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08.06., 14:00 Uhr

Tag der offenen Tür im ANE: Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" am Freitag, dem 8. Juni 2012 von 14:00 Uhr bis 20:00 Uhr - Informationen und Gespräche für Eltern und ein buntes Kinderprogramm.

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Eine ideale Verbindung

Eine kleine amerikanische Stadt, asiatische Freiheitskämpfer, somalische "Sklaven" und Überlebende der Terrorherrschaft

Die Stadt war einst eine der Bastionen der aufkommenden amerikanischen Industriemacht.

In der Hochphase der Baumwollverarbeitung dominierten dort die zwei größten Textilfabriken des Landes. Der Erie-Kanal, eines der wichtigsten und grandiosesten technischen Projekte der jungen USA, führte quer durch das örtliche Industriegebiet. Er verband das Gebiet der Großen Seen im Landesinneren mit der Ostküste und der Außenwelt.

Politiker, Mafiabosse und berühmte Persönlichkeiten erwiesen der Stadt die Ehre. Charles Dickens und Theodor Roosevelt statteten ihr einen Besuch ab. Sie war ein Zufluchtsort für die Gangsterbosse aus New York City, die hier ihre "Mädchen" versteckt hielten. Schießereien auf offener Straße waren nichts Außergewöhnliches.

Broadway-Shows gastierten, drei pompöse Kulturzentren und Bühnenhäuser wurden gebaut, die schillernde Stadt erhielt den Beinamen "Stadt der Sünde".

Ein nahe gelegener Luftwaffenstützpunkt – Teil des strategischen Luftverteidigungsnetzwerkes der Vereinigten Staaten – sorgte später für zusätzliche Arbeitsplätze.

Als die amerikanische Textilindustrie jedoch in die Krise geriet und die einst blühende Region sich in den entstehenden "Rostgürtel" eingliederte, als sich die Zusammensetzung der Bevölkerung veränderte und Familien ebenso wie Arbeitsplätze in die Südstaaten abwanderten, brachen für die Stadt Utica harte Zeiten an.

Textil- und andere Fabriken machten dicht und verfielen. In nur wenigen Jahrzehnten ging die Einwohnerzahl von etwa 120.000 auf heute 65.000 zurück.

Wie andere früher bedeutende Industriestädte im Nordosten der USA drohte Utica ein unumkehrbarer Niedergang. Die Entwicklung war so aussichtslos, dass Aufkleber zirkulierten, auf denen zu lesen war: "Der letzte Bewohner, der Utica verlässt, schaltet bitte das Licht aus."

Hilfe ist unterwegs
Utica war immer eine Stadt von Einwanderern. Deutsche, Polen, Italiener und Araber waren die ersten, die zu ihrem Wohlstand beitrugen. Jetzt hilft eine zweite Generation von Neuankömmlingen aus Vietnam, Myanmar, der früheren Sowjetunion, Europa und Afrika, die Stadt aus der wirtschaftlichen Stagnation zu befreien.

Im Gegensatz zu den früheren Einwanderern handelt es sich nun um Flüchtlinge, die aus den schutzbedürftigsten Flüchtlingen der Welt ausgewählt wurden, um sich in den USA eine neue Existenz aufzubauen.

Natürlich fanden Flüchtlinge auch in vielen anderen Landesteilen ein neues Zuhause. Utica fällt jedoch aus mehreren Gründen aus dem Rahmen.

Die Einwohnerzahl der Stadt hat sich bei 65.000 stabilisiert, von ihnen sind 10.000 Flüchtlinge.

Beeindruckend ist nicht nur die Zahl der Flüchtlinge, sondern auch ihre Vielfalt. Sie stammen aus etwa 30 Ländern und sehr unterschiedlichen Verhältnissen. Synath Buth und seine Ehefrau überlebten das Terrorregime Pol Pots in Kambodscha und behaupten, der Hollywood-Film The Killing Fields habe das brutale Morden in einer Zeit, in der fast die gesamte Bevölkerung des Landes entwurzelt und getötet wurde, noch untertrieben. Pavel Brutsky war Angehöriger einer der geheimsten Einheiten des sowjetischen Militärs und überlebte später Jahre der religiösen Verfolgung. Loi Hoang ist ein Bootsflüchtling aus Vietnam, und Hassan Murithi lebte mehr oder weniger als Sklave im zerfallenen Staat Somalia am Horn von Afrika.

