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Veranstaltungen

Dortmund, 02.06., 10 - 13 Uhr

Elternarbeit und Medieneinsatz "Gesunde Ernährung"

Referent: Antonio Diaz
Ort: Biff e.V., Wittenstr. 46, 44149 Dortmund
Teilnehmer: max 15 Personen

Berlin, 08.06., 09:00 Uhr

Fachtag Elternbriefe

"Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?"

Berlin, 08.06., 10:00 Uhr

Elternarbeit und Medieneinsatz zu Kitathemen

Referent: Iman El-Hussein
Ort: ANE - Geschäftstelle
Teilnehmer: max 15 Personen

Berlin, 08.06., 10:00 Uhr

Elternarbeit und Medieneinsatz "Bildungschancen"

Referent: Antonio Diaz
Ort: ANE - Geschäftsstelle
Teilnehmer: max 15 Personen

Berlin, 08.06., 14:00 Uhr

Tag der offenen Tür im ANE

Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" am Freitag, dem 8. Juni 2012 von 14:00 Uhr bis 20:00 Uhr - Informationen und Gespräche für Eltern und ein buntes Kinderprogramm.

Berlin, 15.06., 20:00 Uhr

"Generationsübergreifende Folgen nach Krieg, Flucht, Vertreibung und Emigration"

Vortrag von Anita Knapek 

Fachtag Elternbriefe

Berlin, 08.06.2012, 09:00 - 14:00 "Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?" Programm und Anmeldung

Tag der offenen Tür

Berlin, 08.06.2012, 14:00 - 20:00 Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" Anmeldung

Elterntipps Arabisch/Deutsch

Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.

Elternbriefe Schule Berlin

Elternbriefe Sprache

Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen

Download.
Bestellen.

Filme für Eltern

"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.

Überblick über die Situation der Kitas in Deutschland

PISA wirkt sich auf die Kitas aus

Die durch PISA ausgelöste Bildungsdiskussion hat nun auch die Kitas erfasst. Die im Rahmen der PISA-Studien getesteten 15-jährigen Schüler schnitten nicht nur erheblich schlechter ab als die Schüler anderer Industrieländer. Es zeigte sich zudem, dass das deutsche Bildungssystem sozial ungerecht ist: In keinem anderen vergleichbaren Land ist der Bildungserfolg so abhängig von der sozialen Herkunft wie in der Bundesrepublik. Der Schock war tief. Bildungsexperten, Politiker, die Medien usw. haben daraufhin begonnen zu diskutieren, was in den "guten" PISA-Ländern besser läuft. Der Blick über den nationalen Tellerrand zeigte, dass Lernen dort stärker als bei uns als lebenslanger Prozess begriffen wird. Und dass die Grundlagen und Voraussetzung dafür bereits in den frühen Kindheitsjahren gelegt werden. Viele andere Länder machen ihren Kindern folglich schon lange bevor sie in die Schule kommen gezielte Bildungsangebote. In PISA-"Siegerländern" wie Finnland, in Skandinavien, Kanada und anderen gehen fast alle Kinder in - zumeist ganztägige – Kindergärten. Die Einrichtungen sind in den letzten Jahrzehnten reformiert worden und gelten heute - im Unterschied zur deutschen Situation – als Teil des Bildungssystems.

Im Vergleich dazu wird die frühkindliche Bildung bei uns eher vernachlässigt. Zwar gibt es löbliche Ausnahmen, aber von einer flächendeckenden altersgemäßen individuellen Förderung von Kindern unter sechs Jahren kann in Deutschland nicht gesprochen werden. Zum einen gibt es gar nicht genügend ganztätige Angebote und für Kinder unter drei Jahren finden Eltern nur schwer überhaupt einen Kitaplatz. Außerdem müssen Eltern in Deutschland für Kitas bezahlen. Natürlich gibt es großartige, häufig jedoch private Kindergärten mit besonderem pädagogischen Profil, doch für die Mehrzahl der Eltern gilt, dass sie auf einen verfügbaren, öffentlich geförderten Platz angewiesen sind. Und die Angebote, die Kindern dort gemacht werden, sind in ihrer Art und ihrer Qualität stark unterschiedlich. Nicht selten sind Kitas eher "Verwahrungseinrichtungen" als Orte der bewussten Lernanregungen. In Deutschland galten Kindergärten bislang eben nicht als Einrichtungen zur Förderung der Kleinsten, sondern in erster Linie als Maßnahme zur zeitlichen Entlastung der Eltern.

