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Das Interview führte Miriam Walther
Wie kam es zu der Idee, Kinder Fragebögen beantworten zu lassen?
Beatrix Schnippenkoetter: Ich mag Fragebögen, sie können Dinge in kürzester Zeit auf den Punkt bringen. Es gibt ja viele davon, aber ich kannte noch keinen für Kinder. Zur selben Zeit arbeitete der TAGESSPIEGEL an der Entwicklung einer Kinderseite. Mein Vorschlag, einen Fragebogen für Kinder zu machen, kam gut an. Ich habe dann drei Jahre lang jede Woche ein Kind aus einem anderen Land der Welt befragt.
Wie kam es zu der Auswahl der Fragen? Warum diese?
Ich wollte wissen, welche Hoffnungen und Träume, welche Ängste und Sorgen Kinder haben. Außerdem wollte ich wissen, wie die Kinder aufwachsen, wie sie leben, was sie machen. So habe ich die Fragen entwickelt – gar nicht so einfach, in der Kürze möglichst viel in Erfahrung zu bringen. Aber es hat gut funktioniert. Die Kinder haben sehr offen und direkt berichtet. Auch wenn manche Antworten nur kurz sind, gewinnt man ein Bild von jedem einzelnen Kind. Hinzu kommt, dass ich in der Zeitung auch Fotos von den Kindern veröffentlicht habe. In dem Buch sind die Fotos durch Illustrationen ersetzt, die auch zum besseren Verständnis beitragen.
Gab es Fragen, die in anderen Ländern nicht von Belang waren, und die deswegen wieder herausgenommen wurden?
Es gab Fragen, die in bestimmten Kulturen für Kinder offenbar schwer zu beantworten sind. Zum Beispiel: Was würdest du gerne an deinen Eltern ändern? Auf die Frage haben sechzehn Kinder einer Schulklasse im Libanon zum Beispiel alle dasselbe geantwortet: „An meinen Eltern möchte ich nichts ändern“. Da liegt der Verdacht nahe, dass Kritik an Eltern dort offenbar nicht thematisiert werden kann.
Auch eine andere Frage schien manchmal schwer zu beantworten: „Wenn du einen Safe hättest, was würdest du aufbewahren?“ Ein zehnjähriges Mädchen aus Nepal antwortete: „Ich weiß nicht, was ein Safe ist, aber wenn ich einen Schrank hätte, würde ich mein Geschirr reinstellen.“ Das sagt schon alles. Ein gleichaltriger Junge aus den USA antwortete übrigens auf dieselbe Frage: „Wertpapiere, was sonst?“. Hier sieht man, wie spannend die Antworten auch im Vergleich sind.
Wie stellten Sie den Kontakt zu den Kindern in so viel verschiedenen Ländern her? Wie lief das mit dem Verteilen der Fragebögen ab?
Jedes Kind, unabhängig von Herkunft, Sprache, Kultur und persönlicher Situation sollte zu Wort kommen können und ich habe allen dieselben Fragen gestellt. Die einzige Vorgabe war, dass sie zwischen sieben und zwölf Jahren alt sind, denn so alt sind auch meine Leser. Die Kinder sind sehr gemischt, manche sind reich, manche arm, manche sind gebildet, andere können kaum lesen und schreiben. Natürlich brauchte ich oft auch Übersetzungshilfe. So hat mir bei dem Japanischen Fragebogen eine Freundin geholfen, deren Vater dort lebt.
Es hat manchmal Wochen, wenn nicht Monate gedauert, bis ich ein Kind gefunden habe. Aber ich war auch überrascht, wie klein die Welt sein kann: Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt... . Mit diesem Schneeballsystem bin ich zwar bis nach Kasachstan und ins Ladakh gekommen, aber komischerweise hat es mit Irland nie geklappt. Ich habe natürlich auch selber Kinder befragt, wenn ich gereist bin, wie zum Beispiel Ali auf den Malediven und Johovei, ein Nomadenjunge in Kenia. Und Freunden habe ich meinen Fragebogen auch mit auf ihre Reisen gegeben. Schwierig wurde es allerdings mit den Entwicklungsländern, da reißen private Kontakte dann doch ab. PLAN International, das ein weltweites Netz von Kinderhilfsprojekten unterhält, hat mir da sehr geholfen. Deswegen geht auch ein Euro pro Buch an diese Kinderhilfsorganisation. In manchen Fällen habe ich auch Konsulate und Botschaften angeschrieben.
