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... sonst haben sie keine Chance

Klaus und Nelson

Projekte für jugendliche Flüchtlinge

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen nicht nur Schutz, sondern auch eine besondere Unterstützung. Da diese im Regelsystem der Flüchtlingsbetreuung nicht immer gewährleistet ist, haben sich Initiativen gegründet, um bestehende Lücken zu füllen.

Ehrenamtliche Vormünder für die "Kids"
Klaus hat mit Fußball nichts am Hut. Aber wenn Nelson und seine Mannschaft spielen, geht der 46jährige gelegentlich hin - als Zuschauer. Klaus S. ist seit einem Jahr Nelsons Vormund. Zwanzig Jahre war er OP-Pfleger, vier Jahre davon in einer Kinderklinik. Dann arbeitete er im kaufmännischen Bereich und befindet sich nun in einer Umschulung. Seinen Nachnamen möchte S. in diesem Artikel nur abgekürzt lesen. Das passt gleichzeitig zu der unkomplizierten Art, wie er auf die Kinder und Jugendlichen im Heim zugeht: "Ich bin der Klaus, und wer bist du?", stellt er sich den "Kids" vor. "Der Klaus" kam zu seinem Ehrenamt durch eine Internet-Suchmaschine: "Ich wollte mich in meiner Freizeit ehrenamtlich betätigen, da stieß ich auf AKINDA und habe mich dann mit der Organisation in Verbindung gesetzt." AKINDA steht für "Ausländische Kinder in Deutschland - Allein" und tritt seit einigen Jahren für Kinder und Jugendliche ein, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Berlin leben. Außerdem begann AKINDA im Sommer 2004 mit der Vermittlung von Mentorinnen und Mentoren für Menschen, die neu nach Berlin eingereist sind und Begleitung bei ihren ersten Schritten im Exil wünschen. Dazu gehören auch junge Flüchtlinge von 18 bis 27 Jahren, die Unterstützung bei ihrer beruflichen Integration erhalten sollen, zum Beispiel beim Verfassen von Bewerbungen oder durch Vermittlung eines Praktikumsplatzes.

Mehr als tausend minderjährige unbegleitete Flüchtlinge leben allein in der deutschen Hauptstadt. Nelson ist eines dieser Kinder. Seine Lieblingsmannschaft ist Real Madrid. Und sein Vorbild als Balltreter der Brasilianer Ronaldo. Was den Fußball angeht, mag der 15jährige aus Angola eben Spitzenkönner! Die Wände seines Zimmers im Jugendwohnheim sind mit Fußballpostern tapeziert. In der Bundesliga bevorzugt der Junge das Team von Bayern München. Er selbst kickt in einem Berliner Stadtteilverein, zweimal die Woche. Kennt Nando Rafael - den Spieler von Hertha BSC - von einem Besuch im Stadion. Der ist ebenfalls Angolaner. Na klar, eine Fußballerkarriere wäre schon ein prima Berufsziel, meint Nelson. Wenn er nicht über Fußball redet, wirkt der schmale Junge ängstlich. In den Ferien will er mehr für die Schule tun und - natürlich - Fußball spielen. Währenddessen klären die deutschen Behörden weiter, ob der als minderjähriger Flüchtling eingereiste Junge in Deutschland bleiben darf.

Minderjährige sind grundsätzlich nicht handlungsfähig, soweit nicht gesetzlich etwas anderes bestimmt ist. Das bedeutet, dass sie z.B. in einem Verwaltungsverfahren nicht selbst wirksam teilnehmen können. Sie können also zum Beispiel keine Anträge stellen. Das Gesetz schreibt vor, dass die Kinder einen Vormund brauchen, der sie in allen rechtlichen Angelegenheiten vertritt. Das ist entweder der Amtsvormund, zum Beispiel vom Jugendamt, oder eine Privatperson als Einzelvormund. Sie werden durch das zuständige Vormundschaftsgericht (beim Amtsgericht) bestellt. Amtsvormünder haben meist hohe Fallzahlen, und können sich deshalb oft kaum persönlich mit einem einzelnen Kind befassen. Besser wäre es dagegen, meinen die InitiatorInnen von AKINDA, wenn minderjährige Flüchtlinge einen Menschen haben, der sie begleitet und unterstützt und zu dem sie Vertrauen aufbauen können. AKINDA gründete sich deshalb innerhalb der psychotherapeutischen Beratungsstelle XENION e.V. als Netzwerk für Einzelvormundschaften und berät rund 90 Vormünder. Die Mehrheit von ihnen sind Frauen.

