Gelsenkirchen, 22.05., 09- 12 Uhr
Elternarbeit und Medieneinsatz zu Kitathemen
Referent: Antonio DiazElternarbeit und Medieneinsatz "Gesunde Ernährung"
Referent: Antonio DiazFachtag Elternbriefe
"Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?"Elternarbeit und Medieneinsatz zu Kitathemen
Referent: Iman El-HusseinElternarbeit und Medieneinsatz "Bildungschancen"
Referent: Antonio DiazTag der offenen Tür im ANE
Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" am Freitag, dem 8. Juni 2012 von 14:00 Uhr bis 20:00 Uhr - Informationen und Gespräche für Eltern und ein buntes Kinderprogramm.Berlin, 08.06.2012, 09:00 - 14:00 "Was ist neu an den ANE-Elternbriefen? Wie können sie in der Praxis eingesetzt werden?" Programm und Anmeldung
Berlin, 08.06.2012, 14:00 - 20:00 Die neuen ANE-Elternbriefe "mit Eltern für Eltern" Anmeldung
Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.
Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen
"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.


Autor: Wolfgang Nutt / Psycho- und Lerntherapeut
Kinder mit Legasthenie leiden unter einer Störung des Schriftspracherwerbs. Sie bleiben bereits in den ersten Phasen des Lesen- und Schreibenlernens zurück, haben Schwierigkeiten, das Alphabet aufzusagen, die Buchstaben korrekt zu benennen, Buchstaben zusammenzuschleifen oder einfache Wortreime zu bilden.
Beim Vorlesen treten Fehler auf, die sich im Auslassen, Ersetzen, Verdrehen oder Hinzufügen von Worten, Wortteilen oder von Buchstaben innerhalb der Wörter zeigen. Auffällig sind Fehler beim Auffinden des Satz- oder Zeilenbeginns und niedrige Lesegeschwindigkeit. Gelesenes wiederzugeben oder aus Gelesenem Schlüsse zu ziehen fällt ihnen schwer.
Beim Schreiben kommt es zu Verdrehungen von ähnlich aussehenden Buchstaben (b-d, p-q, u-n) und Umstellungen von Buchstaben im Wort. Auslassungen von Buchstaben, Einfügungen von Buchstaben sowie Vertauschungen von akustisch ähnlichen Buchstaben führen zu „Wortsalat“. Das Geschriebene ist für den Leser kaum zu entziffern.
Die Kinder bemühen sich und versagen doch immer wieder. Oft verlieren sie dann die Lust am Lesen und Schreiben und beginnen diese Tätigkeiten zu vermeiden und zu verweigern. Sie gehen nicht mehr gerne zu Schule. Die Hausaufgaben werden zu einem alltäglichen Konflikt. Kinder mit einer Legasthenie können nicht verstehen warum sie etwas nicht schaffen, was anderen scheinbar mühelos gelingt. Sie erleben sich als unfähig. Dann werden sie oft noch ermahnt, schlecht benotet oder bloßgestellt. Manchmal wird ihnen Dummheit oder fehlender Wille unterstellt. Sie erleben Wochen, Monate oder gar Jahre der Enttäuschung und sind früher oder später am Ende ihrer Geduld und Kraft. Das ständige Erleben von Misserfolgen führt zu Selbstzweifeln. In der Folge treten häufig Ängste oder depressive Verstimmungen auf. Typisch dafür sind im Zusammenhang mit Schulleistungsanforderungen auftretende psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Auch Symptome der Unruhe, Konzentrations- und Disziplinschwierigkeiten lassen sich beobachten.
Unabhängig von der Kultur gibt es Legasthenie in allen Schriftsprachen der Welt. Statistisch befinden sich in jeder Schulklasse 1 – 2 Kinder mit Lese- Rechtschreibstörungen. Doch sie können nichts für ihr Problem. Sie sind nicht faul, sie sind nicht dumm. Lediglich ihr Gehirn funktioniert ein wenig anders.
Von den Neurowissenschaftlern wird seit einigen Jahren nachgewiesen, dass die Lese- Rechtschreibstörung eine Lernstörung ist, die auf ererbte oder durch Erkrankungen in den ersten Lebensjahren erworbene Funktionsstörungen im Gehirn zurückzuführen ist.
Beim Lesen und Schreiben werden Laute und Schriftzeichen miteinander verknüpft. Kindern mit Legasthenie gelingt die dafür notwendige Verarbeitung sprachlicher Informationen nur unzureichend.
Entwicklungsstörungen des Hörens und Sprechens galten lange als häufigste Ursache hierfür. Inzwischen werden jedoch Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen, Beeinträchtigungen der visuellen Wahrnehmung oder der Motorik als ebenso bedeutsam angesehen. Viele Legastheniker leiden unter einer Kombination dieser Störungen.
Ob ein Kind problemlos lesen oder schreiben lernt, entscheidet sich in der Regel lange vor dem Schuleintritt. Doch auch die Persönlichkeitsentwicklung, Lernerfahrungen, der Umgang mit Leistungsdruck und Ängsten ist von Bedeutung.