Vertreter der US-Regierung, der Stadt und von Flüchtlingsorganisationen, führende Persönlichkeiten aus der Wirtschaft und die Flüchtlinge selbst hegen keinen Zweifel, dass die Ankunft dieser vielsprachigen Gemeinschaft der Schlüssel zur Wende in der Entwicklung der Stadt war.

"Utica liebt Flüchtlinge", sagte Gene Dewey, stellvertretender Staatssekretär in der Abteilung für Bevölkerungsfragen, Flüchtlinge und Migration des US-Außenministeriums, bei einer Anhörung des Senats im letzten Jahr. "Utica hat von Flüchtlingen profitiert. Mit der Stadt ging es bergab, aber jetzt erwacht sie dank der Flüchtlinge zu neuem Leben."

Dem stimmt der republikanische Bürgermeister Tim Julian zu. Er sagt:"Die Stadt war seit mehreren Jahren dabei auszubluten. Die Ankunft so vieler Flüchtlinge hat diesen Prozess gestoppt. Sie haben ganze Stadtviertel gerettet, die kurz vor dem Abriss standen. Als Stadtverwaltung können wir dies gar nicht genug würdigen."

Der örtliche Kongressabgeordnete Sherwood Boehlert fügt hinzu: "Wir heißen sie mit offenen Armen willkommen. Dies ist der Wendepunkt für Utica. Die Gemeinde hat sich nicht nur stabilisiert, sondern blickt mit viel mehr Optimismus in die Zukunft als viele andere Zentren im Nordosten. Es fügt sich alles zum Guten."

Erneuerung
Nach außen ist Utica die wechselvolle Geschichte der Stadt deutlich anzusehen. Sie ist nur noch ein Schatten ihrer glanzvollen Vergangenheit, versucht aber tapfer, sich wieder ein wenig herauszuputzen.

Früher gewaltige Textilfabriken liegen verlassen da. Das Stadtzentrum wirkt leer und heruntergekommen – insbesondere im Winter, wenn kalter Wind über leere Parzellen pfeift und meterhohe Schneewehen aufwirbelt. Die Temperaturen sinken dann tief unter den Gefrierpunkt. Während des Niedergangs der Stadt wurden einige Wohnviertel so baufällig, dass die Nationalgarde mit dem Abriss ganzer Mietblocks beauftragt wurde.

Das Utica-Hotel wurde jedoch für mehrere Millionen Dollar renovier. Ein argloser Gast kann nur staunen angesichts des vollkommen unerwarteten Anblicks glitzernder Kristallleuchter und der geschmackvoll wieder hergerichteten Innenausstattung in seinem riesigen Foyer. Das Stanley-Theater im Barockstil hat wieder geöffnet. Weitere Millionen wurden in ein neues Versicherungszentrum gepumpt. Nahebei zeugen schmucke Stadthäuser von den früheren ruhmreichen Tagen Uticas.

Einige Textilfabriken wurden vor dem Abriss gerettet und in Appartementhäuser umgewandelt. Flüchtlinge, insbesondere Bosnier, haben billige Immobilien erworben, die vor ihrer Ankunft aufgegeben worden waren, und mittlerweile ganze Viertel saniert.

Es gibt vietnamesische Restaurants, russische Nachbarschaftsläden, bosnische Friseursalons und Cafés, eine große, von Flüchtlingen aus der früheren Sowjetunion gebaute Kirche der "Pfingstgemeinde", Moscheen und Tempel. In den Schulen der Stadt werden 31 Sprachen gesprochen. In der Lokalzeitung gibt es eine wöchentliche Kolumne in bosnischer Sprache. Ein Krankenhaus betreibt eine Internet-Seite über kulturelle Vielfalt.

All dies zeugt nicht nur von der neuen wirtschaftlichen Dynamik in der Stadt, sondern auch von der Zunahme der kulturellen und religiösen Aktivitäten durch die Ankunft der Flüchtlinge.