Ausgehend von PISA ist nun auch in der Bundesrepublik begonnen worden, über Möglichkeiten frühkindlicher Förderung zu reden. Hirnforscher und Entwicklungspsychologen haben auf neuste Erkenntnisse verwiesen, wonach kleine Kinder mehr lernen können und auch mehr lernen wollen, als ihnen bisher zugetraut wird. Mittlerweile wird von vielen Seiten gefordert, den Kindergarten zu reformieren und die Bildungsangebote für Kindergartenkinder auszubauen. Auch von politischer Seite will man Maßnahmen zur Qualitätssteigerung, zur frühen Förderung und zur Steigerung der Chancengleichheit im Bildungssystem umsetzten. So hat z.B. das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am 7. Oktober 2003 das Gutachten "Perspektiven zur Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen für Kinder in Deutschland" vorgestellt (das Gutachten können Sie als pdf-Dokument herunterladen). Die Pressemitteilung sowie das ganze Gutachten können Sie hier lesen.

Frühe Förderung für soziale Gerechtigkeit
Die Förderung von Kindern zwischen null und sechs Jahren hat auch mit Gerechtigkeit zu tun. Zum einen hat nach der UN-Kinderrechtskonvention jedes Kind ein Recht auf Bildung, also auch schon bevor es in die Schule kommt. Zum anderen befördert eine gute Bildung schon für die Kleinsten die Chancengleichheit. Denn durch eine frühe Förderung können herkunftsbedingte soziale Unterschiede am besten ausgeglichen werden. Durch Unterschiede in der Qualität des Bildungsangebots werden schon früh die Weichen für unterschiedliche Lebenswege und –chancen gestellt, ohne dass Kinder sich wehren könnten. Die individuelle (schulische und berufliche) Zukunft ist dann vor allem vom Zufall abhängig – davon ob man das Glück hat, aus einer "bildungsorientierten" Familie zu kommen, die sich eine besondere Förderung ihrer Kinder in den frühen Jahren leisten kann und will, oder eben nicht. Es macht also großen Sinn dafür zu sorgen, dass alle Kinder in ihren ersten Lebensjahren eine optimale Förderung erfahren. (Mehr-) Investitionen in den vorschulischen Bereich lohnen sich auch aus gesellschaftspolitischer Perspektive. Und gerade in einer Gesellschaft, in der viele Kinder von Zuwanderern zu integrieren sind, spielt Chancengleichheit eine wichtige Rolle.

Doch momentan steht das deutsche Bildungssystem eher auf dem Kopf. Bei uns gilt: Je älter Kinder sind, desto mehr öffentliches Geld wird in ihre Bildung investiert (Sprich: Universitäten bekommen mehr als Gymnasien, Gymnasien mehr als Hauptschulen, Grundschulen mehr als Kindergärten).

Kindergärten heute
Seit 1996 steht - laut Gesetz - jedem Kind über drei Jahren ein Kitaplatz zu. Fast 90 Prozent aller Kinder zwischen drei und sechs Jahren besuchen einen Kindertageseinrichtung. Allerdings handelt es sich bei der Mehrzahl der Kitas nur um halbtags geöffnete Einrichtungen, deren Öffnungszeiten sich nur schwer mit einer vollen Berufstätigkeit beider Eltern verbinden lassen. Besonders in den westlichen Bundesländern ist es schwer, einen Ganztagsplatz zu finden. Noch schwieriger gestaltet sich in den westdeutschen Bundesländern die Unterbringung von Kindern unter drei Jahren. Hier liegt die Versorgungsquote bei cirka 2,3 Prozent, die meisten davon in größeren Städten. Als Erbe des DDR-Betreuungssystems ist die Situation in den östlichen Bundesländern besser: Etwa 36 Prozent der unter Dreijährigen haben einen Kitaplatz. Auch bei den Rahmenbedingungen bleiben viele deutsche Kindergärten hinter den EU-Empfehlungen zurück. Statt dass, wie empfohlen, höchstens 15 Kinder auf zwei ausgebildete ErzieherInnen kommen, sind es bei uns bis zu 25 Kinder auf zwei BetreuerInnen, von denen auch nur eine eine reguläre Erzieherausbildung haben muss.

