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Veranstaltungen

Berlin, 11.10.2014, 16:00 bis 18:00

2. ANE-Märchenherbst

Berlin, 14.10.2014, 18:30 - 20:30

Kinderworkshop 'Ich spiele und entdecke meine Fertigkeiten'

Berlin, 16.10.2014, 18:30 - 20:00

ANE-Elternbrief-Stammtisch: Austausch und Information mit Eltern für Eltern - eingeladen sind alle Eltern mit Kindern bis zu 18 Monaten....

Berlin, 21.10.2014, 18:00 - 20:00

Dialogtisch 2014: Wie können Roma-Eltern am besten angesprochen werden?

Berlin, 28.10.2014, 18:30 - 20:30

Dialogtisch 2014: El movimiento asociativo de familias en la era digital.

Berlin, 07.11.2014, 18:30 - 20:30

Dialogtisch 2014: Gesellschaftliche „Mikrophysik“ des Erfolges – La „microfisica“ collettiva del successo.

Berlin, 11.11.2014, 13:00 - 15:00

Dialogtisch 2014: Menschen arabischer Herkunft erzählen über ihre Erfolgserlebnisse

Berlin, 20.11.2014, 18.30 - 20:00

ANE-Elternbrief-Stammtisch: Austausch und Information mit Eltern für Eltern - eingeladen sind alle Eltern mit Kindern bis zu 18 Monaten....

Elternbrief Roma

Den zweisprachigen Elternbrief für Roma über die Pflege von Kindern im 1. Lebensjahr finden Sie hier

Elterntipps Arabisch/Deutsch

Erziehungstipps für Migrantenfamilien aus dem arabischen Sprachraum.

Elternbriefe Schule Berlin

Elternbriefe Sprache

Sprachentwicklung und Sprachförderung in 10 Sprachen

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Filme für Eltern

"Wie Babys sich entwickeln" - Kurzfilme für junge Eltern.

Elternschaft in der Migration

Autorin: Prof. Dr. Iman Attia

 

Zu einer positiven Entwicklung in der Kindheit gehören die physische und psychische Befriedigung von Grundbedürfnissen. Dazu zählen neben so selbstverständlichen Dingen wie Essen, Trinken, Bewegung und Gewaltlosigkeit auch Bedürfnisse danach, sich sicher und geborgen zu fühlen, um eigene Erfahrungen machen zu können, vom Erfahrungsschatz der Eltern zu profitieren und ihn auf seine Brauchbarkeit für die eigene Lebenssituation hin zu überprüfen.  

Daraus ergeben sich für Eltern Anforderungen, die nicht immer leicht zu bewältigen sind: Schließlich haben sie selbst Bedürfnisse, machen sich Sorgen um die Zukunft, wollen ihre Kinder möglichst vor Gefahren bewahren und ihnen bessere Perspektiven eröffnen, als ihnen selbst zur Verfügung stehen. Dennoch gehen Eltern in der Regel in vielen Bereichen angemessen mit den Anforderungen um, auch wenn diese häufig widersprüchlich und schwer zu bewältigen sind: Wann ist es angemessen, ein Kind zu schützen, um es vor schädlichen Erfahrungen und vor Gefahren zu bewahren und wann führt dies dazu, dass ein Kind nicht selber lernt, gefährliche Situationen zu erkennen und damit umzugehen? Wann führt also zu viel Schutz letztendlich dazu, dass ein Kind schutzlos widrigen Bedingungen ausgeliefert ist?  

Mit solchen Fragen beschäftigen sich Eltern – häufig immer wieder neu und ohne zu endgültigen Antworten zu kommen. Das ist auch gut so, denn endgültige Antworten sind starr und führen nicht dazu, jedes Kind und jede Situation neu und damit angemessen zu bewerten. Es ist aber auch anstrengend und hinterlässt häufig das Gefühl, es vielleicht doch falsch gemacht zu haben. Um dem zu begegnen, ist es hilfreich, mit anderen darüber zu reden: mit dem Partner oder der Partnerin, mit anderen Menschen, die der Familie nahe stehen, mit Professionellen, die sich damit von Berufs wegen ein Leben lang und in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen beschäftigen. Denn vieles sieht nicht mehr so dramatisch oder ausweglos aus, wenn man mit Anderen darüber ins Gespräch kommt und dadurch sich selber klarer darüber wird, was los ist und was getan – oder auch gelassen – werden kann. Und es ist wichtig, trotz und auch wegen all der Sorgen die positive Entwicklung der Kinder zu sehen – nicht nur, um nicht zu verzweifeln, sondern auch, um die positiven Faktoren zu nutzen als Schutz vor und Korrektiv für die Risiken, denen Kinder ausgesetzt sind.

