Elternarbeit und Medieneinsatz "Gesunde Ernährung"
Referent: Antonio DiazFachtag Elternbriefe
"Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?"Elternarbeit und Medieneinsatz zu Kitathemen
Referent: Iman El-HusseinElternarbeit und Medieneinsatz "Bildungschancen"
Referent: Antonio DiazTag der offenen Tür im ANE
Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" am Freitag, dem 8. Juni 2012 von 14:00 Uhr bis 20:00 Uhr - Informationen und Gespräche für Eltern und ein buntes Kinderprogramm."Generationsübergreifende Folgen nach Krieg, Flucht, Vertreibung und Emigration"
Vortrag von Anita KnapekBerlin, 08.06.2012, 09:00 - 14:00 "Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?" Programm und Anmeldung
Berlin, 08.06.2012, 14:00 - 20:00 Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" Anmeldung
Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.
Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen
"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.

Artikel aus: Beitrag für Frühe Kindheit (Heft 6, Dezember 2003)
Meryem ist entzückt von der vergnügten Zweijährigen, die vor ihr steht: Sie schaut in ihre Augen, nähert sich ihr, so dass sich ihre Nasen berühren, sie strahlt sie an, tippt sich mit beiden Händen auf den Bauch und sagt „Mejem“. Dieses kleine Mädchen im Spiegel, das ist sie selbst! Meryem weiß es und scheint es wunderbar zu finden. Sie mag diese Kleine, die sie selbst ist!
Was geht in kleinen Kindern vor sich, während sie ein Bild von sich selbst entwickeln, von anderen Menschen, von der sie umgebenden Welt? Manchmal bleibt es nicht dabei, dass sie sich selbst bejahen und schön finden wie die kleine Meryem. Was ist wohl der Grund, wenn sie mit vier oder fünf Jahren bestimmte Merkmale von sich selbst ablehnen, ihre Haare, ihre Haut, ihre Augen, ihr Geschlecht? Was spielt sich ab, wenn kleine Kinder deutliches Unbehagen gegenüber Menschen zeigen, die ungewöhnlich gekleidet sind, eine andere Hautfarbe haben als sie selbst, oder eine körperliche Beeinträchtigung? Wenn sie plötzlich rigide darauf beharren, was Mädchen und was Jungen dürfen, was Frauen tun müssen und Männer auf keinen Fall machen... Noch vor kurzem trug Jakob den pastellfarbenen Pullover gerne, jetzt weigert er sich strikt und sagt, der ist „für Mädchen“. Und Onur war neulich aufgebracht und untröstlich, weil die anderen Kinder sagten, er hätte „Mädchenschuhe“ an und ihn auch noch auslachten: „Mädchen, Mädchen!“ Woher wussten die anderen, dass sie ihn damit treffen würden? Und wie einig sie sich vor einiger Zeit waren, dass Banu auf keinen Fall Dornröschen sein kann, weil sie dick ist, und auch nicht Doreen, die dunkle Haut hat...
Ihr eigener Körper ist das zentrale Medium von Weltaneignung kleiner Kinder. Als wache Beobachter ihrer Umgebung sind sie ständig dabei, ihre Erfahrungen mit ihrem Körper und ihre Eindrücke zu sortieren und auf eine Weise zu verknüpfen, die uns Erwachsene oft verblüfft. Kleine Kinder deuten die sie umgebende Welt, sie machen sich auf die vielfältigen, widersprüchlichen, unverständlichen Botschaften, die sie täglich erhalten, ihren eigensinnigen Reim. Das Neue weckt ihre Aufmerksamkeit, sie nehmen früh Unterschiede wahr, auch unterschiedliche körperliche Merkmale von Menschen in ihrer Umgebung. Sie bemerken außerdem, dass bestimmte Merkmale von Menschen bewertet werden, als "gut" und "schön" oder als "schlecht" und "unnormal". Diese Wert- und Normvorstellungen, die in einer Gesellschaft vorhanden sind, beeinflussen die Identitätsentwicklung kleiner Kinder und ihre Meinungen über Menschen oder Gruppen von Menschen.
