Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.
Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen
"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.

Autorinnen: Sylvia Richel und Hildegard Lierow, Schulbriefe-Redaktion, ANE e.V.
Die Schulbriefe erscheinen jedes Jahr in einer neuen aktualisierten Auflage. In der Berliner Schullandschaft ändert sich ständig so viel, dass jeder der insgesamt 17 Schulbriefe in jedem Schuljahr überarbeitet werden muss. Manchmal sind es nur einzelne Abschnitte, oft aber ganze Artikel. Jetzt ist die Zeit reif für eine Runderneuerung.

Die Überarbeitung begann mit einer telefonischen Elternbefragung. Wir wollten wissen, welche Themen Eltern hauptsächlich interessieren, wie die Schulbriefe ihnen gefallen und was verbessert werden kann.
Danach luden wir Experten aus der Wissenschaft, der Unterrichtsentwicklung und der Schulpraxis zu Arbeitssitzungen ein. Eine ANE-interne Ressourcengruppe von Kolleginnen und Kollegen mit Grundschulkindern sowie Gespräche mit Elternlotsen, die an Schulen mit türkisch- und arabischsprachigen Eltern arbeiten, gaben uns wichtige Hinweise dazu, wo Eltern aktuell „der Schuh drückt". Außerdem hospitierten wir an drei Grundschulen, um zu erleben, wie der jahrgangsübergreifende Unterricht in der Schulanfangsphase (und den Klassen 4-6) funktionieren kann.
Der ersten neuen Schulbriefe sollen Anfang 2011 erscheinen. Im Laufe des Jahres 2011 werden Berliner Eltern aller Klassenstufen von 1 bis 6 die neuen Schulbriefe erhalten. Kernthemen der Schulbriefe sollen auch bundesweit zugänglich gemacht werden, um auch Eltern in anderen Bundesländern zu erreichen.
Es wurden 130 Eltern aus allen Klassenstufen der Grundschule telefonisch befragt. Ergebnis: Die derzeitigen Schulbriefe werden als informativ, hilfreich und unterstützend eingeschätzt. Allerdings wünschen sich die Eltern eine realistischere Darstellung des schulischen Alltags und der Situation von Berliner Familien. Der Informationsbedarf zu aktuellen schulischen Lernformen mit individueller Förderung in der Ganztagsgrundschule ist groß. Rat zur Mediennutzung in der Schule und zu Hause wird von den meisten Eltern gewünscht.
Die Ergebnisse im Einzelnen:
Frage: Welche schulischen Themen interessieren Sie (aktuell) besonders?
Antworten Klasse 1-3
Individuelle Förderung 81 %
Zensuren, Beurteilung 56 %
Jahrgangsmischung 50 %
Hausaufgaben 50 %
Antworten Klasse 4-6
Übergang Oberschule, Schulwahl 42 %
Individuelle Förderung 42 %
Hausaufgaben 29 %
Zensuren 30 %
Klassen-/Schulklima, Gewaltprävention, Mobbing 19 %
Unterrichtsverteilung 17 %
Frage: Welche außerschulischen Themen interessieren Sie (aktuell) besonders?
Antworten Klasse 1-3
Fernsehen, Computer, Mediennutzung 70 %
Taschengeld 70 %
Hausaufgaben 38 %
Antworten Klasse 4-6
Fernsehen, Computer, Mediennutzung 48 %
Taschengeld 42 %
Freizeitgestaltung 27 %
Hausaufgaben 25 %
Pflichten in der Familie 19 %
Drogenprävention 19 %
Mit den Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats diskutierten wir, wie sich die Lebenswelt von Familien und die Anforderungen an schulische Bildung in den letzten Jahren verändert haben. Gemeinsam erarbeiteten wir, welche Leitlinien für die neuen Schulbriefe gelten sollen.