In Veldins Friseursalon legt der 60-jährige Juso Mijkovic, der in den 1990er Jahren vor den Kriegen auf dem Balkan floh, letzte Hand an einen Kunden und beginnt eine lebhafte Diskussion mit einem örtlichen Architekten, der ein größeres Geschäft auf der anderen Straßenseite für ihn plant. An der Wand hängt ein Ausschnitt aus der Tageszeitung, auf dem es heißt: "Der Ostteil von Utica ist ein Paradies für Bosnier." Juso stimmt dem zu: "Hier kann man sehr gut leben und arbeiten."

Nicht weit davon entfernt hat Dzevsa Disdarevic sein Lebensmittelgeschäft und sein winziges Café bei der Eröffnung vor ein paar Jahren nach seiner Tochter Amy benannt. Er verkauft bosnische Spezialitäten, Fleisch und Pralinen. Die Kunden rauchen ohne Unterlass und trinken kleine Tassen starken Kaffees, genauso, wie sie es während der Kämpfe in der Heimat in den 1990er Jahren taten. "Hohe Steuern treiben Unternehmen in den Ruin", grummelt der Eigentümer und fügt dann doch hinzu: "Aber wir können nicht klagen; wir haben es hier gut angetroffen."

Positiv für alle Seiten
Am Stadtrand, unmittelbar neben einem Einkaufszentrum, wie man sie hier überall findet, liegt die kürzlich generalüberholte Fabrik eines der größten Arbeitgeber in der Region, ConMed, eines Herstellers von Präzisionsinstrumenten für die Chirurgie. Das Gebäude gehörte ursprünglich General Electric. Doch als es mit der Stadt bergab ging, schloss General Electric, einer der größten amerikanischen Mischkonzerne, sein Werk.

ConMed stellt derzeit alle Arbeitnehmer ein, derer es habhaft werden kann. "Wir haben in den letzten sechs Tagen 16 Leute eingestellt", sagt Bob O’Reilly, der Personalchef von ConMed. "Wir haben 111 freie Stellen." Die Firma beschäftigt etwa 1.300 Mitarbeiter in drei Werken. Etwa die Hälfte von ihnen sind Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt: Bosnier, Vietnamesen, Myanmarer.

Ein Teil dieser Stellen ist eher etwas für Geringqualifizierte, einfache Montage am Band, aber Flüchtlinge sind auch als Produktionsplaner, im internationalen Vertrieb oder in der Verwaltung tätig. Von manchen Familien arbeiten drei oder vier Angehörige bei ConMed.

"Von der Situation profitieren alle hier", sagt Bob O’Reilly. "Sie ist gut für die Flüchtlinge und gut für uns. Um ehrlich zu sein, würde es ohne die Flüchtlinge das Unternehmen hier am Ort wahrscheinlich gar nicht geben."

Auf der anderen Seite von Utica beschäftigt das Presbyterianische Altenheim rund 50 Flüchtlinge. Sie arbeiten in der Küche, der Wäscherei und als Pflegehilfskräfte. "Sowohl die Patienten als auch ihre Angehörigen äußern sich positiv über die Wärme und Herzlichkeit unserer Hilfskräfte im Umgang mit ihren Patienten", sagt Personalchefin Mary Austin Pratt.

Auch Verwaltungsdirektor Tony Joseph zeigt sich begeistert. "Ohne die Flüchtlinge wären wir aufgeschmissen. Es ist eine ideale Verbindung. Wir hätten nirgendwo sonst so gute Leute anwerben können."

Diese "ideale Verbindung" ist das Ergebnis einer besonderen Verkettung positiver Faktoren.

Als Gemeinde mit einem schon immer hohen Einwandereranteil ist es für Utica einfach, Fremde willkommen zu heißen – trotz des vorhersehbaren Murrens einiger Bewohner, die sich über die Vorteile und Leistungen aus der Gerüchteküche beklagen, in deren Genuss die Flüchtlinge angeblich kommen.

Seit fast 25 Jahren betreuen die dynamischen Mitarbeiter des Mohawk Valley Resource Center for Refugees neue Ankömmlinge. Sie vermitteln Wohnungen, Jobs, Schulen, Sprachunterricht und Kurse in Staatsbürgerkunde – ein wirklich unverzichtbares Basisangebot für Neubürger der Stadt.

Schulen, Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen, Wohnungsbehörden und andere wichtige Institutionen mussten sich anpassen, um den Flüchtlingen entgegenzukommen.

