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Deutsche Emigranten in der Türkei - eine Ausstellung
Der Katalog "Haymatloz - Exil in der Türkei 1933-1945" ist in der Schriftenreihe des Vereins Aktives Museum erschienen und kostet 19 Euro. Info: 030-281 51 98,
Email: info@aktives-museum.de
Internet: www.aktives-museum.de
"Heimatlos": das sind viele türkische und kurdische Flüchtlinge, die heute in Deutschland Sicherheit suchen. Dass es aber auch eine Zeit gab, in der deutsche Flüchtlinge in der Türkei ein Exil fanden, ist weniger bekannt. Dabei finden sich unter den mehr als tausend deutschen Emigranten viele bekannte Namen: Der Komponist Paul Hindemith, die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, der Germanist Traugott Fuchs, der Ökonom Alexander Rüstow und der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter. Daran erinnerte die Berliner Akademie der Künste mit ihrer Ausstellung "Haymatloz - Exil in der Türkei 1933 bis 1945".
Im April 1933 verloren tausende Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten ihre Stellung als Beamte. Später wurden auch Angestellte betroffen: auch sie verloren aus politischen oder rassistischen Gründen ihre berufliche Existenz. Um zu überleben blieb vielen von ihnen nur die Flucht ins Ausland. Zur selben Zeit reformierte der türkische Staatsgründer Atatürk radikal die türkische Gesellschaft und bemühte sich, das Land zu einem westlich-orientierten, säkularen Nationalstaat zu formen. Ein Teil dieser Veränderungen war die Hochschulreform. Dazu benötigte die erst 1923 gegründete Republik die Unterstützung von westlichen Wissenschaftlern. Als 1932 der Genfer Pädagokikprofessor Albert Malche zum Aufbau eines türkischen Universitätssystems in die Türkei ging, sollte das etwas später die Geschichte vieler deutscher Emigranten in der Türkei maßgebend prägen. Denn im Gegensatz zu anderen Exilländern waren sie hier nicht einfach Flüchtlinge, sondern als Ratgeber und Reformer willkommen.
Die im März 1933 von Philipp Schwartz, einem in die Schweiz geflüchteten Pathologen, gegründete "Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland" war die Vermittlungsstelle. Im Juli 1933 wurden die ersten 30 Anstellungsverträge mit deutschen Professoren unterzeichnet. Die türkische Regierung bezahlte den Umzug, bot für bis zu fünf Jahren eine feste Anstellung an und gab bis 1938 rund 5 Millionen Reichsmark für die prominenten Emigranten aus. Der frühere Status der Wissenschaftler - ob anderswo im Exil oder im Nazi-Gefängnis - spielte keine Rolle; sie mussten sich lediglich verpflichten, ihre Vorlesungen auf Türkisch abzuhalten und türkische Lehrbücher zu verfassen.
Auf diese Art nahm die Türkei während der NS-Zeit über tausend deutschsprachige Emigranten auf. Carl Ebert, der seit 1936 die Ausbildung von Musikern, Musiklehrern und die ersten Opernaufführungen in der Türkei organisierte, schrieb 1971: "Was von mir als romantische Episode empfunden worden war, wurde eine der tiefgreifendsten Erfahrungen in meiner künstlerischen Tätigkeit". Als "gezielten Wissenschaftler-Transfer" bezeichnet Christine Fischer-Defoy, Vorsitzende des Vereins Aktives Museum, das die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Istanbul organisierte, diese Emigration: "Von den etwa 1000 Lebensgeschichten sind ungefähr 700 jüdische. Etwa 120 Emigranten sind aus politischen Gründen weggegangen oder weil sie nicht mehr als Künstler arbeiten konnten."
Gleichwohl ging es Atatürk weniger um die Rettung jüdischer Flüchtlinge, als um eine temporär begrenzte Entwicklungshilfe durch ausgezeichnete Experten. So stand nicht wie in vielen anderen Exilländern das Gefühl deprimierenden Wartens und der Schmerz der Untätigkeit für die Flüchtlinge im Vordergrund, sondern das Arbeiten unter Kollegen. Carl Zuckmayer gründete die Akademie für Musiklehrer, Fritz Neumark führte das Einkommenssteuergesetz ein und Ernst Hirsch reformierte das türkische Justizwesen. Bis in die vierziger Jahre belegten deutsche Emigranten die Hälfte der Lehrstühle an der Istanbuler Universität.