Klaus S. war bei seiner Entscheidung für die Übernahme der Vormundschaft wichtig, dass die Kinder gut versorgt sind und dass alles Mögliche getan wird für sie: "Wenn wir es nicht versuchen, haben sie keine Chance." Gegen Ausländerfeindlichkeit wollte er damit ebenfalls ein Zeichen setzen. Das Jugendamt hatte auch bei ihm vorher geprüft, ob er als Vormund geeignet ist. So musste er zum Beispiel ein polizeiliches Führungszeugnis vorzeigen. Nelson lebt weiterhin in einem Jugendwohnheim, aber er sieht nun seinen Vormund regelmäßig und bespricht mit ihm unter anderem amtliche und schulische Fragen. Zu den wichtigsten Aufgaben eines Vormunds gehört die Betreibung des Asylverfahrens - falls ein Asylantrag gestellt wurde - und die Vertretung des Kindes gegenüber der Ausländerbehörde, zum Beispiel bei Schriftstücken, wenn es um die Legalisierung des Aufenthalts geht.

Nelson kam als Flüchtling aus dem kriegsverwüsteten Angola ins fremde Deutschland - ohne Eltern, ohne Angehörige, ohne Verbindungen nach Hause. Für Klaus S. ist es jetzt am wichtigsten, dafür zu sorgen, dass es Nelson den Umständen entsprechend gut geht. Eine möglichst gute Ausbildung soll er bekommen. Natürlich hat Nelson sehr gute Noten im Sport. Für andere Fächer gibt es Nachhilfe. Der Junge spricht außer Portugiesisch, wie in Angola üblich, Deutsch, er lernt Englisch, Mathematik, Erdkunde, hat gleichaltrige Freunde. Klaus S. nimmt Anteil an seinen Lernerfolgen, lässt sich die Schulhefte zeigen, lädt ihn zum Essen ein und kauft auch schon mal eine neue Jacke für ihn. "Natürlich habe ich Nelson gleich am Anfang auch gezeigt, wo und wie ich wohne, und wie er da mit der U-Bahn hinkommen kann." Er kocht gern selbst, hat Nelson und seinen Freunden auch schon angeboten, für sie zu kochen. Angenommen haben sie es noch nicht, sie gehen lieber mit ihm Hamburger essen. Klaus S. will nichts aufzwingen, sondern Angebote machen und überzeugen. Dabei hätte er als Vormund rechtlich alle Möglichkeiten dazu, kann zum Beispiel das Aufenthaltsbestimmungsrecht ausüben. Aber er setzt sich dann lieber dazu, wenn die Kinder in ihrem Wohnheim Musik hören, lernt HipHop und Rap kennen, hört im Auto mit ihnen den Radiosender KISS FM, tauscht seine DVDs mit Spielfilmen gegen ihre Musikclips schwarzer Rapper: Kulturaustausch. Das Verhältnis ist herzlich, aber auch von Distanz geprägt. Man macht Späße, aber umarmt sich nicht. Hintergrundinformationen über Nelsons Leben in Angola sind spärlich. Als Vormund kennt Klaus S. Nelsons Geschichte aus den Akten und nur soviel, wie der Junge ihm selbst über sein Leben erzählen möchte.

Häufig erscheinen die Vormünder den Minderjährigen als eine weitere "offizielle" Person der deutschen Behörden, die eben nicht "zur Familie" gehört. Und deshalb bleiben sie in ihren Erzählungen vorsichtig und zurückhaltend. Klaus S. ist darüber nicht enttäuscht, sondern hatte das erwartet, als er sein Amt antrat. Es hindert ihn nicht, sich in Zukunft noch um zwei weitere minderjährige Flüchtlinge zu kümmern, diesmal Kinder aus Nigeria.

Kontakt: AKINDA - Netzwerk Einzelvormundschaften Berlin, c/o XENION e.V., Paulsenstr. 55-56, 12163 Berlin, Tel. 030/32709340, einzelvormund@yahoo.de, www.xenion.org/projekt/akinda.html

Das Projekt lebt von Spenden und Zuschüssen. Spendenkonto: Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte e.V., Kennwort AKINDA, Postbank Berlin BLZ 100 100 10, Konto: 495308106

Quelle: Integration in Deutschland 4/2004, 20.Jg., 30. November 2004

Wir danken isoplan-Saarbrücken für die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Beitrags!

 

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