Mussten die Fragen oder die Idee insgesamt den Kindern erklärt werden? Musste ihnen geholfen werden, die Fragen zu beantworten?
Ich habe immer darauf geachtet, dass die Kinder selbstständig antworten und sich nicht beeinflussen lassen. Wenn ich den Eindruck hatte, eine Antwort sei nicht authentisch, habe ich sie weggelassen. Natürlich brauchten manche Kinder, besonders die ganz kleinen, Hilfe beim Ausfüllen. Manche konnten ja nicht schreiben. Und wenn ein Kind etwas nicht verstanden hat, wurde auch mal eine Frage übersprungen. Deswegen fallen die Fragebögen in meinem Buch unterschiedlich lang aus. Bei der Auswahl habe ich darauf geachtet, dass das Kind erkennbar wird, das war mir das Wichtigste.
Haben Sie noch Kontakt zu den Kindern? Wissen die, dass ihre Antworten im TAGESSPIEGEL erschienen sind und jetzt als Buch?
Ja, zu manchen Kindern habe ich noch Kontakt. Alle wissen, dass ihre Antworten im TAGESSPIEGEL erschienen sind. In jedem Fall brauchte ich die Erlaubnis der Eltern. Das Buch ist eben erst erschienen und ich bin gerade dabei, allen zu schreiben, die drin sind und die mir bei der Entstehung der Fragebögen geholfen haben.
Worin liegt Ihrer Meinung nach das Besondere an den Kinderantworten? Was haben Sie aus den Fragebögen gelernt?
Das Schöne ist, dass die Kinder einerseits mit ihrem Land identifizierbar sind, andererseits sind sie als eigenständige Individuen erkennbar, jedes auch als einzigartiges Geschöpf.
Dabei hat mich am meisten erstaunt, wie direkt und offen die Kinder sind. Sie bringen die Dinge immer gleich auf den Punkt. Dabei haben sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, ein feines Gespür für soziale Nöte und ein großes Bedürfnis nach Geborgenheit. So sagt zum Beispiel Marie Francesca aus Haiti auf die Frage, was ihr in letzter Zeit nicht gefallen hat: „Als meine Mutter mir den Hintern versohlt hat, weil ich kein Wasser für uns geholt habe.“ Und auf die Frage „Was magst du gar nicht?“ legt sie nach: „Ich finde es schrecklich, wenn Erwachsene Kinder prügeln.“ Und schließlich sagt sie auf die Frage „Was würdest du gerne an der Welt ändern?“: „Dass manche Kinder auf der Straße schlafen müssen und kein Zuhause haben.“
Gleichzeitig antworten viele Kinder wunderbaren humorvoll und beinah poetisch. So sagt zum Beispiel Kevin aus Taiwan auf die Frage, welches Tier er gerne wäre: „Eine Seidenraupe, die ist zahm, ganz weich und glatt, und später fliegt sie davon“. Und Ida aus Dänemark antwortet auf die Frage, was sie gerne an ihren Eltern ändern würde: „Ich muss immer Staub wischen auf dem Wohnzimmerregal, um mir mein Taschengeld zu verdienen. Es wäre gut, wenn man Eltern so verändern könnte, dass sie einem das Taschengeld auch ohne Staubwischen geben.“
Jeder wird in dem Buch seine eigenen Lieblingsantworten finden. Meine ist von Camille aus Frankreich. Der meinte auf die Frage: „Wenn du Gott eine Frage stellen könntest, welche wäre das?“: „Wenn ich was wissen will, frage ich meine Mutter.“
Sie haben als Journalistin schon häufig Erwachsenen Fragen zu ihren Vorlieben und Erfahrungen gestellt, oft auch über Fragebögen. War es anders, Kindern entsprechende Fragen zu stellen?
Und ob! Erwachsene sind sich bewusst, wie sie wirken, welchen Eindruck sie machen. Sie wissen, wie sie dastehen wollen und damit spielen sie. Davon leben Fragebögen ja auch, von Originalität und Sprachwitz. Bei Kindern ist das anders. Sie haben noch kein Image-Bewusstsein, sie antworten offen und direkt, wie zum Beispiel Emmanuel aus Angola. Auf die Frage „Was würdest du gerne an dir ändern?“ antwortet er schlicht und herzergreifend: „Ich habe ein Bein verloren, das hätte ich gerne wieder.“
Welche Ähnlichkeiten und welche Unterschiede haben Sie in den Antworten der Kinder entdeckt?