Auch bei den Ausbildungen ihrer ErzieherInnen gelten in vielen anderen Ländern höhere Maßstäbe. So ist es in allen anderen europäischen Ländern (mit Ausnahme von Österreich) Praxis, dass angehende ErzieherInnen ihren Beruf an Universitäten lernen. Zum Teil werden sie dort gemeinsam mit zukünftigen GrundschullehrerInnen ausgebildet. Verzahnung und Austausch zwischen den Praktikern in den Kitas und der wissenschaftlichen Ebene in Universitäten und Fachhochschulen ist dort üblich. Hingegen ist die Erziehertätigkeit bei uns nur mit wenig Status und dürftiger Bezahlung verbunden. Während ErzieherInnen in Deutschland immer noch gerne als "Kindergartentanten" abqualifiziert werden, für deren Tätigkeit es keiner besondern Qualifikation bedarf ("das bisschen Kinder beaufsichtigen, basteln und spielen..."), gelten sie in anderen Ländern als ExpertInnen für frühkindliches Lernen, als professionelles Fachpersonal. (In Japan haben KindergärtnerInnen den gleichen Status wie ProfessorInnen.)

Bei uns machen ErzieherInnen einen Abschluss an einer allgemeinen Fachschule für Sozialpädagogik. Eine spezielle Ausbildung für Kindergartenpädagogik und frühkindliche Entwicklung erhalten sie dort in der Regel nicht. Sondern stattdessen eine Grundausbildung, mit der sie sowohl in der Jugendarbeit als auch in Kinderheimen, im Behindertenbereich oder eben in Kitas arbeiten dürfen. In vielen Kitas arbeiten außerdem noch Betreuer, die keine Erzieherausbildung haben, wie KinderpflegerInnen, angelerntes Personal und Zivildienstleistende.

Die Unterschiede in den Rahmenbedingungen, den Ansprüchen und der Qualität sind in deutschen Kitas so groß, dass generelle Aussagen kaum möglich sind. Die Frage, ob Kindern in kleinen Gruppen aufwändige pädagogische Angebote gemacht werden oder ob sie in erster Linie "verwahrt" werden, hat auch damit zu tun, was Eltern sich leisten können oder ob sie zufällig das Glück haben, einen Platz in einer besonders schönen, öffentlich geförderten Einrichtung zu finden. Dennoch: 1997 hat der Pädagoge Wolfgang Tietze eine systematische Qualitätsuntersuchung von Kitas durchgeführt (überprüft wurden 100 Einrichtungen) und kam zu einem niederschmetternden Ergebnis: Zwei Drittel der Kindergärten wurden als höchstens mittelmäßig bewertet. In nur drei von zehn Kindergartengruppen kam es zu so etwas wie substanziellen Gesprächen zwischen den Erziehern und den Kindern. Gemeinsames Spielen, die Förderung musischer und künstlerischer Fähigkeiten machten nicht mal sieben Prozent der beobachteten Zeit aus. Die Studie zeigte auch die negativen Folgen einer fehlenden Förderung: Die Kinder in den "schlechten" Kitas waren den in den "guten" Einrichtungen in ihrer Entwicklung bis zu einem Jahr hinterher.

Wie kleine Kinder lernen
Im Rahmen der durch PISA angestoßenen Bildungsreformdebatte haben sich verstärkt Experten für neurologische Lernprozesse und Entwicklungspsychologie in die Diskussionen gemischt.