Wie Erwachsene mit den vorhandenen Unterschieden umgehen, gibt Kindern Informationen über gesellschaftliche Machtunterschiede und Diskriminierung, die abwertende Unterscheidung von Menschen entlang bestimmter Merkmale. Am Geschlecht, dem sozialen Status, der Sprache, der Religion, der Herkunft, der sexuellen Orientierung machen sich Vorurteile und Diskriminierung fest. Sie wirken häufig ohne direkte Gewaltanwendung oder individuelle Bosheit, als unüberwindbare Zugangshürden zu bestimmten Ressourcen oder als lautloser Ausschluss. Diese „institutionalisierte Diskriminierung“ ist so in die gesellschaftlichen Strukturen eingebaut, dass sie „normal“ erscheint.
Sie übermittelt sich Kindern häufig auf subtile Weise. Die wichtigsten Botschaften entnehmen sie den Reaktionen und Verhaltensweisen ihrer Bezugspersonen, zunächst der Familienmitglieder und Verwandten, dann auch der ErzieherInnen und LehrerInnen. Aufschlussreich ist für sie nicht nur, was die Bezugspersonen sagen, sondern auch wie sie es sagen, welche Gefühle sie zeigen oder worüber sie nicht sprechen:
„Mein Papa war schon immer groß und stark und klug und geduldig und lustig und tapfer. Nur vor Fremden hatte er Angst, vor allem vor schwarzen. Er sprach nicht darüber, aber ich habe es genau gemerkt. Immer wenn uns ein Schwarzer auf der Straße begegnete, wurde die Hand meines Papas hart und drückte zu wie ein Nussknacker. Und einmal, im Aufzug, begann er zu schwitzen, als ein großer Afrikaner einstieg. Das hat mich gewundert bei meinem Papa. (...)“ [1]
In dieser Kinderbuch-Geschichte „heilt“ das Mädchen den Vater, indem es ihn mit der dunkelhäutigen Familie seiner Freundin bekannt macht. In der Wirklichkeit sind Botschaften der Erwachsenen für Kinder meistens plausibel und überzeugend, wie feste „Tatsachen“, die in ihre Deutungen eingehen. Kinder beziehen die bewertenden Informationen auch auf sich selbst, sie ordnen sich selbst den „Richtigen“ oder den „Falschen“ zu, den „Schönen“ oder denen „mit den doofen Haaren“, denen mit Nike-Schuhen oder ohne. Mit der Ausweitung ihrer sozialen Kontakte vermittelt sich Kindern, ob sie der Mehrheit oder einer Minderheit angehören, ob ihre Bezugsgruppe einen anerkannten sozialen Status hat oder in der Gesellschaft diskriminiert wird - und dies gibt den Botschaften ein unterschiedliches Gewicht.
Für Louise Derman-Sparks [2], die Mitbegründerin eines Ansatzes vorurteilsbewusster Arbeit mit kleinen Kindern in Kalifornien („Anti-Bias-Approach“ [3]), führen diese Botschaften als Fehlinformationen und Verzerrungen der Wirklichkeit bei kleinen Kindern zu Vor-Vorurteilen. Damit sie nicht zu festen Vorurteilen werden, brauchen Kinder kompetente Erwachsene: Diese müssen einseitige Botschaften erkennen und wissen, wie man Kindern Erfahrungen mit der tatsächlichen Vielfalt ermöglicht und was man gegen ungerechte und diskriminierende Vorurteile tun kann. Weil letztere die Beziehungen zwischen Menschen aufs äußerste belasten, betreffen sie alle Menschen, ob ihnen nun Nachteile oder Privilegien aus diesen Unterscheidungen entstehen. Ein vorurteilsbewusstes Vorgehen ist daher überall angebracht, sei es in der Großstadt oder auf dem Land, sei es mit deutschsprachigen oder mehrsprachigen Kindern, sei es in Familien mit Migrationshintergrund oder solchen, die seit Generationen hier leben. Was ist dabei wichtig?