Als dem wirtschaftlichen Niedergang der Stadt Einhalt geboten werden konnte, entstanden viele neue Stellen. Es waren nicht unbedingt Jobs in der High-Tech-Industrie, aber sie hatten den Vorteil, dass Menschen, die nicht oder schlecht Englisch sprachen und nicht über die Qualifikationen verfügten, die sonst häufig in einer hoch industrialisierten Gesellschaft benötigt werden, schnell Arbeit finden und beginnen konnten, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Gleichermaßen und vielleicht paradoxerweise war ein aufgrund der Wirtschaftskrise brachliegender Wohnungsmarkt ein wichtiger Faktor, der den Flüchtlingen half, ansässig zu werden. Wohnraum war verfügbar und konnte zu niedrigen Preisen gemietet oder gekauft werden. Viele einheimische Familien hatten Wohneinheiten mit drei, vier und fünf Schlafzimmern aufgegeben, die für wenige tausend Dollar erworben werden konnten. Die neuen Eigentümer renovierten sie anschließend in Eigenarbeit mit großem persönlichem Einsatz. So preiswert war Wohnraum nur an wenigen anderen Orten in Amerika.

"Alle diese Faktoren trugen entscheidend zur erfolgreichen und raschen Integration so vieler Flüchtlinge in die örtliche Gemeinschaft bei", sagt Peter D. Vogelaar, Geschäftsführer des Refugee Resource Center.

Wo bin ich hier?
Aber wie genau fanden Freiheitskämpfer aus Myanmar, Internierte aus Bosnien oder Flüchtlinge aus dem Irak ihren Weg in eine ihnen fremde Stadt im Norden des Bundesstaats New York, von der wenige vor ihrer Ankunft dort je gehört hatten?

Die USA gehören zu einer kleinen Zahl von Ländern (neben Kanada, Australien, Neuseeland, den skandinavischen Ländern, den Niederlanden, Irland und Großbritannien), die in enger Zusammenarbeit mit UNHCR nach einem Quotensystem offiziell Flüchtlinge zur dauerhaften Ansiedlung aufnehmen. Diese Plätze sind hoch begehrt. Im letzten Jahr konnten weniger als 100.000 der insgesamt mehr als 17 Millionen von UNHCR erfassten Personen an diesem so genannten Weiterwanderungsprogramm (resettlement programme) teilnehmen.

Jedes Jahr legt die US-Regierung in Washington die Quote für das kommende Jahr fest, prüft die Anwärter auf die Einwanderung in das Land und entscheidet dann in Abstimmung mit bundesstaatlichen, städtischen und kirchlichen Stellen sowie amerikanischen Flüchtlingshilfs- und humanitären Organisationen, welche Kommunen Neuankömmlinge aufnehmen können und dazu bereit sind.

Das Engagement von Utica begann 1975, als Kirchenvertreter aus der Stadt beschlossen, Flüchtlingen bei der Neuansiedlung zu helfen. Das erste Projekt war bescheiden: Man unterstützte einen einzelnen Vietnamesen, den Nachkriegswirren in Indochina zu entkommen. Vier Jahre darauf wurde mit finanzieller Unterstützung des Lutheranischen Einwanderungs- und Flüchtlingsdienstes das heutige Refugee Resource Center gegründet.

Die Zahl der Flüchtlinge nahm langsam zu. Im Rahmen eines besonders bemerkenswerten Projekts wurden Anfang der 1990er Jahre mehrere hundert Kinder amerikanisch-asiatischer Abstammung, die während des Vietnam-Krieges von Amerikanern gezeugt und anschließend verlassen wurden, nach Utica geflogen, wo sie in das Leben in den USA eingeführt wurden sowie Englischunterricht und eine Berufsausbildung erhielten, bevor sie in Gemeinschaften vor Ort integriert wurden.

Das Refugee Resource Center ist heute in einem früheren katholischen Schulgebäude untergebracht und hat fast 40 Mitarbeiter, die meisten von ihnen sind selbst Flüchtlinge. Es ist eine der lebhaftesten und farbenfrohsten Einrichtungen in der Stadt. Überall in den langen Fluren und den früheren Klassenzimmer blitzen Farbtupfer auf: ein safrangelb gekleideter Mönch, Frauen aus Somalia, eingehüllt in Baumwolltücher in einem Kaleidoskop greller Farbtöne, schlanke junge Frauen aus Osteuropa in hellen knappen Tops, Menschen, eingepackt in dicke Daunenmäntel gegen die schneidende Kälte. Und über allem liegt ein Geplapper in Sprachen aus der ganzen Welt.