Verblüffend sind sowohl die großen Unterschiede, besonders natürlich zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, als auch erstaunliche Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel ist der größte Wunsch von Jake aus Neuseeland, 2 Millionen Dollar zu haben, während Nicola aus Palästina einfach nur in Frieden leben möchte. Aber eins verbindet die meisten Kinder, egal wo und wie sie leben: sie wünschen sich, dass ihre Eltern sich nicht streiten, weniger schimpfen, sich mehr Zeit für sie nehmen und liebevoller zu ihnen sind. Das gilt für alle Ländern auf der ganzen Welt - auch für Deutschland.
Welche Reaktionen gab es auf die Kinderporträts im Tagesspiegel und jetzt im Buch?
Der Kinderfragebogen wird von Kindern genauso gerne gelesen wie von Erwachsenen. Er ist aus dem „Kinderspiegel“ nicht mehr wegzudenken. Inzwischen beantworten dort Berliner Kinder aus multinationalen Familien meine Fragen – auch das ist immer aufschlussreich und rührend, weil wie so häufig die Sensibilität der Kinder und ihr Bedürfnis nach Sicherheit, Liebe und Zuwendung sichtbar wird. Bisher sind die Reaktionen auf das Buch genauso begeistert, auch wegen der ergänzenden Ländertexte, in denen das Leben der Kinder beschrieben ist. Durch sie wird „Ich wäre gern ein Huhn“ zu einem richtigen Lesebuch, während sich die Fragebögen eher zum Blättern und miteinander Vergleichen eignen. Und die sehr schönen und lustigen Illustrationen von Jens Rassmus fangen die fantasievolle Welt der Kinder ein, was auch kleinere Kinder anspricht. So ist für jede Altersstufe etwas dabei. Von einer Berliner Grundschule habe ich gehört, dass eine Lehrerin die Fragebögen mit ihren Schülern sogar als Theaterstück aufführt.
Warum haben Sie sich entschieden, den Fragebögen kurze Informationstexte zu den Herkunftsländern der Kinder an die Seite zu stellen?
Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich aus dieser einmaligen Sammlung von Kinderfragebögen aus aller Welt ein Buch machen kann. Es gab verschiedene Ideen, aber keine mochte mir so richtig gefallen. Bis ich auf die Idee kam, die Lebensbedingungen der Kinder näher zu untersuchen: wie ist es mit der Schule, der Ernährung, der Gesundheit? Welche Sitten und Gebräuche gibt es, welche Feste werden gefeiert, welche Spiele gespielt, welche Musik gehört? Alles, was Kinder interessiert hat Maria Wurlitzer zusammengetragen und kindgerecht formuliert. So ist jedes der 85 Länder auf einer Doppelseite zusammengefasst: links der Ländertext und rechts der Fragebogen. Das ist übersichtlich und kurzweilig zu lesen. Und es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken.
Haben Sie alle Fragebögen, die Sie hatten, ins Buch aufgenommen? Bzw. was waren die Auswahlkriterien?
Ich habe im Laufe der Jahre Kinder aus über 120 Ländern weltweit befragt. Für das Buch habe ich 88 Kinder aus 85 Ländern ausgewählt, sonst wäre es zu dick geworden. Und es haben auch nicht alle gleich viel hergegeben. Aber ich musste für das Buch in einigen Fällen auch noch kräftig kürzen.
Welche Idee steckt hinter den Blanko-Fragebögen für Erwachsene und Kinder, die im Buch zu finden sind? Haben Sie daraufhin schon (viele) Rücksendungen bekommen?
Ich wusste von Anfang an, dass ich den Kinderfragebogen auch als Blanko-Formular an das Buch anhängen wollte, damit die Kinder ihn auch selber ausfüllen können. Dann kam mir die Idee, auch einen entsprechenden Fragebogen für Erwachsene zu machen, über ihre eigene Kindheit. Der ist wie eine Widmung gedacht, das heißt, die Oma oder der Patenonkel füllt den Erwachsenenfragebogen zuerst aus und wenn das Kind auch seinen Fragebogen beantwortet hat, können sie ihre Antworten vergleichen. Dadurch können sie dann ins Gespräch kommen und auch über Dinge reden, über die sie sonst nicht ohne Weiteres sprechen würden. Den Kindern kann bewusst werden, dass die Erwachsenen auch mal klein waren und wie sie auch ihre Hoffnungen, Träume, Ängste und Nöte hatten. Und Erwachsene erfahren Dinge über die Kinder, die sie vielleicht sonst nicht immer ohne Weiteres wahr nehmen können.