Vier Ziele strukturieren den Erkenntnis- und Veränderungsprozess im Anti-Bias-Approach [4]. Sie bauen aufeinander auf und verstärken sich wechselseitig: Jedes Kind muss Anerkennung und Wertschätzung finden, als Individuum und als Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe, dazu gehören Selbstvertrauen und ein Wissen um seinen eigenen Hintergrund (Ziel 1). Auf dieser Basis muss Kindern ermöglicht werden, Erfahrungen mit Menschen zu machen, die anders aussehen und sich anders verhalten, so dass sie sich mit ihnen wohl fühlen und Empathie entwickeln können (Ziel 2). Das kritische Denken von Kindern über Vorurteile, Einseitigkeiten und Diskriminierung anzuregen heißt auch, mit ihnen eine Sprache zu entwickeln, um sich darüber verständigen zu können, was fair und was unfair ist (Ziel 3). Von da aus können Kinder ermutigt werden, sich aktiv und gemeinsam mit anderen gegen einseitige oder diskriminierende Verhaltensweisen zur Wehr zu setzen, die gegen sie selbst oder gegen andere gerichtet sind (Ziel 4).
Anti-Bias-Praxis in der Kita
In Orientierung auf diese Ziele und auf der Grundlage des Situationsansatzes haben im Berliner Projekt KINDERWELTEN [5] die ErzieherInnen und LeiterInnen in vier Kindertageseinrichtungen mit einem hohen Anteil von Immigrantenfamilien ihre pädagogische Praxis verändert:
Das Bemühen, Respekt für die Vielfalt von Familienkulturen sichtbarer zu machen und gleichzeitig Stellung zu beziehen gegen Einseitigkeiten, Vorurteile und Ausgrenzung macht den Anti-Bias-Weg spannungsreich. Die damit verbundene Selbst- und Praxisreflexion ist eine echte Herausforderung. Für eine bundesweite Verbreitung vorurteilsbewusster Arbeit in einem Folgeprojekt sind nun Kitas und Träger gesucht, die sich ihr stellen wollen!
Kontakt:
Projekt KINDERWELTEN
Institut für den Situationsansatz
in der INA gGmbH an der FU Berlin
Leitung: Dr. Christa Preissing
Projektbüro: Yorckstr. 4-11, 10958 Berlin, Tel. 030 – 90298 3536,
Email: mailto:kinderwelten@mailberlin.net
[1] Rafik Shami/ Ole Könneke: Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm. Carl Hanser Verlag: München 2003. (Kinderbuch, sehr zu empfehlen für Erwachsene! Wegen stereotyper Abbildungen ist es m. E. für Kinder nicht gut geeignet.)
[2] Vgl. Derman-Sparks, Louise & A.B.C. Task Force (1989): Anti-Bias-Curriculum. Tools for empowering young children. Washington: NAEYC.
[3] Ansatz gegen Einseitigkeiten und Vorurteile (anti = gegen, bias = Einseitigkeit, einseitige Ausrichtung, Voreingenommenheit), hier übersetzt als „Ansatz vorurteilsbewusster Arbeit“.
[4] Ausführlich in Preissing/Wagner (Hg.): Kleine Kinder, keine Vorurteile? Interkulturelle und vorurteilsbewusste Arbeit in Kindertageseinrichtungen. Freiburg: Herder 2003, S. 52-62 (s. Rezension in diesem Heft)
[5] Projekt der INAgGmbH/Institut für den Situationsansatz an der FU Berlin, durchgeführt von 2000 - 2003 in Kooperation mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, gefördert von der Bernard van Leer Stiftung, Den Haag. Projektleitung: Dr. Christa Preissing; Koordination Petra Wagner.
[6] In Kooperation mit dem Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.
[7] s. Beitrag von Ulla Lindemann zur „Bücherkiste für die vorurteilsbewusste Arbeit“ in diesem Heft.
[8] Packungen der Firma Lyra mit Holzstiften in 12 Hautfarben, weitere Informationen im Projektbüro.