Eine gute Diagnostik erfasst die Gesamtentwicklung eines Kindes. Ob es sich bei Lernschwierigkeiten um eine Lese- Rechtschreibstörung nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) handelt, wird mit standardisierten Verfahren zur Messung der Intelligenz und der Lese- Rechtschreibleistungen geklärt. Finden sich dabei Hinweise auf Störungen der Aufmerksamkeit, des Arbeitsgedächtnisses, der Wahrnehmung von Gesehenem und Gehörten geben weitere spezifische Tests hierüber Auskunft. Persönlichkeits- und Entwicklungstests runden den klinischen Eindruck ab.
Erstellt werden differenzierte Diagnosen von Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken, niedergelassenen Kinder – und Jugendpsychiatern, Kinder- und Jugendpsychiatrischen Beratungsstellen der Gesundheitsämter, Schulpsychologischen Beratungsstellen der Schulämter und spezialisierten Einrichtungen wie dem Legasthenie- Zentrum Berlin.
Die ausführliche Diagnostik zeigt, was das Kind bereits kann und was es in einer Therapie noch lernen muss. Eine Therapie orientiert sich konsequent am Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes. Das unterscheidet sie von Schule und Nachhilfe.
Um Lesen und Schreiben lernen zu können, muss ein Kind den bewussten Umgang mit Lauten beherrschen. Wörter sind in Sätzen, Silben in Wörtern und Buchstaben in Silben zu erkennen, zu unterscheiden und im Gedächtnis abzuspeichern. Lautgetreues Schreiben erleichtert notwendige Einsichten in die Lautstruktur der Schriftsprache.
Die Zusammenhänge von Lauten und Buchstaben, Silben und Wörtern müssen verinnerlicht sein, bevor Kinder sich den Schwierigkeiten einer regelgetreuen Rechtschreibung stellen können. Wortschatztrainings und die Vermittlung regelgeleiteten Wissens haben sich für Kinder ab der dritten Klasse als wirksam erwiesen.
Doch selbst einfachste Lernvorgänge misslingen, wenn die innere Bereitschaft zum Lernen fehlt. Größte therapeutische Aufmerksamkeit erfordert daher die emotionale Befindlichkeit dieser Kinder. Ihr Selbstwertgefühl zu stärken und ihr Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit wieder herzustellen ist der Schlüssel für die Verbesserung ihrer Lernleistungen.
Die Kosten der Behandlung einer Legasthenie werden nicht von den Krankenkassen übernommen. Sofern Kinder durch ihre Lese- Rechtschreibstörung jedoch so beeinträchtigt sind, dass etwa die Hausaufgabenkonflikte den Familienfrieden beeinträchtigen, Schulangst den Schulbesuch gefährdet oder das Kind keine Freunde mehr findet, kann bei den Jugendämtern die Kostenübernahme für therapeutische Hilfen beantragt werden.
Alle Kinder dieser Welt lernen leichter lesen und schreiben, wenn sie möglichst früh in ihrem Leben Zugang zu Sprache und Schrift bekommen. Eltern sind dabei die wichtigsten Vorbilder für ihre Kinder. Kinder entwickeln ihre Sprache im Gespräch und Geschichten öffnen ihnen neue Welten. Darum lieben sie es vorgelesen zu bekommen oder gemeinsam mit ihren Eltern zu lesen. Das Sprechen über Gelesenes, Büchergeschenke oder Bibliotheksbesuche fördern das sprachliche Selbstvertrauen aller Kinder.
Wenn Eltern die Anzeichen einer gestörten Schriftsprachentwicklung bemerken, sollten sie unverzüglich eine fachgerechte Abklärung vornehmen lassen. Niemand trägt Schuld an einer Legasthenie. Daher führt schon die Diagnose dieser Störung oft zu einer Entlastung bei Kindern, Eltern und Lehrern. Eine diagnostizierte Legasthenie begründet zudem einen Anspruch auf Unterstützungsmaßnahmen in der Schule, den sogenannten Nachteilsausgleich und die Erfolgsaussichten einer Behandlung sind umso größer, je früher sie beginnt.
Kinder, die unter einer Lese- Rechtschreibstörung leiden, benötigen vor allem Selbstvertrauen. Daher besteht die wichtigste Aufgabe von Eltern darin, ihren Kindern Wertschätzung zu vermitteln und den Blick auf die Stärken ihres Kindes zu lenken. Jedes Bemühen eines Kindes ist anzuerkennen und kleinste Erfolge sind zu loben. Dies stärkt das Selbstwertgefühl und die familiäre Bindung. Starke Beziehungen sind wichtiger als gute Noten und tragen entscheidend dazu bei, eine Legasthenie zu bewältigen.
Der Autor ist Psycho- und Lerntherapeut im Legasthenie – Zentrum Schöneberg e.V. (www.legasthenie-zentrum-berlin.de)
Das Arabische Medienprojekt "mit Eltern - für Eltern" ist ein Projekt vom Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.