Dort finden Sprachunterricht und Berufsausbildungskurse statt. Menschen bitten um Unterstützung bei der Suche nach einer Stelle, einer Wohnung oder einer Schule für ihre Kinder, einem Dolmetscher für einen Krankenhaustermin, einem Anwalt oder anderen Flüchtlingen, mit denen sie ihre Probleme teilen können. Hier erhält man auch Informationen zur Beantragung der amerikanischen Staatsbürgerschaft.

Das Zentrum ist jedoch keine Einbahnstraße. Es hilft nicht nur Flüchtlingen, sondern berät auch andere örtliche Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser und Wohnungsbesitzer, wie sie die oft überforderten Neuankömmlinge am besten verstehen und unterstützen können. "Wir bauen Brücken zwischen den beiden Seiten", so Peter Vogelaar.

Wir müssen hier raus
Nesir Jasarevic war interniert während des Balkan-Konflikts, von seinen Wärtern geschlagen worden, musste ansehen, wie andere Insassen zu Tode geprügelt wurden und war später ziellos über die Schlachtfelder gezogen, wobei er von 100 auf 61 Kilo abgemagert war.

Schließlich gelang es ihm, dem Albtraum auf dem Balkan zu entkommen, aber irgendwie geriet seine Ankunft in den USA fast ebenso traumatisch wie seine Kriegserfahrungen.

"Ich kannte Amerika nur aus Filmen, Utica war aber ganz anders", erinnert er sich. "Lieber Gott, hol mich hier raus, ich will wieder zurück nach Hause", war seine erste Reaktion auf seine neue Heimat.

Er dachte, er würde sich in New York City niederlassen können. Als er dort am Flughafen ankam, sprach die Person, die ihn offiziell in Empfang nehmen sollte, nur russisch und kein Bosnisch. Nesir konnte kein Englisch.

An seiner nächsten Station auf dem Flughafen von Syracuse in der Nähe von Utica "kam ein asiatisch aussehender Kerl auf mich zu und nahm meine Reisetasche an sich", berichtet er. "Man hatte mir eingeschärft, auf meine Reisetasche sehr gut aufzupassen. Es gab ein Tauziehen, das nach und nach heftiger wurde. Dann kam ein anderer Mann hinzu und sprach mich auf Bosnisch an."

"Zuerst wollte ich sofort wieder weg, aber jetzt dankte ich Gott, dass er mir diesen Landsmann geschickt hatte. Willkommen in Utica."

Kaw Soe dachte ebenfalls, er würde in New York bleiben können, als er 1999 in dem Land eintraf. Er hatte sich als Angehöriger der verfolgten Minderheit der Karen in Myanmar jahrelang an dem von ihm so genannten nationalen Kampf um die Demokratie gegen das Militärregime in Yangun beteiligt.

Er wurde ebenfalls per Flugzeug nach Syracuse weitertransportiert. Auf dem Weg mit dem Auto vom dortigen Flughafen nach Utica kreuzte eine Menge Rotwild die Straße. "Ich dachte damals: ‚Vielleicht haben sie beschlossen, uns an diesen Ort zu bringen, weil er uns aufgrund der vielen wild lebenden Tiere mehr an den Dschungel erinnern würde, aus dem wir kamen‘", schmunzelt er.

"Schlimm, ganz schlimm", so der 41-jährige Pavel Brutsky über seine Ankunft in seiner neuen Heimatstadt. Und er dürfte sich mit "schlimmen Umständen" nur zu gut auskennen. Brutsky wurde in Weißrussland in der früheren Sowjetunion geboren. Er wurde als Angehöriger der Religionsgemeinschaft der "Pfingstbewegung" verfolgt. Gleichwohl wurde er in eine Eliteeinheit des militärischen Sicherheitsdienstes eingezogen und an der Grenze zur Mongolei stationiert. Während seiner Dienstzeit durfte er den Militärstützpunkt nie verlassen, erhielt weder Urlaub noch die Gelegenheit, Freundinnen kennen zu lernen, und musste mit einem sehr geringen Monatssold auskommen.

