahl des Vorlesers war es wichtig, dass die Person als Vorbild in der Community wahrgenommen und akzeptiert wird. Der Umfang der Audio-CD betrug 22 Minuten, so dass eine themenspezifische Teilung erforderlich war. 

Bevor wir in die Diskussion einstiegen, wurden die Eltern darüber informiert, dass häusliche Gewalt in allen sozialen Schichten auftreten kann, unabhängig von Bildung, Beruf, Einkommen, Ethnie und Religion. Während der sehr intensiven Beteiligung der Frauen an der Diskussion wurde bestätigt, dass dieses Thema auch für arabische Eltern sehr wichtig ist. Im Elternbrief wird die Gewaltsituation in einer Familie geschildert sowie ihre Wahrnehmung durch Kinder und Eltern. Es werden Wege aufgezeigt, betroffene Personen vor Gewalt zu schützen. Die meisten der anwesenden Mütter fühlten sich durch die Schilderung der familiären Szenen emotional sehr angesprochen. Sie erzählten von erlebten Situationen in der eigenen Familie oder von Vorfällen bei Bekannten.
Ein großer Anteil der teilnehmenden Frauen waren Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon. Durch Krieg, Vertreibung und Not nehmen sie Gewalt in einer anderen Art wahr.  Wir sprachen über unterschiedliche Gewaltformen und konnten aufzeigen, dass es neben der körperlichen Gewalt, auch psychische, soziale und ökonomische Gewalt gibt.  Anhand von Beispielen und eigenen Erfahrungen wurden diese unterschiedlichen Gewaltformen besprochen. Einige Frauen schilderten, selbst ökonomische und auch psychische Gewalt zu erleben.

Die Frauen betonten, dass Konflikte zwischen den Partnern nicht vor den Kindern ausgetragen werden dürfen, da sich diese in einem Klima der Angst und Gewalt nicht sicher fühlen und ihre Entwicklung gefährdet ist.  Es wurde deutlich, dass viele Frauen ihren Kindern zuliebe bereit wären, auf eine Trennung von einem gewalttätigen Partner zu verzichten. Die Frauen problematisierten jedoch auch, dass angestaute Ängste und die Erfahrung, Konflikte durch Gewalt zu lösen, bei Kindern dazu führen können, sich in ähnlichen Situationen ihren Erfahrungen entsprechend zu verhalten. Es entstand eine kontroverse Diskussion darüber, ob es nicht doch besser sei, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen. Frauen die diesen Weg bereits gegangen waren und sich von ihrem Mann scheiden lassen haben oder plötzlich auf sich selbst gestellt waren, ermutigten die anderen Frauen, sich zumindest ein Stück weit aus der Abhängigkeit vom Mann zu lösen und selbstständiger zu werden (z.B. über eine EC- Karte zu verfügen).
Die Frauen erzählten, dass sie ihren Erziehungsstil in traditioneller Form von den Eltern übernommen haben. Zum Wohl und zum Schutz der Kinder ist es ihnen wichtig Grenzen zu setzen. Dazu zählt dann schon mal ein „Klaps“ auf die Hand, eine Zurechtweisung  o.ä. – das verstehen sie jedoch nicht unter Gewalt.

Häusliche Gewalt ist als Tabu-Thema anzusehen. So verwundert nicht die kontroverse Diskussion, ob  sich Nachbarn, Verwandte oder Pädagogen einmischen sollen, wenn sie den Eindruck haben, dass Familien mit Gewalt konfrontiert sind. Während einerseits von einer Einmischung abgeraten wurde, da diese nur weitere Probleme zwischen den Beteiligten verursacht, sprachen sich andere Eltern für eine Intervention aus, um betroffene Familienmitglieder zu schützen. Eine Vielzahl von persönlichen Beispielen unterstrich die Notwendigkeit des Eingreifens. Angst wurde vor dem Hinzuziehen der Jugendämter geäußert. Viele Frauen waren der Ansicht, dass betroffene Familien die Angelegenheit interfamiliär regeln sollten. Frau Iman El-Hussein legte anhand eines ergreifenden Beispiels dar, dass es zum Schutz von Frauen und Kindern notwendig ist, private und institutionelle  Hilfe anzunehmen.
Anhand persönlicher Beispiele konnte bestätigt werden, dass es meist  Frauen sind, die Gewalt erleiden und ertragen, um ihre Kinder zu schützen und den familiären Zusammenhalt zu gewährleisten. Die traditionelle Rolle der Erziehung obliegt in den Herkunftsländern hauptsächlich den Frauen, während die Männer die Familie im außerhäuslichen Bereich repräsentieren. Das Leben im Aufnahmeland führte zu vielfältigen Veränderungen im Leben der Familien, die oft Probleme nach sich ziehen. Die Mütter betonten, dass es erforderlich ist mit den Vätern über diese Thematik zu sprechen, um Veränderungen in der Familie zu erreichen. Die ihnen zur Verfügung gestellten Materialien können sie dabei unterstützen.
Frau Rania Farour, welche als Elternlotsin an der Otto-Wels-Grundschule eingesetzt ist, erhielt für ihre abschließenden Worte starken Beifall von den Müttern. Sie betonte wie wichtig es ist, dass die Eltern den Kindern im täglichen Leben Vorbild sind und gemeinsam mit den Kindern Ziele für das Leben in Deutschland setzen und sie bei deren Verwirklichung intensiv zu unterstützen. 
Auf die Frage, welche Medienart (Print, Audio, Internet) arabische Eltern nutzen,  antworteten die Mütter, dass Print- und Audioformate bevorzugt werden. Sowohl die Print- als auch die Audioversion haben sie sehr angesprochen und in den Medien wurden genau die Themen behandelt, die auch in ihrer Lebenswelt relevant sind. Aus ihrer Sicht ist es wichtig, die Themen innerhalb einer Gruppe gemeinsam mit den Eltern zu besprechen.
Die Mütter sprachen sich dafür aus, dass zu den Grundvoraussetzungen im familiären Zusammenleben gegenseitiger Respekt und Achtung sowie Vertrauen zählen.  Das Thema hat sie zum Nachdenken angeregt.  Sie wünschen sich weitere Zusammenkünfte, bei denen sie gemeinsam mit den Mitarbeitern des ANE über Erziehungsthemen sprechen können.
In der nächsten Veranstaltung werden wir den in arabischer Sprache  vorliegenden Elternbrief „Kinder stark machen – sexuellem Missbrauch vorbeugen“ vorstellen und das Thema mit den arabischen Müttern diskutieren.

 

Arabisches Medienprojekt "mit Eltern - für Eltern" ist ein Projekt vom Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.