Erziehungswissenschaftler, die sich mit der kindlichen Entwicklung beschäftigen, weisen in den letzten Jahren vermehrt darauf hin, dass es wichtig ist, zwei Dinge zu berücksichtigen:

  • die Risikofaktoren, denen Kinder ausgesetzt sind sowie 
  • die Schutzfaktoren, die helfen können, sich auch unter widrigen Umständen positiv zu entwickeln.

Kinder (und natürlich auch Jugendliche und Erwachsene) sind vielen Risiken ausgesetzt. Dazu zählen Faktoren wie Armut, Krankheit, Verlust eines nahen Menschen, Arbeitslosigkeit usw. In der Migration können weitere Faktoren hinzu kommen wie Krieg, Flucht, rechtliche und gesellschaftliche Diskriminierung, fehlende kulturelle und soziale Anerkennung, ausländerrechtliche Perspektivlosigkeit und Unsicherheit usw. Häufig verstärken sich diese Faktoren, wenn zum Beispiel die fehlende Anerkennung von Schul- und Ausbildungsabschlüssen mit ausländerrechtlichen Einschränkungen und fehlender gesellschaftlicher Anerkennung einhergehen, dann bekommen Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit eine spezifische Bedeutung.  

Eltern versuchen häufig, ihre Kinder vor diesen Risiken zu bewahren, zumindest dort, wo es in ihrer Macht liegt. Die Risikofaktoren sind aber in erster Linie durch politische, rechtliche und gesellschaftliche Bedingungen geprägt, die nicht oder nur sehr schwer beeinflusst werden können, zumal von Menschen ohne staatsbürgerliche Rechte. Bleiben noch die sozialen und kulturellen Bereiche, die viel eher beeinflusst werden können, also versuchen manche Eltern, ihre Kinder zumindest hier vor Risiken zu bewahren. Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, weil die Kinder zwangsläufig mit der sozialen und kulturellen Umwelt in Beziehung treten (nicht erst mit dem Schuleinritt, sondern schon durch Fernsehen, Einkaufen, Spielplatz, Erzählungen der Eltern und Geschwister etc.) wissen eigentlich viele selbst. Das zu ignorieren hat lediglich zur Folge, dass die Kinder keine Unterstützung dabei erhalten, wie sie mit ihrer Umwelt in Beziehung treten und wie sie sich darin ihren Platz erarbeiten. Sie sind dann auf sich alleine gestellt oder erhalten Unterstützung von Seiten, die eventuell neue Risiken in sich bergen.

Es ist also wichtig, mit den Risiken umgehen zu lernen und zwar sowohl durch das Vorbild der Eltern, Geschwister, Nachbarn, Erzieher usw. als auch durch eigene Erfahrungen, bei denen die Kinder Unterstützung von den Eltern und von Anderen bekommen können, um zu lernen, Risiken zu erkennen und damit für den eigenen Lebenszusammenhang angemessen umzugehen. Dabei ist es wichtig immer wieder zu reflektieren, dass Kinder anderen Risiken ausgesetzt sein können als ihre Eltern. 

Für die erste Generation der Flüchtlinge und Migranten beispielsweise stellt die ausländerrechtliche Situation in Deutschland einen großen Risikofaktor dar. Sie können keine ausreichende Lebensperspektive entwickeln, weder im Persönlichen noch im Beruflichen. Rückschläge, die sie hier immer wieder erleben und ihr Leben prägen, versuchen sie zu begegnen, indem sie starke Bezüge zu ihrer Heimat aufrechterhalten. Tatsächlich verfügen sie über eigene Erfahrungen in einer anderen Gesellschaft, die ihnen Kraft geben kann, um ihre gegenwärtige Situation zu ertragen. Das verleiht ihnen Stärke, die sie gerne an ihre Kinder weitergeben möchten. Für die Kinder aber hat die Heimat der Eltern eine andere Bedeutung: sie ist ein schönes Urlaubsland, in dem sie ihre Eltern entspannter und glücklicher erleben oder aber nur aus Erzählungen bekannt, die von Wehmut und Heimweh getragen sind.  

Für die Kinder hat die Heimat der Eltern auch nicht die gleiche Bedeutung in Bezug auf ihre Situation in Deutschland. Denn im Unterschied zu ihren Eltern ist ihr Status hier nicht so aussichtslos, sie können sich – unter bestimmten Voraussetzungen – hier eine Zukunft aufbauen. Die Kinder haben hier mehr Chancen als ihre Eltern, es wäre also fatal, die perspektivlose Sicht der Eltern zu übernehmen. Dennoch stehen den Kindern bei Weitem nicht alle Wege offen, ihre Probleme und Risiken sind aber andere. Ausländerrechtliche und staatsbürgerliche Hindernisse sind für sie überwindbar, dagegen erleben sie bereits in ihrer Kindheit Ausgrenzung und Diskriminierung in der Nachbarschaft, auf der Straße, im Supermarkt, in Kindergarten und Schule, durch die Medien und müssen lernen, damit umzugehen und sich davon nicht entmutigen zu lassen. Wenn sie lernen, damit produktiv umzugehen, stärkt sie das, um sich in anderen riskanten Situationen angemessen zu verhalten.