Zwölf Jahre lang versuchte er, aus dem Land und der ständigen religiösen Verfolgung zu entkommen. Als er schließlich die Ausreisegenehmigung erhielt, musste er seinen Pass abgeben und eine Geldstrafe zahlen.

"Wir mussten alles aufgeben", sagt er. "Bei der Ausreise war uns egal, wohin man uns bringen würde – Kanada, Australien, die Vereinigten Staaten. Aber als wir in Utica eintrafen, war das schon ein ziemlicher Schock."

Es sollte noch schlimmer kommen. Pawel musste miterleben, wie seine Schwester in ihrem Mietshaus in einem damals noch gesetzlosen Teil von Utica erschossen wurde.

Zu den letzten Neuankömmlingen in Utica zählt eine Gruppe so genannter somalischer Bantu, und viele von ihnen sind immer noch traumatisiert. Die kulturellen Unterschiede zwischen ihrer Heimat und den USA können bei kaum einer anderen Gemeinschaft größer sein. Das gleiche gilt für das Wetter. Am Horn von Afrika übersteigt die Temperatur im Sommer regelmäßig die 40-Grad-Marke. In Utica sind es auch oft 40 Grad, aber hier sind es minus 40 Grad während der harten Winter in der Region.

Hassan Murithi musste zusehen, wie nach dem Zusammenbruch der staatlichen Gewalt in Somalia Anfang der 1990er Jahre Plünderer seine Ehefrau vor seinen Augen vergewaltigten. Nach dieser Gräueltat marschierte das Paar eine Woche lang zu Fuß mit seinen acht Kindern, bis sie Kenia erreichten und in relativer Sicherheit waren. Manch andere somalische Bantu verdursteten auf diesem Weg.

Die Bantu stammen ursprünglich aus dem südlichen Afrika und waren im 18. Jahrhundert von Arabern versklavt worden. Sie wurden in Somalia quasi als Leibeigene gehalten, bis die Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Clans das Land zerstörten. Wie Hassan und seine Familie flohen mehrere tausend Bantu in das angrenzende Kenia. Nachdem UNHCR ein Jahrzehnt vergeblich nach einer neuen Heimat für sie gesucht hatte, boten die USA vor drei Jahren schließlich an, die meisten von ihnen auf Dauer aufzunehmen.

FLÜCHTLINGE berichtete in Heft 3/2002 über ihren Flug in die Neue Welt. Dort hieß es: "Die Bantu werden jetzt mit einer beängstigenden kulturellen Kluft konfrontiert. Die meisten können weder schreiben noch lesen oder englisch sprechen. Sie sind kräftige Landarbeiter mit wenigen anderen Kenntnissen, die nie einen Lichtschalter oder eine Toilettenspülung betätigt, eine verkehrsreiche Straße überquert, ein Auto oder einen Aufzug benutzt, Schnee gesehen oder eine Klimaanlage kennen gelernt haben."

Seit ihrer Ankunft in Amerika haben sie sich allen diesen Problemen relativ erfolgreich gestellt, nur das Wetter macht ihnen jetzt mitten im Winter – für manche ist es der erste hier – noch sehr zu schaffen. "Ich hätte mir nie, nie vorstellen können, dass es draußen so kalt werden kann", sagt Hassan Murithi in seiner Mietwohnung, in der sich die Zentralheizung bemüht, die Temperatur eines afrikanischen Sommertages zu erreichen.

Er gibt dazu den passenden Kommentar aus seinem Blickwinkel ab: "In Afrika war Eis sehr teuer. Hier ist es überall." Dabei zeigt er auf die verschneiten Straßen. "Und dazu umsonst", was ihm ein lautes Lachen entlockt.

Nein, lass’ uns ein wenig bleiben
Aber wenngleich die Ankunft in Utica für fast alle Flüchtlinge verwirrend war, gab es doch noch eine andere Gemeinsamkeit, und zwar die Beharrlichkeit und Anpassungsfähigkeit sowohl der Neuankömmlinge als auch der Ortsansässigen.