Hirnforscher betonen, dass wichtige Grundlagen fürs Lernen schon in sehr frühen Jahren gelegt werden. Je mehr Erfahrungen ein Kleinkind durch sein Handeln und durch Anregung von außen sammelt, desto mehr Synapsen bilden sich in seinem Hirn aus. Im Vergleich zu den frühen Jahren entwickelt sich das Gehirn älterer Kindern - und erst recht das von Erwachsenen - sehr viel langsamer. Den ersten sechs Lebensjahren kommt demnach eine besondere Bedeutung fürs Lernen zu. Es ist das Alter, in dem sich der individuelle Denk- und Gefühlsapparat ausformt und die Grundzüge sprachlichen wie logischen und mathematisch-abstrakten Verständnisses gelegt werden. Kinder lernen in diesen Jahren das Lernen. Wenn sie mit sechs Jahren eingeschult werden, sind geförderte Kinder den anderen schon weit voraus. Manche Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass es für gewisse Entwicklungsschritte bestimmte "Zeitfenster" gibt. Dass also gewisse Fähigkeiten wie ein Basisverständnis von Sprache, mathematisches Verständnis und Musikalität am besten zu einem ganz bestimmten, in der Regel frühen Zeitpunkt in der Entwicklung eines Kindes erworben werden. Ist das "Fenster" erst einmal verpasst, wird es später deutlich schwieriger, sich diese Fertigkeiten anzueignen.

Nicht alle Pädagogen stimmen mit diesen Ansichten der Neurowissenschaft vollständig überein. Einigkeit herrscht aber, dass die Lern- und Aufnahmefähigkeit von Kindern im vorschulischen Alter besonders hoch ist. Kinder dieses Alters sind von sich aus neugierig und wissbegierig. Sie wollen lernen, ausprobieren und experimentieren; und sie erfahren das Gefühl, etwas "geschafft" zu haben, ein Problem gelöst zu haben, als große Befriedigung. Nie wieder lernen Menschen so viel und mit so großem Spaß wie in den ersten Lebensjahren. Unterforderung und Langeweile ist daher mit das Schlimmste, was Vorschulkindern passieren kann.

In der aktuellen Bildungsdiskussion ist man sich einig, dass kleine Kinder in dem was sie wissen, was sie können und was sie lernen wollen bei uns lange unterschätzt wurden. Lern- und Entwicklungspsychologen betonen aber auch, dass es falsch wäre, "schulisches" Lernen wie Rechnen, Schreiben und Lesen jetzt einfach früher beginnen zu lassen. Denn Kinder im vorschulischen Alter bilden sich auf eine ganz andere Weise als ältere Kinder und Erwachsene: Kleine Kinder lernen dann am besten, wenn sie "selbstwirksam" oder "selbstbildend" aktiv sein dürfen. Die Pädagogen Heidrun Bründel und Klaus Hurrelmann formulieren das so: "Sie [Drei- bis Fünfjährige] sollen nicht pauken, aber sie sollen die Antworten auf ihre Fragen erhalten und ihnen soll ausreichend Gelegenheit gegeben werden, die Welt zu entdecken und sie sich aktiv anzueignen" (Bründel / Hurrelmann 2003). Denn kleine Kinder sind schon von sich aus in einer intensiven Lernphase. Es geht folglich nicht darum, ihnen endlich mal was "Vernünftiges" beizubringen. Stattdessen müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass sie ihre eigene Lernentwicklung optimal fortführen können. Die kindliche Neugier und ihr Wissensdurst sollen bedient werden und sie müssen darin unterstützt werden, ihre Umgebung zu entdecken und sich dabei ein Bild von sich selbst und von der Welt zu machen.

Pädagogen sind sich einig, dass es bei kleinen Kindern noch sehr stark darum geht, in welcher Art und Weise sie lernen. Kinder im vorschulischen Alter lernen ganzheitlich; im wahrsten Sinne des Wortes mit dem ganzen Körper. Sie erschließen sich Neues nicht nur über den Kopf, sondern übers sinnliche Erleben, Ausprobieren und (emotionale) Erfahren. Aufgabe der Erwachsenen ist es, Kindern eine Vielfalt sinnlicher Wahrnehmungen zu ermöglichen - ihnen den Freiraum und die Anregung fürs Entdecken und Experimentieren zur Verfügung stellen. Dabei muss das Lernen immer einen sehr direkten Bezug zur konkreten Situation der Kinder haben. Die wichtigste Lernmethode bei Kindern im vorschulischen Altern ist noch immer das Spiel: Beim Spielen wird alles ausprobiert, Dinge werden auseinander genommen, wieder zusammen gesetzt und verschiedene Rollen durchgespielt. Im Zusammensein mit anderen - Kindern wie Erwachsenen - lernen Kinder wichtige soziale Kompetenzen: Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Rücksichtnahme, Aushandlungs- und Durchsetzungsvermögen. Alles dies sind Erfahrungen, die Kinder im Zeitalter von Einzelkindern und Wohnverhältnissen, in denen das Spielen mit Nachbarskindern nicht mehr alltäglich ist, außerhalb von Kindergärten nicht mehr selbstverständlich machen. (Allerdings sind das nun nicht völlig neue Erkenntnisse. Schon für die bekannten Pädagogen Fröbel und Pestalozzi - oft als "Väter des Kindergartens" bezeichnet - war Spielen "ununterbrochenes Lernen" und Bildung ein sich ganzheitlich vollziehender Prozess. Das war vor mehr als 200 Jahren!