Ergebnis: Die Schulbriefe sollen mehr als bisher Eltern direkt ansprechen, d.h. ihre Probleme in einer verständlichen Sprache aufgreifen und Lösungen anbieten. Sie sollen Interkulturalität ausdrücken, indem sie deutlicher als bisher eine Wir-Haltung (alle Eltern aller Schüler) einnehmen. Sie sollen lesefreundlich strukturiert sein, d.h. unterschiedliche Textsorten kenntlich machen (Unterricht/Schulorganisation, Probleme/Tipps, Elternrechte, „Blick über den Zaun"). Und last but not least: Sie sollen Humor einbringen, sowohl über die Texte als auch über die Illustrationen.
Folgende Wissenschaftlerinnen gehörten dem Beirat an:
· Prof. Renate Valtin, Fachbereich Grundschulpädagogik an der Humboldt-Universität Berlin,
Schwerpunkte: Legasthenie, Schriftspracherwerb, sozial-kognitive und moralische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, geschlechtsspezifische Sozialisation und Koedukation, Leistungsbewertung, Integration behinderter Kinder,
· Prof. Nadja Kutscher, Kath. Fachhochschule NRW;
Schwerpunkte: Kinder/Jugend und Internet (Bildungsstrukturen, informelle Aneignung und soziale Ressourcen, Entwicklungen in der Mediennutzung, soziale Ungleichheit im virtuellen Raum) und Bildungsforschung (informelle Bildung, Aneignung, mediale Bildungsprozesse, soziale und räumliche Kontextualisierung von Bildung),
· Dr. Ursula Neumann, Arbeitsstelle Interkulturelle Bildung am Institut für International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg,
Schwerpunkt: Sprachentwicklung und Sprachförderung von zweisprachig aufwachsenden Kindern,
· Prof. Sabine Reh, Institut für Erziehungswissenschaft an der Technischen Universität Berlin,
Schwerpunkte: Schulentwicklungsforschung, Lehrerforschung,
· Privatdozentin Dr. Barbara Drinck, Erziehungswissenschaftliche Fakultät an der Universität Leipzig,
Schwerpunkte: Genderforschung, Selbstgesteuertes und kooperatives Lernen
Von den Fachbeiratsmitgliedern wollten wir wissen, welche Schul- und Unterrichtsentwicklung aus fachlicher Sicht gewünscht und angestrebt wird und welche Antworten sie auf die von Eltern gestellten Fragen zur Schulanfangsphase, Jahrgangsmischung, offenen Ganztagsschule, Integration/Inklusion und Unterricht in Klassenstufe 5/6 haben.
Hier die kurze Zusammenfassung der Empfehlungen: Die Art des Lernens hat sich verändert. Es geht nicht mehr nur um reproduzierbares Wissen, sondern vor allem darum, dieses Wissen anzuwenden. Selbsttätiges und selbstgesteuertes Lernen sind dafür die Voraussetzung und das gelingt in jahrgangsgemischten Gruppen besonders gut, weil dort die Angebote differenzierter sind und sich die Kinder gegenseitig anregen. Das längere Verweilen in der Schulanfangsphase ist eine gute Möglichkeit für Kinder, ihre Lernrückstände aufzuholen. Es ist wichtig, Eltern über diese Möglichkeit früh zu informieren, um das Bild vom „Sitzenbleiben" zu verhindern.
Es ist ratsam, Erzieherinnen mit in den Unterricht einzubinden, insbesondere für die pädagogische Arbeit mit Lernschwächeren. Der unterschiedliche, den Lehrer und Erzieher auf das einzelne Kind haben, ist für beide Seiten eine große Bereicherung in der pädagogischen Arbeit. Eltern und GEV sollten dafür ein größeres Augenmerk haben.
Die individuelle Förderung muss auch nach der Schulanfangsphase weiter geführt werden und Bestandteil des Schulprogramms sein. Sie ist nur in Teamarbeit machbar (Klassenstufenteams, Lehrer/Erzieher, Aufteilung Materialerstellung). Zusammen mit der Schulleitung sollen Fachkonferenzen Standards festlegen, wie Kinder abgegeben und willkommen geheißen werden und wie die bisherigen Lernformen weitergeführt werden können.