Hassan Murithis ältester Sohn hat einen Führerschein, ein Auto und studiert Medizin am örtlichen Community College. Alle seine anderen Kinder sprechen englisch, gehen zur Schule und reden von Hamburgern, Pizza und den Simpsons im Fernsehen. Hassan und seine Ehefrau haben eine Vollzeitstelle.

Der Wendepunkt für Nesir Jasarevic stellte sich ein, als er vor Ort Kurse mit zahlreichen vietnamesischen Flüchtlingen besuchte. "Sie befanden sich in einer für sie vollkommen fremden Umgebung", sagt er, "und ich erkannte, dass ich als Europäer wahrscheinlich bessere Aussichten auf Erfolg hatte als sie. Ich begann, mein Wörterbuch mit ins Bett zu nehmen, um englisch zu lernen." Heute verkauft er erfolgreich Krankenversicherungen und bewohnt ein hübsches Haus am Stadtrand von Utica.

Pawel verließ das Stadtviertel, in dem seine Schwester erschossen wurde, und bewohnt heute mit seiner Ehefrau Mira und den sechs Kindern ein an eine Ranch erinnerndes Haus oberhalb von Utica nahe der Kirche der "Pfingstgemeinde", an der sein Schwiegervater Pastor ist und die eine wichtige Stütze für die mehr als 2.000 Flüchtlinge aus der früheren Sowjetunion bildet.

"Schauen Sie", sagt er, "diesen Kohl habe ich aus meinem eigenen Garten. Ich liebe diesen Garten. Ich liebe mein Haus und bin begeistert, dass meine Familie hier wohnen kann."

"Als ich anfangs hierher kam, wollte ich so schnell wie möglich wieder fort. Jetzt bin ich hier heimisch geworden. Ich habe die Stadt wirklich lieb gewonnen." Das meint er zweifellos ernst.

Loi Hoang, der in seiner Jugend als Bootsflüchtling aus Vietnam entkam, arbeitet heute als Poker-Dealer in einer nahe gelegenen Spielbank, die von den Oneida-Indianern betrieben wird. "Ich kann gar nicht fort von hier", sagt er. "Ich habe so viele Freunde." Auch er klagt natürlich über das Wetter. "Ich mag alles hier außer den Wintern. Aber zumindest gibt es hier keine Flutwellen und Erdbeben" – ein Verweis auf die Tsunami-Katastrophe Ende letzten Jahres.

Die Stadt selbst musste ebenso bereit sein, Veränderungen zu akzeptieren. Von wenigen Schulsystemen auf der Welt wird verlangt, Kinder mit fast drei Dutzend Muttersprachen zu unterrichten. Viele Neuankömmlinge müssen mit dem Erlernen der englischen Sprache bei Null beginnen.

Aufgrund sprachlicher, sozialer und kultureller Unterschiede können Arztbesuche sowohl für das medizinische Personal als auch für die Patienten kompliziert sein. Viele Flüchtlinge haben Krieg und Verfolgung erlebt und benötigen zusätzliche Trauma-Behandlung.

Immobilienbesitzer freuen sich normalerweise über neue Kunden. Das kann sich jedoch ändern, wenn diese unwillkommene Gewohnheiten haben, beispielsweise die Wände mit Graffiti verzieren oder die Schmutzwäsche mitten im Wohnzimmer waschen.

Unweigerlich beschweren sich manche Ortsansässige darüber, dass die Flüchtlinge hohe Beihilfen, kostenlose Unterkunft und leichte Arbeit erhalten – Unzufriedenheitsäußerungen, die auf der ganzen Welt zu vernehmen sind, wo Flüchtlinge angesiedelt werden, die aber alle grundlos sind.

Unbestritten ist dagegen, dass es umfassender finanzieller und personeller Ressourcen sowie Flexibilität und Geduld von beiden Seiten bedarf, damit ein Experiment wie dieses erfolgreich funktionieren kann.

Wie geht es weiter?
Der weitere Zustrom von Flüchtlingen nach Utica und in andere amerikanische Kommunen hängt von einer Reihe von Faktoren ab: den Ereignissen in der Welt, der Politik in Washington, der Fähigkeit von Einrichtungen wie dem Mohawk Valley Center for Refugees zur Aufnahme von Neuankömmlingen und der Bereitschaft der einheimischen Bevölkerung zur Integration der Fremden.