Die Rolle der ErzieherInnen
"Selbstwirksam" lernen heißt nicht, dass Kinder sich selbst überlassen werden sollen. Im Gegenteil, die Anregung durch Erwachsene (ErzieherInnen, Eltern) spielt eine wichtige Rolle. Sie sind es, die die Selbstbildung von Kindern ermöglichen müssen, die ihnen den Raum, die Unterstützung und zum Teil auch den Anstoß geben müssen. In den Worten von Donata Elschenbroich (Autorin des Buches "Weltwissen der Siebenjährigen") ist es die Aufgabe der ErzieherInnen, den Kindern zu helfen, ihre Singstimme zu finden und ihren Rhythmus in den Füßen zu spüren (Interview in Die Zeit, 44, 2001).

Der Ansatz sollte dabei immer individuell sein, das Kind, seine Interessen, Talente und jeweiligen Besonderheiten im Mittelpunkt stehen. Die ErzieherInnen müssen jedes Kind so akzeptieren, wie es ist, es weder über- noch unterfordern. Dafür müssen sie die jeweilige Situation, in der sich ein Kind befindet, kennen und beachten. Denn man weiß heute, dass sich ein Kinder immer in einem bestimmten sozialen Kontext entwickelt, dass Bildung auch ein sozialer Prozess ist. Um individuell auf die Situation eines Kindes eingehen zu können, müssen ErzieherInnen also den sozialen und kulturellen Hintergrund des Kindes berücksichtigen (familiäre Situation, Armut, gesellschaftliche Ausgrenzung oder ähnliches).

Eine wesentliche Voraussetzung fürs Lernen bei Kindern sind soziale Bindungen und Beziehungen. Bildung im vorschulischen Alter ist immer ein Interaktionsprozess - zwischen Kind und Eltern, zwischen Kind und ErzieherInnen und zwischen Kindern untereinander. Es hat sich deutlich gezeigt, dass Kinder dieses Alters unbedingt einen verlässlichen Rahmen emotionaler Geborgenheit und Zuwendung brauchen, um sich entwickeln zu können. Erst aus dieser Sicherheit heraus, sind sie in der Lage, "in die Welt hinaus zu gehen" und sich ihre Umgebung neugierig zu erschließen. (Idealerweise besteht dieses Umfeld natürlich schon im Elternhaus. Glücklicherweise können aber außerfamiliäre Orte wie Kitas, unter geeigneten Bedingungen, das Fehlen eines solchen Umfelds kompensieren. So haben Untersuchungen belegt, dass Kinder Beziehungen zu den ErzieherInnen aufbauen, die unabhängig von ihren bisherigen Erziehungserfahrungen sind. Wenn also KindergärtnerInnen über einen guten Draht zu einem Kind verfügen, können sie ihm den stabilen und zugewandten Rahmen zur Verfügung stellen, den Kinder brauchen (s. Ahnert, Liselotte: Frühe Kindheit: Bindungs- und Bildungsgrundlagen. In: Frühe Kindheit, 5, 2003).

Die ErzieherInnen in Kitas sind damit Schlüsselfiguren in den Bildungsbiographien der Kinder. Sie müssen die ihnen anvertrauten Kinder begleiten, ihnen eine sichere Basis für weitere Erkundungen geben und die Auseinanderssetzung mit wichtigen Themen anregen.