So kann ein Risikofaktor genutzt werden, um sich vor anderen Situationen zu schützen. Und viele Kinder, die hier aufgewachsen sind, haben beachtliche Methoden entwickelt, um mit Risiken umzugehen. Sie benötigen jedoch auch Unterstützung von ihren Eltern, die zu ihnen halten, auch wenn sie selbst andere Wege gehen und die ihren Kindern helfen, bereits gefundene hilfreiche Umgangsweisen auf andere Risikosituationen zu übertragen.  

Ebenso wichtig, wie einen angemessenen Umgang mit Risikofaktoren zu finden, ist es also, Schutzfaktoren zu erkennen und zu nutzen. Schutzfaktoren zeichnen sich nicht nur durch fehlende Risiken aus, sondern sind eigeständige Bedingungen und Fähigkeiten, die schützen und stabilisieren können. Ein Kind, das sichere Bindungen zu wichtigen Personen wie Eltern, Geschwistern oder Erzieherin entwickeln konnte, hat eine gute Basis, die ihm Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl vermittelt, um sich nicht entmutigen zu lassen. Die Kraft, die Kinder daraus schöpfen, kann ihnen helfen, schwierige Situationen zu meistern und Risiken auszuweichen oder – wo dies nicht möglich ist – sich ihnen zu stellen.  

Wenn Kinder erfahren, dass sie mit ihrem Verhalten etwas bewirken können, dass sie also nicht hilflos ausgeliefert sind, kann ihnen das helfen, widrige Situationen zu meistern. Entsprechende Kompetenzen werden häufig als selbstverständlich oder aber als unwichtig wahrgenommen, weil sie nicht in einem direkten Zusammenhang mit einer erfolgreichen Schul- und Berufskarriere gesehen werden. Sie können aber wesentlich dazu beitragen, nicht nur, um sich wohl zu fühlen sondern auch, um in Schule und Beruf voranzukommen. Ein Kind, das gut in Konfliktsituationen zwischen Freunden vermitteln kann oder defekte Gegenstände reparieren kann, erfährt, dass es etwas erreichen kann, dass es von Bedeutung ist, ob es etwas tut und was es tut. Wenn es dafür auch noch Anerkennung bekommt, entwickelt es ein stabiles Selbstwertgefühl, das ihm in schwierigen Situationen das Gefühl und die Kraft geben kann, auch das schaffen.

Ein Kind, das von den Eltern so angenommen wird, wie es ist und Anerkennung findet für das, was es gut kann, ist nicht angewiesen darauf, von aller Welt Anerkennung zu bekommen. Es kann sich leichter von Einflüssen distanzieren, die ihm schaden können. Und es kann ihm helfen, die vielen Risiken, die nicht nur in der Migration überall lauern, selbstbewusst zu begegnen. Meistens gelingt es Eltern gut, ihr Kind in dieser Weise zu stärken. Oft fühlen sich aber Eltern überfordert oder können das Verhalten ihrer Kinder nicht einordnen. Das kann tatsächlich auch damit zu tun haben, dass die Kinder anderen Risiken ausgesetzt sind als ihre Eltern und über andere Schutzfaktoren verfügen als sie. Dann kann es hilfreich sein, sich an Dritte zu wenden, die in bestimmten Situationen oder zu bestimmten Fragen Unterstützung bieten können. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Orte, sich mit anderen Eltern auszutauschen, wie dies etwa in den professionell begleiteten Elternforschungsgruppen geschieht. Es ist auch möglich, die Kinder in schulischen Dingen von Studentinnen unterstützen zu lassen, die selbst ihren Bildungsweg in Deutschland zurückgelegt haben. Auch die Elternlotsen sind eine gute Möglichkeit, sich Unterstützung zu holen oder auch zu geben. Da viele Eltern bereits wertvolle Erfahrungen gesammelt haben, die sie auch außerhalb ihrer Familie weiter geben wollen, entscheiden sich einige dafür, ein Studium aufzunehmen (ASH). Das kann auch jenen Eltern eine neue Perspektive geben, deren Berufserfahrung und Ausbildungsabschlüsse hier zwar nicht vollständig anerkannt werden, die aber daran ansetzen können, um berufliche Perspektiven zu entwickeln. Und um ihren Kindern ein Vorbild zu sein – widrigsten Umständen zum Trotz!

 

Das arabische Medienprojekt "mit Eltern - für Eltern" ist ein Projekt vom Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.