Das Thema Integration/Inklusion muss durchgehendes Thema in den Schulbriefen sein. Wichtig ist, den Eltern die Angst zu nehmen, dass ihr nicht behindertes Kind in der „Integrationsklasse" nicht genug lernt, denn die ganze Klasse profitiert von der Sicht, den der Lehrer auf das Kind mit Beeinträchtigungen entwickeln muss. Es sollte aber nicht alles beschönigt werden: Es gibt auch Schwierigkeiten, weil die Integration in die Klasse wegen der derzeitigen Förderungsausstattung nicht gelingt. Die Haltung von Lehrern, Eltern, Mitschülern ist wichtig, hier gibt es Gesprächs- und Arbeitsbedarf. In einigen Klassen wird das Thema Integration nicht erwähnt, in anderen wird es aktiv thematisiert.
Mitglieder des Fachbeirats:
Ann-Kristin Hepach, SenBWF, Grundsatzangelegenheiten der Grundschule, Fachgebiet Jahrgangsmischung und Inklusion,
Brigitte Meier, SenBWF, Fachgebiet Ganztagsschule, 5./6. Klasse, Übergang Oberschule
Mechthild Pieler, LISUM, Fachgebiet Schulanfangsphase, Binnendifferenzierung, individuelle Förderung
Dana Bayer, Schulpsychologisches Beratungszentrum Friedrichshain-Kreuzberg, Fachgebiet Gewaltprävention
Christian Voerster, Grundschule am Rüdesheimer Platz, ehem. Fachkoordinator am LISUM für den naturwissenschaftlichen Unterricht
In den Praxisbeiräten zu den Klassenstufen Schulanfangsphase, 3/4 und 5/6 diskutierten Eltern, Lehrer/innen und Erzieher/innen gemeinsam darüber, welche Themen und Botschaften die Schulbriefe enthalten sollten. Elternlotsen des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg und der Arabischen Elternunion wurden in die Gespräche einbezogen, um spezielle Fragen und Sichtweisen der nicht deutsprachigen Eltern aufzunehmen.
Bei den sehr intensiven Arbeitssitzungen wurde jeder einzelne Schulbrief analysiert. Für uns war zunächst überraschend, wie positiv das Gesamturteil aller Beteiligten über die bisherigen Schulbriefe ausfiel. Am thematischen Grundkonzept der Schulbriefe sollte festgehalten werden. Im Gegensatz zu den Wissenschaftlerinnen fanden die Praktiker die Schulbriefe nicht zu textlastig und auch in verständlicher Sprache geschrieben.
Die Änderungsvorschläge waren deshalb nicht grundsätzlicher Natur. Sie betrafen eher die Gewichtung von Themen. So sollen alle Themen, die durch die Schulreform für viele Eltern neu sind, ein stärkeres Gewicht als bisher bekommen: Die flexible Schulanfangsphase und der Sinn des Verweilens, die Organisation der offenen Ganztagsschule und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder, der Umgang mit Wochenplan und Hausaufgaben, neue Formen des Unterrichts und des Lernens.
In der Ressourcengruppe waren alle ANE-Mitarbeiter/innen versammelt, die Kinder im Grundschulalter haben. Sie sollten aus ihren eigenen Erfahrungen und ihrer professionellen Sicht als Berater in der Interkulturellen Familienberatung heraus nützliche Hinweise für die neuen Schulbriefe geben. Die bekamen wir im Übermaß. Hier sind die wichtigsten: Da die Schule von den meisten Eltern als mächtige Bastion erlebt wird, der gegenüber man sich hilflos fühlt, ist es Aufgabe der Schulbriefe, die Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus zu thematisieren. Welche Konflikte kann es geben, wie können sie gelöst werden, wie kann ich mich auf ein Lehrer-Eltern-Gespräch vorbereiten, wie kann der Elternabend zum Austausch genutzt werden, wo gibt es Unterstützung bei welchen Problemen? Eltern sollten sich stark machen für ihr Kind, aber auch die Schule bzw. die Klasse als Ganzes sehen. Zum Stil der Schulbriefe: Sie sollten sachlich informieren, viele Beispiele bringen und anhand derer konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Die Texte können kürzer sein als bisher.