Was genau sollen Kindergartenkinder nach Meinung der Entwicklungspädagogen lernen?
Manches zu dem Thema liest sich wie eine Wunschliste, auf der alles, was zu können irgendwie sinnvoll erscheint, auftaucht. Zumeist wird aber betont, dass es in diesem Alter vor allem darum geht, Grundlagenkompetenzen zu erlernen. Also Basisfähigkeiten wie Konzentrations- und Kooperationsfähigkeit, Kommunikations- und Problemlösungskompetenzen, Konfliktfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Kreativität, die wichtige Voraussetzungen für das spätere Lernen in der Schule sind.

Es sollte besonders auf die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder geachtet werden, denn die Ausformung eines stabilen Selbstwertgefühls ist eine der zentralen Voraussetzungen fürs Lernen.

Die Förderung von sprachlichen, motorischen, sozialen, musischen/kreativen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten soll gleichwertig gefördert werden. Dabei geht es immer um die Vermittlung eines Grundverständnisses in spielerischer Form: also noch nicht ums Lesenlernen, sondern um kleinkindgerechte Erlebnisse mit dem Vorlesen und Betrachten von Büchern, mit Reimen und Liedern. Statt dass das Einmaleins geübt wird, sollen Kindergartenkinder verstehen, wozu Zahlen da sind, was Vergangenheit und Zukunft bedeutet, was mit größer und kleiner gemeint ist. Der Kindergarten gilt auch als der geeignete Ort, um Wissen zu Ernährung, zum Körper und zu Gesundheit zu vermitteln. Denn in diesem Alter werden die Grundlagen für späteres Ess- und Bewegungsverhalten gelegt.

Von vielen Bildungswissenschaftlern wird die besondere Wichtigkeit einer sprachlichen Förderung im Kindergarten betont. Denn das Erlernen und das Verständnis von Sprache und Schrift ist eine zentrale Grundlage aller weiteren Lernprozesse. Die neurowissenschaftliche Forschung weist darauf hin, dass der Spracherwerb bei kleinen Kindern besonders gut funktioniert. In vielen Kitas ist in den letzten Jahren damit begonnen worden, Kindern Fremdsprachen beizubringen. Auf wissenschaftlicher Ebene versteht man unter Sprachförderung aber eher, Kindern zunächst einmal ein grundsätzliches Gefühl und Verständnis für die Funktion von Sprache, von Worten und Kommunikation zu vermitteln.

In der aktuellen Kitadebatte geht es allerdings auch immer darum, in Kindergärten die Kinder zu fördern, für die Deutsch die Zweitsprache ist. Der Kindergarten soll als der Ort fungieren, an dem diese Kinder in ihren Sprachkenntnissen für die Schule fit gemacht werden.

Erste Bildungsprogramme
Die Politik hat die Kita-Bildungsdebatte aufgegriffen, sowohl auf Ebene der Bundesregierung als auch in den Bundesländern. Die Bildungsförderung von Kindern soll künftig schon stärker im Kindergarten beginnen. Außerdem wird darüber nachgedacht, Kinder früher einzuschulen und den Übergang zwischen Kita und Schulbesuch fließender zu machen. Auf die bisher vorliegenden Programme gehen wir im folgenden Artikel ein (- Die aktuellen Bildungspläne in den Bundesländern).

Schlussfolgerung
Noch ist die Konsequenz dieser politischen Bildungsinitiativen für den Alltag in Kindergärten nicht abzuschätzen. Zum einen ist nicht immer klar, wie verbindlich die Konzepte in der Praxis sein werden. Wie will man beispielsweise ihre Umsetzung garantieren? Zum anderen hört man bisher wenig darüber, welche Rahmenbedingungen in den Kitas eigentlich nötig sind, um die gut klingenden Ziele umsetzen zu können.

Wie viel Personal braucht es? Was müsste sich in der Ausbildung und dem Arbeitsalltag der ErzieherInnen ändern? Welche fachliche Unterstützung von außen wäre notwendig?

So hat beispielsweise das Wissen, dass sichere und liebevolle soziale Bindungen für das Lernen kleiner Kinder wichtige Voraussetzungen sind, sehr reale Implikationen für den Kita-Alltag. Denn eine gute Erzieher-Kind-Bindung entsteht vor allem dann, wenn möglichst wenig Kindern auf eine/n ErzieherIn kommen und das Personal selten wechselt.