Doch nicht nur Akademiker, die durch Arbeitsverträge abgesichert waren, emigrierten in die Türkei. Auch einige einfache Leute wie Handwerker und Gewerbetreibende exilierten auf eigene Faust. Im Gegensatz zur Bildungselite mussten diese sich selber um Arbeit kümmern, waren dem Wechselbad der deutsch-türkischen Politik ausgeliefert und liefen nach Ausbruch des Krieges Gefahr, ausgewiesen zu werden. Diese Biografien dokumentiert der Katalog ebenso wie den Alltag von Ehefrauen und Kindern und die Zugriffe des Deutschen Reichs auf "seine" Emigranten, die sich ironisch Kolonie B nannten, da sie hier auf die reichsdeutsche Kolonie A stießen.
Das Leben im türkischen Exil war nicht immer ein Wartesaal erster Klasse: Der lange Arm der Nazis, der bis zum Bosporus und seiner Hitlerjugend in Istanbul reichte, zwang 1938 die türkische Regierung, bei der Einreise von Flüchtlingen einen "Ariernachweis" zu verlangen. Gleichzeitig wurden die Emigranten in der Türkei von Deutschland aus willkürlich ausgebürgert, akademische Grade entzogen, die Rentenansprüche versagt und das Erbrecht aberkannt. Mit Abbruch der diplomatischen Beziehungen beider Länder 1944 wurden etwa 600 Emigranten, die keine staatliche Anstellung hatten und nicht nach Deutschland zurückkehren wollten, in Anatolien interniert.
1949 waren etwa zwei Drittel der Emigranten wieder aus der Türkei abgereist. Etwa 28% wählten die Weiterwanderung in die USA und nach England. Für die Mehrzahl war die Türkei eine Zwischenstation. Von 1000 Emigranten blieben nach dem Krieg nur 28 in der Türkei, acht konvertierten zum Islam und sechs wurden samt Familie eingebürgert.
Warum wir erst so spät über das deutsche Exilleben in der Türkei erfahren, hat für Cornelius Bischoff, der zu den Emigrantenkindern gehörte, folgenden Grund: "Ich habe ja auch schon in den 80-er Jahren mit der Yol-Kulturstiftung in München so eine Ausstellung gemacht, aber das ist wahrscheinlich zu früh gewesen. Ich bin mit diesem Thema von Pontius zu Pilatus gelaufen, niemand wollte etwas davon wissen. Aber ich will es mal ganz krass sagen - des einen Schande ist des anderen Ehre. Das wird der Grund gewesen sein."
Die Ausstellung und ihr Katalog heben das Thema Emigration in die Türkei erstmals in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit und leisten zugleich einen wichtigen Beitrag zur Emigrationsforschung, so die Hamburger Historikerin Prof. Monika Richarz. Auch Edzard Reuter freut sich über den -wenn auch späten- "Zeitgeist, der endlich die Mitwirkung deutschsprachiger Emigranten an der Entwicklung der modernen Türkei würdigt".
Dass sich Nachkommen der Flüchtlinge erstmals nach 50 Jahren wiedersahen, Schüler mit Zeitzeugen diskutieren konnten, Unterrichtsmaterialien zu diesem Thema herausgegeben wurden, kleine Anekdoten auf einer CD-Rom Aufschluss über die Tücken des ganz normalen Alltags im Exil wiedergeben, viele Menschen um ihr Wissen bereichert wurden, gehört zu den Verdiensten dieser Ausstellung, die ab dem 24. Mai 2000 an der Europa-Universität "Viadrina" in Frankfurt an der Oder zu sehen sein wird.
Anmerkung der Redaktion von aktiv-fuer-kinder:
Der vorliegende Artikel bezieht sich auf eine Ausstellung, die leider schon beendet ist, der Katalog ist aber noch erhältlich (s.o.)

Quelle: Ausländer in Deutschland 1/2000, 16.Jg., 31. März 2000, isoplan
Wir danken isoplan für die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Beitrags!