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben die USA Hunderttausende von Flüchtlingen aus Vietnam, der früheren Sowjetunion und Bosnien willkommen geheißen. In mancher Beziehung handelte es sich damals um relativ unkomplizierte Aufnahmeprogramme, für die umfangreiche Mittel zur Verfügung standen, die politisch auf keinen nennenswerten Widerstand stießen, auch weil ethnisch homogene Gruppen kamen, die für die Kommunen sprachlich und kulturell leichter zu integrieren waren.

Damals gab es auch viele Familienzusammenführungen – von Ehemännern mit ihren Ehefrauen und Kindern mit ihren Eltern –, die ebenfalls keine umfangreichen personellen und finanziellen Ressourcen erforderten.

Diese "einfachen" Zeiten sind vorüber.

Die Flüchtlinge, die heute kommen, zählen heute häufig zu den wirklich schutzbedürftigsten Entwurzelten und sind nicht mehr lediglich "politisch genehm". Sie entstammen kleineren Gemeinschaften und vielen unterschiedlichen Ländern.

Unter humanitären Gesichtspunkten mag dies einen Fortschritt darstellen, aber in einer Zeit der Mittelknappheit kann es in der Flüchtlingshilfe tätigen Organisationen und Kommunen in den Aufnahmeländern Probleme bereiten. Statt Flüchtlinge aus einem einzigen Land mit einem angemessenen Verständnis westlicher kultureller Werte zu betreuen, müssen sie sich jetzt vielleicht mit den Anforderungen mehrerer Gruppen auseinandersetzen, die unterschiedliche Sprachen sprechen und über unterschiedliche soziale Normen verfügen, wofür über einen längeren Zeitraum größere personelle und finanzielle Ressourcen erforderlich sind als früher.

Auch die Zahlen haben sich verändert. Vor dem 11. September 2001 boten die USA jährlich etwa 70.000 Weiterwanderungsplätze für Flüchtlinge an. Im Jahr 2000 half das Refugee Resource Center 744 Flüchtlingen bei der Ansiedlung in Utica.

Nach den Terroranschlägen sank angesichts der neuen Sicherheits-Priorität die Zahl in den USA drastisch auf nur noch 26.300 im Jahr 2002. Mit einem Rückgang auf lediglich 240 Neuankömmlinge verlief die Entwicklung in Utica entsprechend. Flüchtlingszentren mussten ihre Budgets anpassen und sogar Programme sowie Gesamtziele umschreiben, um von Bedeutung und offen bleiben zu können.

Im letzten Jahr verdoppelte sich die Zahl der Einreisenden in die USA wieder, was die in der Flüchtlingshilfe tätigen Organisationen jedoch ebenfalls in ein Dilemma stürzte, wenngleich in ein für sie ungewohntes. Sie hießen die Wende in der Entwicklung der Flüchtlingszahlen willkommen, mussten dann jedoch um knappe Ressourcen konkurrieren, um einem wesentlich komplexeren und größeren Zustrom von Flüchtlingen helfen zu können.

In Utica hat der große Erfolg des Flüchtlingsprogramms auch noch zu anderen Problemen geführt. Die Preise auf dem mittlerweile wieder lebhafteren Wohnungsmarkt sind gestiegen, was es für die Neuankömmlinge schwieriger macht, geeigneten Wohnraum zu finden. Auch auf dem Stellenmarkt ist die Lage nicht mehr so rosig. Und die Mittel sind überall knapper geworden.

Hat die Stadt deshalb mit Blick auf Flüchtlinge einen Sättigungspunkt erreicht?

Trotz mancher Befürchtungen ist die Antwort ein energisches "Nein" von Bürgermeister Tim Julian. "Wir freuen uns darauf, noch mehr von ihnen willkommen zu heißen." "Wir haben noch Platz hier für weitere Flüchtlinge", sagt der Kongressabgeordnete Sherwood Boehlert – ein Standpunkt, der von vielen ortsansässigen Unternehmen geteilt wird, die ihr Überleben den bereits hier wohnhaften Flüchtlingen zuschreiben.

Wie es aussieht, könnte die "ideale Verbindung" noch eine Weile fortbestehen.

Quelle: "Flüchtlinge" 1/2005, UNHCR Deutschland

Wir danken UNHCR Deutschland für die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Beitrags!

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