Oder nehmen wir die Erkenntnis, dass sinnvolle pädagogische Anleitung und individuelle Unterstützung nicht ad hoc aus dem Kita-Alltag heraus entstehen kann, sondern ein gewisses Maß an Planung und Konzept voraussetzt: Um das leisten zu können, müssen ErzieherInnen Zeit haben, zur Beobachtung, zur Dokumentation, für die Vor- und Nachbereitung, für Teambesprechungen, Elterngespräche und Fortbildungen. Der Alltag in deutschen Kindergärten sieht aber oft anders aus. Für viele MitarbeiterInnen ist er von Hektik, Überlastung, bürokratischen Erschwernissen und schlechter Bezahlung geprägt. Viele sind resigniert und berufsmüde.

Oder eben das Thema Ausbildung und Qualifikation: Es wird mittlerweile verstärkt eine Professionalisierung und Aufwertung des Berufs gefordert. Denn damit ErzieherInnen Kinder in den zentralen Jahren ihrer Entwicklung unterstützen können, müssen sie entsprechend ausgebildet werden. Bisher gibt es noch keine Zeichen einer grundsätzlichen Ausbildungsreform. Aber immerhin existieren erste Initiativen. So müssen jetzt in Leipzig alle KindergärtnerInnen an einer Qualifizierungsoffensive teilnehmen, bei der ihnen Kenntnisse über Lernmethoden der Frühpädagogik, aus der Entwicklungspsychologie und der Familiensoziologie vermittelt werden.

Es ist notwendig, sich über die Voraussetzungen einer guten Bildungsförderung aller Kinder unter sechs zu verständigen und entsprechende Reformen auf den Weg zu bringen. Denn sonst ist zu befürchten, dass all die guten Bildungspläne relativ wirkungslos bleiben.

Wichtig wären mehr ganztägige Betreuungsmöglichkeiten und mehr Plätze für Kinder unter drei. Außerdem eine Gruppengröße und Arbeitsbedingungen, die eine intensive individuelle Förderung in einem vertrauten und liebevollen Umfeld möglich macht. (Wie gesagt, die EU empfiehlt einen Betreuungsschlüssel von 15 Kindern auf zwei ausgebildete ErzieherInnen.) Hochwertige spezifische Aus- und Fortbildungen für ErzieherInnen und eine ihrer verantwortungsvollen Aufgabe angemessene Entlohnung. Sicherlich wären auch verbindliche Kindergartenstandards empfehlenswert. Diese können jedoch nicht von außen aufgestülpt werden, sondern müssen unter Einbeziehung der BetreuerInnen in den Kitas entwickelt werden. Der Alltag im Kindergarten muss anregender werden und den Kindern viele Möglichkeiten bieten, die Welt zu erkunden und Werte wie Toleranz, Demokratie und Verantwortungsbewusstsein zu lernen. Dabei muss immer klar sein, dass Bildungsförderung in diesem Alter mehr bedeutet, als Kinder mit mess- und verwertbarem Wissen "vollzustopfen", um sie möglichst früh fit für den harten ökonomischen Konkurrenzkampf zu machen. Es geht bei der Diskussion um frühkindliche Bildung eben nicht um einen früheren Beginn des schulischen Lernens: Der Kindergarten hat seinen ganz eigenen Bildungsauftrag.

Literatur:

- Ahnert, Liselotte: Frühe Kindheit: Bindungs- und Bildungsgrundlagen. In: Frühe Kindheit, 5, 2003
- Bründel, Heidrun / Hurrelmann, Klaus: Chancen des Kindergartens nach PISA. In: Frühe Kindheit, 5, 2003
- Fthenakis, Wassilios E.: Der Bayrische Bildungs- und Erziehungsplan. In: Frühe Kindheit, 5, 2003
- Pesch, Ludger: Bildung im Elementarbereich. In: Frühe Kindheit, 5, 2003
- Fleck, Horst: Wir Eltern können unseren Erziehungsauftrag nicht abgeben. In: Frühe Kindheit, 5, 2003